23.10.2017, 06:11 Uhr

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Leseprobe "Lore-Roman"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus unserer Reihe Lore-Roman


"Als Rosenmädchen fand er sie"

Sie waren vom Notar ins Schloss zurückgekehrt. Während Marietta sich vor dem großen Spiegel in der Schlosshalle den Trauerhut mit dem schwarzen Schleier absetzte, trat der Cousin aus dem Blauen Salon, der Marietta seit ihrer Heirat als Arbeitszimmer diente.
Der Cousin hatte auch einen Namen, den sich Dorothea endlich gemerkt hatte. Er hieß Dr. Ralf Tasman und war Rechtsanwalt in Zürich.
Seit dem Beerdigungstag – also seit drei Tagen – wohnte Ralf Tasman in einem Gästezimmer des Schlosses. Er war ständig in der Nähe von Marietta. Er verschlang sie mit seinen Augen, doch er sprach meist kein Wort.
Dorothea fand, dass er schön wie ein Apollo war, doch sie vermisste den Geist an ihm, die Intelligenz. Seine Augen waren dunkel und auf seltsame Weise drohend. Er war höflich, hatte ein vollendetes Benehmen und sah blendend aus. Trotzdem fühlte sich Dorothea in seiner Nähe immer unbehaglich.
Während sich Dorothea das Haar vor dem Spiegel ordnete, sah sie, wie Dr. Tasman Marietta in den Blauen Salon führte. Die Tür war geöffnet, und unwillkürlich musste sie das Gespräch der beiden mit anhören.
„Also, mein Liebling: Was hat es beim Notar gegeben?“
Mariettas Stimme war unbekümmert und übermütig. „Sieg auf der ganzen Linie, Ralf. Alles gehört mir.“
Dorothea begriff zunächst gar nicht den Sinn von Mariettas Worten. Doch dann traf es sie wie ein Schlag: Marietta und dieser Dr. Ralf Tasman waren ein Liebespaar.
Dorothea glaubte einen Albtraum zu erleben. Marietta, ihre vertraute Freundin, sollte falschspielen?
Dann aber stand Marietta plötzlich vor ihr.
„Da staunst du, was, Dorothea? Leider wirst du mit ansehen müssen, wie sich die traurige Witwe in Kürze tröstet. Wusstest du nicht längst, dass ich deinen Vater gar nicht geliebt habe?“
Dorothea tastete nach dem Rahmen der Tür, um sich daran festzuhalten.
„Marietta“, stammelte sie mit blassen Lippen. „Um Himmels willen – sag, dass du mir nur aus Verzweiflung eine Komödie vorspielst. Du hast Papa doch geliebt, Marietta!“
„Pah!“, entgegnete Marietta. Ihr schönes, rassiges Gesicht war voller Triumph, voller Hohn. „Glaubst du im Ernst, dass sich eine Zwanzigjährige in einen Fünfzigjährigen verlieben kann? Ich habe deinen Vater nie gemocht. Er war mir widerlich. Ja, ich hasste ihn sogar.“
„Marietta!“, schrie Dorothea auf.
Alles begann, sich um sie zu drehen. Und dann schob sich das starr lächelnde Gesicht des Cousins vor Mariettas spöttisches Antlitz.
„Marietta und ich – wir lieben uns schon seit Jahren“, bekannte er und verschlang Dorothea mit gierigen Augen. „Ich selbst riet ihr vor einem Jahr, Ihren Papa zu heiraten, Komtess. Etwas Schöneres konnte gar nicht passieren. Ich selbst stand knapp vor meiner Promotion als Rechtsanwalt und konnte ihr nicht das luxuriöse Leben bieten, das sie liebte. Wir schrieben uns immer, fast jeden Tag. Marietta teilte mir mit, wie unglücklich sie sich an der Seite Ihres Papas fühlte, Komtess. Doch jetzt ist er tot. Jetzt können wir unsere Liebe endlich öffentlich bekennen.“
Dorothea taumelte zurück. „Keine Sekunde“, stammelte sie, „bleibe ich mit Ihnen unter einem Dach, Doktor Tasman.“
Dr. Ralf Tasman lachte. „Wundervoll!“, rief er aus. „Ihr Anblick, Komtess, würde meine geliebte Marietta wirklich gewaltig stören. Und im Grunde genommen haben Sie hier auch nichts mehr zu suchen. Marietta ist Alleinerbin.“
