23.10.2017, 17:31 Uhr

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Leseprobe "Silvia-Gold"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Romanreihe "Silvia-Gold"


Seine Frau, die Fremde

Sylt. Wann immer sie konnte, kam Victoria Stettin auf die Insel. Die Sehnsucht trieb sie. Die Sehnsucht nach den Dünen, den grünen Wiesen, der roten Heide. Eine Sehnsucht, die nur gestillt wurde, wenn sie über den Hindenburgdamm, der Sylt mit dem Festland verband, nordwärts fuhr.
Die wenigsten Menschen allerdings empfanden so wie sie. Für die meisten war Sylt nur ein Spielplatz des Snobismus, des Flirts und der Exklusivität. Um Sylt wenigstens ein paar Tage für sich zu haben, war Victoria den anderen vorausgefahren.
Einsamkeit. Möwen. Wind. Das blonde Haar – sonst teuer gestylt – trug sie zerzaust. Sie wollte frei sein. Und schon immer war Haar, das ihr ins Gesicht wehte, im Wind flatterte, für sie der äußere Ausdruck von Freiheit gewesen. Dieses Gefühl stammte wohl noch aus den Tagen, in der ihre Eltern sie ins Internat geschickt hatten, weil Reichtum wenig Zeit für Liebe ließ.
Victoria ließ das Strandkleid von ihrem Körper in den weichen, warmen Sand gleiten. Es war ein fast sinnliches Gefühl, als sie zum ersten Mal in diesem Jahr spürte, wie das Salzwasser ihre Haut massierte.
In der Hörnumer Odde war das Baden wegen der tückischen Strömungen streng verboten. Aber Victoria hatte sich noch nie an Verbote gehalten. Außerdem war das Wasser so seicht, dass sie mit den Füßen den Boden berühren konnte.
Normalerweise! Doch an diesem Nachmittag schienen sie die Unterströmungen daran hindern zu wollen. Immer wieder wurden ihr die Beine fortgezogen, ehe sie den sicheren Grund erreichen konnte.
Noch blieb Victoria ruhig. Sie war eine gute Schwimmerin und überzeugt, zumindest körperlich unverwundbar zu sein. Sie legte sich auf den Rücken, ließ sich treiben, badete das Gesicht in der Sonne. Für einen Augenblick vergaß sie Steffen, vergaß sie Brian und all die anderen Männer, die ihr Schmerz zugefügt hatten. Sie war das, was man von einer Millionärin erwartete – sie war glücklich.
Irgendwann jedoch bekam sie Hunger. Sie drehte sich vom Rücken auf den Bauch und begann zu schwimmen. Aber so sehr sie sich auch bemühte, der Strand kam nicht näher. Im Gegenteil, sie trieb immer weiter aufs offene Meer hinaus.
In der Ferne leuchteten die Rettungsstationen, und jetzt sah sie auch die aufgezogenen Warnbälle. Sie begann zu rufen, zu winken, die Wellen waren höher geworden, schlugen ihr ins Gesicht, sie schluckte Salzwasser.
*
Seit drei Tagen war Claudia Anselm nun schon auf Sylt. Von der Insel hatte sie noch kaum etwas gesehen, dafür umso mehr von den Bars, den Cafés und den Restaurants. Das Urlaubsbudget, das vierzehn Tage reichen sollte, war schon fast um die Hälfte geschmolzen.
Und wieder einmal haderte sie mit ihrem Schicksal, das sie so stiefmütterlich behandelte. Vor allem, wenn sie die jungen Frauen hier betrachtete. Keines ihrer Kleider stammte von der Stange oder aus einer Boutique mit vernünftigen Preisen.
„Vernünftig“ – oh, wie sehr sie dieses Wort hasste. Konstantin, ihr Mann, war vernünftig. Sie war vernünftig. Die drei Kinder sollten vernünftig sein. Vernunft war Mittelmaß.
Mittelmaß! Wahrscheinlich gaben die Frauen hier im Monat mehr Geld für den Friseur aus als sie für den Haushalt. Sie fuhren schicke Sportwagen, wurden von blendend aussehenden Männern begleitet und sahen alle miteinander großartig aus.
Claudia kam sich dagegen hausbacken vor. Sie hatte fünf Pfund zu viel auf den Hüften, einen unauffälligen, leicht zu pflegenden Haarschnitt und trug vor allem praktische Kleidung. Kein Wunder, dass bisher noch kein Mann mit ihr hatte flirten wollen.
Gerade noch in Selbstmitleid versunken, hörte Claudia plötzlich die Hilferufe.
Um Himmels willen, da ertrank jemand!
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, rannte sie los, zog sich während des Laufens Bluse und Hose aus und sprang in die Brandung. Mit kräftigen Schwimmstößen schwamm sie los, bekam die Frau zu fassen und schaffte es mit letzter Kraft, sie an den Strand zu ziehen.
Minutenlang lagen beide Frauen völlig erschöpft im Sand, das lange Haar hing ihnen in triefend nassen Strähnen ins Gesicht. Noch war alles normal. Soweit man eine Situation, in der man gerade einen Menschen vor dem Ertrinken gerettet hatte, normal nennen konnte.
Aber in Anbetracht dessen, was geschah, als Victoria sich aufstützte und in das Gesicht ihrer Lebensretterin blickte, war der Ausdruck nicht mehr richtig. Die Frau, die vor ihr lag, hatte ihr Gesicht!



Die Ähnlichkeit ist für beide Frauen ein Schock! Doch als sie sich näher kennenlernen, wird ihnen klar, dass das Schicksal ihnen eine einmalige Chance bietet. Sie beschließen, ihr Leben zu tauschen …





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