21.10.2017, 16:11 Uhr

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Leseprobe "Jessica Bannister"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Mystery-Serie "Jessica Bannister"

Leseprobe aus Jessica Bannister Band 1:
„Nachts, wenn du die Geister rufst …“

In wenigen Minuten sollte ich bei Martin T. Stone, dem Chefredakteur des London City Observer, vorsprechen. Aufgeregt presste ich die Mappe mit den Bewerbungsunterlagen gegen die Brust und schickte mich an, das düstere alte Haus zu betreten.
Eine seltsame Unruhe ergriff plötzlich wieder Besitz von mir. Die beängstigenden Bilder aus meinem Albtraum drängten sich in mein Bewusstsein …
Dunkel erinnerte ich mich, durch einen finsteren Gang geirrt zu sein, an dessen Ende ein Raum lag, der nur von Kerzen erhellt worden war. Düstere Gestalten hatten dort eine Geisterbeschwörung abgehalten. Unheimlich, geradezu bedrohlich war die Atmosphäre dort gewesen.
Ich schauderte. Was hatte dieser Traum zu bedeuten? Hatte er überhaupt etwas zu bedeuten? Oder hatte ich mir nur etwas von Tante Bell einreden lassen? Von Tante Bell, die so fest an die Macht des Übersinnlichen glaubte?
Nein, sagte ich mir, Träume sind Schäume, und es gibt auch keine Geister und Gespenster. Dieses düstere Haus hat dich nur an diesen unsinnigen Traum erinnert, das ist alles. Der Traum war weder eine Warnung noch eine Vorahnung.
Ich straffte mich. Dann trat ich ein. Wenige Augenblicke später stand ich der Chefsekretärin von Martin T. Stone gegenüber.
„Sie werden bereits erwartet, Miss Bannister“, erklärte die dunkelhaarige Frau, nachdem ich ihr mein Anliegen vorgetragen hatte. Einladend deutete sie dabei auf eine Tür, deren oberes Drittel mit einer Milchglasscheibe versehen war. Martin T. Stone stand darauf.
Ich wollte gerade anklopfen, als auch schon ein lautes „Herein“ zu hören war.
Als ich eintrat, merkte ich, dass ich zitterte. Meine Nervosität stieg, als Martin T. Stone plötzlich zu mir aufschaute. Seine blauen Augen, die nun auf mich gerichtet waren, strahlten Klarheit aus und verrieten einen nüchternen, scharfen Verstand.
„Ich hoffe, dass Sie nicht auch zu dieser Sorte unbrauchbarer Journalisten zählen“, bemerkte er. „Meine Zeit ist knapp bemessen. Ich habe keine Lust, mich mit dilettantischen Anfängern herumzuschlagen.“
„Jeder Neuanfänger braucht eine Chance, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen“, behauptete ich.
„Aus diesem Grund sind Sie ja auch hier“, brummte Stone mit säuerlicher Miene. „Aber es ist Ihre einzige Chance, verstanden? Wenn Sie sich nicht bewähren – wovon ich ausgehe –, sind Sie wieder raus aus dem Job!“ Dann reichte er mir einen Zettel. „Ihr Auftrag.“
Ein einziger Name stand darauf geschrieben: Rosemarin Gathrie.
„Sagt Ihnen der Name was?“
Ich zuckte vage mit den Schultern. „Rosemarin Gathrie … sie ist eine bekannte Schriftstellerin. Das ist aber auch schon alles, was ich weiß.“
„Na prima!“, stieß Stone hervor. „Das fängt ja gut an!“ Er bedachte mich mit einem Kopfschütteln. „Rosemarin Gathrie ist nicht bloß irgendeine Schriftstellerin, sondern auch eine Gräfin. Sie lebt in einer Burg in der Nähe von Glasgow. Und sie feiert demnächst ihren fünfzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlass wollen wir ein ausführliches Porträt über sie veröffentlichen, mit Interview und einigen interessanten Anekdoten. Sie schreibt gerade an einem neuen unheimlichen Liebesroman, und über den wollen wir vorab auch einige Informationen bringen. Aber ich erwarte von Ihnen, werte Miss Bannister, mehr als nur das übliche Geschreibsel, das schon diese Schmierenblättchen von der Konkurrenz über die Schriftstellerin bringen.“
Ich hatte einen Kugelschreiber hervorgezogen und mir eifrig Notizen in ein Büchlein gemacht, das ich immer bei mir trug. Jetzt blickte ich wieder zu Stone auf.
„Ich werde Sie bestimmt nicht enttäuschen“, sagte ich und legte dabei mehr Zuversicht in meine Worte, als ich empfand.