Dorothea wandte den Kopf. Sie blickte Marietta stumm an.
„Und du?“, flüsterte sie tonlos. „Sag, dass du es ehrlich gemeint hast, Marietta. War wirklich alles Lüge zwischen uns? Willst du wegen diesem Mann alles aufs Spiel setzen, was uns einmal wertvoll war?“
Marietta warf den Kopf mit den rotblonden Locken zurück.
„Papperlapapp, werde nicht sentimental, Dorothea. Als ich sechzehn war, starben meine Eltern durch einen Autounfall. Ich blieb allein und arm zurück. Die Lebensversicherung meiner Eltern ermöglichte mir die Jahre im Höheren Töchterheim, wo ich dich kennenlernte. Als meine Eltern starben und jedermann mir sagte, wie schön ich wäre, wusste ich, dass ich mir meinen Platz in Reichtum und Glanz selbst schaffen musste. Dann nahmst du mich mit in den Ferien an die Riviera. Dein Vater – ich gebe zu, er wirkte großartig und weltmännisch – verliebte sich in mich. Ich aber liebte längst Ralf und war einig mit ihm. Die lächerlichen Liebesbeteuerungen deines grauhaarigen Papas kamen mir zum Schreien komisch vor. Dann aber riet Ralf mir, den Alten zu heiraten.“
„Den Alten zu heiraten?“, stieß Dorothea fragend hervor. Ihre Augen hatten sich vor Entsetzen geweitet. „Meinst du mit ‚dem Alten‘ vielleicht meinen Vater?“
Marietta lachte. „Natürlich. Wen sonst? Er mochte ein grandioser Reiter sein und ein hervorragender Tennisspieler – als Liebhaber langweilte er mich grenzenlos.“
Dorothea wusste nicht, wie ihr geschah. Sie richtete sich auf.
„Ich werde den Notar benachrichtigen“, hörte sie sich murmeln.
Wie könnte mir der ehrwürdige alte Notar Emmendorf helfen? Mir kann keiner helfen. Alles war Lug und Trug. Dieser Cousin ist daran schuld. Er muss Mariettas böses zweites Ich sein, er muss ihr alles nur eingeredet haben. In Wirklichkeit ist Marietta gar nicht schlecht. Sie ist nur verblendet durch die Liebe zu diesem fürchterlichen Dr. Tasman.
„Du kannst sämtliche Notare der Welt benachrichtigen!“, rief Marietta ironisch aus. „Mir ist es egal. Ich bin Alleinerbin und steinreich.“ Ihr Blick wanderte von Dorothea zu Ralf Tasman. „Du tätest gut daran, dich mit mir gut zu stellen, Ralf. Dieses Mädchen ist verarmt und besitzlos. Ich bin die reiche Erbin. Und wenn du dir meine Liebe erhalten willst, dann liebäugle nicht mit Dorothea. Ich werde nicht eher ruhen, bis sie aus dem Hause ist.“
„Keine Sorge!“, hörte sich Dorothea sagen. „Keine Stunde mehr verweile ich mit dir unter einem Dach. Du bist eine Betrügerin! Nur das Geld von Papa hast du gesehen, sonst nichts.“
„Gewiss!“, spottete Marietta. „Das stimmt. Ohne die Aussicht auf Roberts Geld hätte ich niemals seine Zärtlichkeiten ertragen. Und jetzt geh, Dorothea. Erspar mir deinen Anblick.“ Sie lachte schallend. Belustigt schob sie ihre sorgfältig manikürte Hand durch den Arm Ralf Tasmans. „Und jetzt geh. Komm, Ralf. Wir werden nun Zukunftspläne schmieden.“
Dorothea wandte sich um. Langsam, Schritt für Schritt, glitt sie auf die geschwungene Steintreppe zu, die nach oben führte. Dorothea tastete nach dem steinernen Geländer.
Papa, dachte sie benommen. Wen hab ich dir da ins Haus gebracht!
Kein einziges Mal drehte sie sich mehr um. Gramgebeugt schleppte sie sich die Treppe hinauf. Alles in ihr drängte fort vom Schloss, von ihrem Elternhaus, in dem jetzt nur noch Hass und Spott wohnten.
Dorothea betrat ihr Zimmer und warf sich der Länge nach auf ihr Bett. Aufschluchzend blieb sie liegen.





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