22.10.2017, 11:45 Uhr

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Leseprobe "Dark Land"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Romanreihe "Dark Land"

Wynn wusste nicht, wo er sich befand. Er wusste nur, dass er auf der Jagd nach dem Mörder seiner Mutter durch ein Tor gegangen war, das ihn an einen fremden Ort geführt hatte. Die Häuser, die Autos – alles wirkte wie in einer Großstadt aus längst vergangener Zeit. Hatte das Tor ihn in die Vergangenheit versetz?
Er sah sich genauer um. Die Leute waren nicht nur Leute, nicht alle, darunter waren auch …
Schrecken dämmerte in Wynn herauf und erfüllte ihn mit Kälte, die ihm eine Gänsehaut verursachte.
Hier sah er Menschen Seite an Seite mit …
Da sprang ihm ins Auge, wonach er immer noch, trotz aller Ablenkung, Ausschau gehalten hatte: eine schaurige Gestalt mit steinerner Haut und einem dürren, aber sehnigen Hals. Darauf saß ein faltenreicher Kopf, dessen buchstäblich herausragendstes Merkmal ein breiter Schnabel mit messerscharfem, bis zur Stirn reichendem Rücken war.
Vor ihm stand der Dämon, der seine Mutter getötet hatte!

Der Schnabeldämon stieg die breite Treppe am Ende des Bahnsteigs hinauf, inmitten einer ganzen Schar von Leuten, und niemand wunderte oder erschreckte sich gar über seinen Anblick. Allenfalls wahrte man ein bisschen Abstand zu ihm, wie man sich von den anderen fernhielt, die keine Menschen waren …
Die Hand am Griff der Pistole, lief Wynn zielstrebig auf die Treppe zu. Das wütende Feuer in ihm loderte wieder.
Er hetzte die Stufen hoch. Dennoch schien es ewig zu dauern, bis er die Treppe erklommen hatte und endlich draußen im Freien war.
Der Schnabeldämon war verschwunden. Leute strömten auf den U-Bahnhof zu und von ihm weg. Unangenehm kalter, feiner Regen sprühte vom Himmel.
Wynns Blick schweifte umher und ging unter in einem schwarzen Meer aus aufgespannten Regenschirmen. Irgendwo darin trieb auch der Schnabeldämon …
Er hetzte weiter. Sein Weg durch die Stadt kam einem Spießrutenlauf gleich. So fremd ihm auch alles sein mochte, war doch er derjenige, der hier auffiel, der selbst der Fremde war. Entsprechend sandte man ihm Blicke nach, die zwischen Verwunderung, Neugier, Argwohn und Misstrauen schwankten.
Allerdings bestand kein Unterschied darin, ob es nun Menschen waren, die ihm hinterhersahen … oder Dämonen.
Wobei er nicht wusste, ob es wirklich Dämonen waren. In dem Sinn, wie er sie kannte. Wie er sie bislang bekämpft hatte. Drüben, in seiner Welt. Denn dass er tatsächlich in einer anderen Welt und nicht einfach nur in einer anderen Zeit gelandet war, daran zweifelte er inzwischen kaum noch. Dazu waren die Unterschiede zu groß – trotz aller Gemeinsamkeiten.
Und der größte dieser Unterschiede war unbestritten die Präsenz der Dämonen. Oder von Wesen, die dämonisch aussahen – denn ihr Verhalten war es nicht. Sie bewegten sich unter den Menschen, schienen mit ihnen zu leben in dieser Stadt.
Von der Welt, in der die Stadt lag, hatte er noch nichts gesehen in der kurzen Zeit seines Aufenthalts. Auch wenn er das Gefühl hatte, mittlerweile meilenweit gelaufen zu sein.
Unverändert wanderte er durch hohe Häuserschluchten. Schwarz wie senkrechte Granitwände ragten sie beiderseits der Straßen auf. Goldenes Licht leuchtete hinter vielen Fenstern, kündete von den Abertausenden, die dort wohnten oder arbeiteten.
Der Himmel hier hatte sich unterdessen verdunkelt. Nachtschwarz war er nicht geworden. Das mochte an den Lichtern der Stadt liegen, die von den nach wie vor dichten Wolken reflektiert wurden. Oder es wurde nicht Nacht in dieser Welt. Vielleicht herrschte ewiges Zwielicht, das nur zwischen verschiedenen Nuancen von Grau wechselte.
Den Eindruck, es könnte sich um eine irdische Großstadt aus den Vierziger- oder Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts handeln, hatten zunächst auch die Autos auf den Straßen bekräftigt. Bis Wynn genauer hingesehen und kleine Unterschiede ausgemacht hatte – die hiesigen Modelle ähnelten samt und sonders den Schlitten der damaligen Zeit, aber es waren nicht die gleichen.
Und so war es hier nicht nur mit den Autos. Es war mit allem so …
„Aua! Pass doch auf!“, raunzte ihn jemand an.
Weil er nicht aus dem Schauen und Staunen herauskam, war Wynn in jemanden hineingelaufen.
„Entschuldigung, ich …“
Doch als er aufblickte, erstarrte er, und was er noch sagen wollte, blieb ihm im Hals stecken.
Sein Gegenüber fauchte, zuckte aber gleichzeitig zurück wie eine getretene Katze, die einen zweiten Tritt befürchtete.
Ähnlichkeit mit einer Katze hatte diese Kreatur allerdings nicht. Was Wynn sah, wirkte keineswegs so harmlos wie eine Katze, und er fasste, einem Reflex gehorchend, nach seiner Pistole …





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