*

In der Leitung ertönte das Klingelzeichen. Ich musste lange warten, bis mein Anruf endlich entgegengenommen wurde. Und dann meldete sich auch nur ein gewisser Josef Potter, der sich als Butler der Gräfin ausgab.
Ich erklärte, dass ich Rosemarin Gathrie wegen ihres bevorstehenden fünfzigsten Geburtstages dringend sprechen müsse. Und als der Butler nachfragte, um was genau es sich handelte, erzählte ich kurzerhand, es gehe um ein Geschenk.
Einen bangen Augenblick blieb es still am anderen Ende der Leitung. Ich befürchtete schon, der Butler würde mit seinen Fragen nicht lockerlassen und mich zuletzt doch in Verlegenheit bringen.
„Warten Sie bitte einen Moment“, kam dann aber die distinguierte Antwort. „Ich werde die Gräfin fragen, ob sie mit Ihnen zu sprechen wünscht.“
Wieder musste ich mich in Geduld fassen. Es dauerte fast zwei Minuten, bis sich wieder jemand meldete.
„Rosemarin Gathrie“, ertönte eine raue, fast drohend klingende Frauenstimme.
Ich war einen Augenblick lang verwirrt. Die Stimme rief irgendeine unangenehme Erinnerung in mir wach. Nur wusste ich nicht genau, welche.
Rasch schüttelte ich die lästige Empfindung ab und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch. Natürlich konnte ich nun nicht länger mit der Wahrheit hinterm Berg halten. Also nannte ich schnell meinen Namen und den wahren Grund meines Anrufs.
„Finden Sie nicht auch, dass Ihre zahlreichen Verehrer ein Recht darauf haben, zum Anlass Ihres fünfzigsten Geburtstags etwas über Ihr Leben zu erfahren? Aus erster Hand sozusagen?“, fügte ich hinzu.
„Sie wissen wahrscheinlich, dass ich grundsätzlich keine Interviews gebe“, antwortete Rosemarin Gathrie reserviert. „Wenn Sie einen Artikel über mich schreiben wollen, wenden Sie sich an die Pressestelle meines Verlags. Die schickt Ihnen gerne ausführliches Material.“
Diese Stimme!, dachte ich voller Unbehagen. Woran erinnert sie mich nur? Sonderbare, beängstigende Bilder drängten sich in mein Bewusstsein.
„Ein Interview ist aber viel lebendiger und ursprünglicher als Informationen aus zweiter Hand“, zwang ich mich zu einer Erwiderung.
Ich erschrak darüber, wie spröde und zittrig meine eigene Stimme plötzlich klang.
„Geben Sie sich keine Mühe“, entgegnete die Schriftstellerin abweisend. „Ich werde nicht von meinem Vorsatz abrücken.“
Vor meinem geistigen Auge erschien plötzlich ein beängstigendes Bild …
Düstere Gestalten, die um einen runden Tisch saßen und sich bei den Händen hielten. Über ihnen schwebte eine nebelhafte Geistererscheinung, und ein beschwörender Gesang hing in der Luft – vorgetragen von einer rauen, fast drohend klingenden Stimme …
Verzweifelt versuchte ich die fremdartigen Eindrücke abzuschütteln, und ich fragte mich, was nur plötzlich mit mir los war.
„Halten Sie in Ihrer Burg eigentlich Geisterbeschwörungen ab?“, hörte ich mich gleichzeitig zu meinem eigenen Erstaunen fragen.
Am anderen Ende der Leitung blieb es eine Weile still.
Ich wagte kaum zu atmen. Ich wusste selbst nicht, welcher Teufel mich geritten hatte.
„Ich sagte bereits, dass ich keine Fragen beantworte“, kam die unterkühlte Antwort der Gräfin. „Wie kommen Sie zu dieser unsinnigen Annahme, ich würde Séancen abhalten?“
Ich konnte mir auf diese Frage selbst keine Antwort geben. „Vielleicht ist es weibliche Intuition.“
Wieder entstand eine kurze Pause. „Wie war Ihr Name? Von wo rufen Sie an?“
Ich sagte es ihr.
„Ich werde Sie zurückrufen“, murrte die Gräfin nachdenklich – und hängte dann auf.
Fassungslos starrte ich den Hörer in meiner Hand an. Ich konnte selbst nicht begreifen, welch eigenartige Wendung das Gespräch genommen hatte.
Es ist verrückt, dachte ich erschaudernd. Die Erwähnung der Geisterbeschwörung scheint bei Rosemarin Gathrie irgendetwas hervorgerufen zu haben …





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