11.12.2017, 05:01 Uhr

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Leseprobe G-man Jerry Cotton

Seit über sechzig Jahren kämpft ein Mann gegen das Verbrechen: Jerry Cotton, der für das FBI inzwischen über 3.100 hochspannende Fälle gelöst und die Leserinnen und Leser jede Woche aufs Neue begeistert.

Diese Leseprobe stammt aus dem Roman 'G-man Jerry Cotton', Band 3.124.

Der Tod lauert überall

Ich steuerte unseren Ford den Highway 1 in südlicher Richtung entlang. Erneut überquerten wir den Fluss, diesmal auf der Tobin Memorial Bridge, und zweigten dann bei Millers River auf die Interstate 93 ab. Am entfernten Ende des Flusses setzte sich das hoch aufragende Backsteingebäude des Bostoner Nordbahnhofs vor dem fast wolkenlosen blauen Himmel ab.
„Hast du dir die Tatortfotos angesehen?“, fragte Phil.
Das hatte ich. Sie waren definitiv nichts für zarte Gemüter. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Wärme hatten ihren Tribut gefordert. Aber wir beide hatten mehr als genug Leichen gesehen, als dass uns so etwas die Laune an einem strahlenden Sonnentag in Boston verhageln würde.
„Sieht sehr nach einem Profi aus“, kommentierte mein Partner.
„Es war jedenfalls definitiv kein Affektverbrechen“, stellte ich fest. „Wohl eher eine Hinrichtung.“
„Mit dem Charakter einer deutlichen Warnung“, sagte Phil.
Da pflichtete ich ihm bei: Der oder die Täter hatten Ang zuerst auf den Bauch gelegt. Sie hatten seine Fußknöchel gefesselt und eine Schlinge um seinen Hals gelegt und beides dann so miteinander verknüpft, dass sich Ang zwangsläufig selbst erdrosselte, sobald seine Kraft nachließ.
Ein langsamer und grausamer Tod. Und eine Inszenierung mit Symbolwirkung.
Diese Art, jemanden umzubringen, hatte ich schon einmal gesehen: bei einem Bandenkrieg zwischen zwei verfeindeten Triaden-Clans in New York.
Damals war das NYPD in ein Abbruchhaus in der Bronx gerufen worden. Sie hatten die Leichen von vier Männern entdeckt, die exakt auf dieselbe Art getötet worden waren. Wie sich später herausstellte, hatte es sich um Überläufer gehandelt. Die Mörder hatte man nie gefasst, aber jedem war klar, dass es sich gleichermaßen um eine Bestrafung wie auch um eine Machtdemonstration zwischen konkurrierenden Gruppen gehandelt hatte.
„Wenn die Täter wirklich aus dem Umfeld der Triaden kommen, möglicherweise aus der 14-K-Bande, kann das schnell sehr unübersichtlich werden.“
„Stimmt, Phil. Aber es gibt auch einiges, das nicht so recht zur Triaden-Theorie passt.“
„Und das wäre?“, fragte mein Partner.
„Die Mordmethode ist auffällig. Eine Inszenierung. Aber warum der Versuch, die Identifikation des Opfers zu verhindern? Die Tücher, die Entfernung der Zähne? Das scheint mir kontraproduktiv, wenn man die Konkurrenz vorführen möchte. Und das Opfer lag ja schon eine Weile dort. Niemand hat die Polizei gerufen, um die Sache publik zu machen. Was bringt einem die schönste Hinrichtung ohne Schaulustige?“
Phil nickte zustimmend. „Es wäre gut zu wissen, was Ang nach seiner Zeit im Verein so getrieben hat.“
„Ich denke, wir sollten uns auch ansehen, mit wem er in Kontakt stand, während er für den Zeugenschutz gearbeitet hat. Wenn er tatsächlich Zeugen verraten hat, gibt es haufenweise Geschädigte, die einen guten Grund hätten, ihm den Hals umzudrehen. Von denen haben nicht wenige selbst Dreck am Stecken.“
„Sofern diese Leute überhaupt noch am Leben sind“, gab Phil zu bedenken. Denn falls Ang Nutznießer des Zeugenschutzes verraten hatte, waren deren Tage vermutlich schnell gezählt gewesen.
Im nächsten Augenblick stieß Phil einen Freudenschrei aus. Er hatte quasi direkt vor Tyler Street Cleaners einen Parkplatz entdeckt, nicht gerade eine Selbstverständlichkeit in Bostons Chinatown.
Wir stiegen aus und sahen uns um. Überall Pagoden, von den meisten Fassaden hingen rote Flaggen mit goldenen chinesischen Schriftzeichen. Quer über die Straßen waren rot-goldene Lampions gespannt. Straßenhändler boten angebliche Markenuhren und Original-DVDs an, und auf einer improvisierten Bühne am Ende der Straße probten kleine Mädchen unter der strengen Beobachtung ihrer Lehrerin eine Tanzaufführung zu fremdartiger Musik, die aus einem Lautsprecher plärrte. In einer winzigen Fleischerei baumelte ein Dutzend glasierter Enten in der Auslage.
Ich nahm fasziniert die Atmosphäre auf und sog die Düfte ein, die durch die Straßen waberten. Schade, dass uns nur wenig Zeit bleiben würde, die kulinarische Vielfalt dieses Stadtteils zu genießen.
Ein kleiner Lieferwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der die Beschriftung Chens Li River Laundry trug, wurde von einem sehnig aussehenden Asiaten beladen, sein etwas beleibterer Kollege lehnte am Kotflügel, eine Zigarette im Mundwinkel, und sah gelangweilt zu uns herüber.
Die Blinker leuchteten kurz auf, als ich die Zentralverriegelung am Ford auslöste. Wir begaben uns in die Wäscherei. Die Türglocke am Eingang zur Wäscherei betätigte ein Windspiel, dessen schwebende Klänge uns in einem abgelegenen Bergkloster wähnen ließ.
Hinter dem Tresen saß eine uralte Lady mit einem verwitterten Gesicht auf einem Stuhl und schob etwas Undefinierbares von einer Backe in die andere. Sie musste weit über achtzig sein, und ihren eingefallenen Lippen nach zu schließen, hatte sie weniger Zähne im Mund als Stanley Ketchel nach seinem K. o. durch Jack Johnson im Jahr 1909.
Phil und ich präsentierten ihr unsere Dienstmarken. Sie wirkte nicht gerade beeindruckt.
„Guten Tag, Ma‘am. Mein Name ist Cotton vom FBI, das ist mein Partner Decker. Wir möchten Mister Xu sprechen.“
Die Alte starrte uns an, als wären wir zwei Außerirdische.
„Mister Xu, ist er zu sprechen?“, wiederholte ich lautstark, da ich vermutete, dass das Gehör der alten Dame nicht mehr das beste war.
Sie runzelte die Stirn, dann schnappte sich ihre altersfleckige Klaue einen Abholzettel der Wäscherei vom Tresen und fuchtelte damit vor meinem Gesicht herum. Ganz offensichtlich versuchte sie mir deutlich zu machen, dass sie ohne eine gültige Quittung außerstande war, mir meine Wäsche auszuhändigen.
„Na, wenn das die Clan-Chefin ist, dann gute Nacht organisiertes Verbrechen“, murmelte Phil sarkastisch hinter meinem Rücken.
„Mister Xu. Der Chef!“, machte ich einen letzten verzweifelten Versuch.
Im selben Moment teilte sich der Vorhang aus Perlenschnüren hinter ihr, und ein kleines, ebenso dürres wie kahlköpfiges Männlein trat in den Vorraum.
„Meine Mutter ist nicht nur schwerhörig, sondern spricht auch kein Wort Englisch“, sagte er mit einer hohen Fistelstimme und einem deutlichen Akzent. Er strecke uns eine schmale Hand zur Begrüßung hin. „Yang Xu mein Name. Ich bin der Inhaber der Wäscherei. Und Sie sind von der Polizei?“
„Vom FBI, Mister Xu. Wir kommen aus Washington, um den Fall des Toten in Ihrem Heizkeller zu untersuchen.“
Xu zog verärgert die Augenbrauen hoch. „Aber ich habe Ihren Kollegen doch schon alles gesagt.“
Diesen Spruch würde ich demnächst für das Bullshit-Bingo im Büro einreichen, so oft hatte ich ihn schon in meinem Leben gehört.
„Tja, da müssen Sie jetzt ganz stark sein“, tröstete ihn Phil, „und uns alles noch einmal erzählen.“
Xu seufzte demonstrativ und wechselte ein paar Worte auf Chinesisch mit seiner Mutter, die sie zu verstehen diesmal offenbar keine Probleme hatte. Dann klappte er ein Brett am Tresen hoch, sodass wir zu ihm auf die andere Seite treten konnten.
„Folgen Sie mir bitte nach hinten!“





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