20.10.2017, 10:50 Uhr

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Leseprobe "Familie mit Herz"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus unserer Romanreihe "Familie mit Herz"


"Unser Glücksrezept"

Der Coup war lange und absolut perfekt geplant. Er sollte an einem Freitag stattfinden, wann sonst? Freitags machten doch Behördenleute früher als sonst Feierabend. Sie waren – hoffentlich – milde gestimmt, denn sie träumten von langen Spaziergängen und gutem Essen, von einer Familie, die freundlich gestimmt war und … landeten dann doch frustriert vor dem Fernseher.
So dachte Johanna. Johanna war dem Aussehen nach einundzwanzig, dem Ausweis nach siebenundzwanzig, doch sie besaß Lebenserfahrung, die für mehr als hundert Jahre reichte. Behauptete sie.
Ja, der Coup war generalstabsmäßig geplant. Direkt vor dem Wochenende sollte einer der Herren vom Wohnungsamt sie und ihre kleine Tochter kennenlernen, sich am Samstag – beim ersten Familienärger – wieder an sie erinnern, sie am Sonntag nicht mehr aus dem Kopf bekommen, damit am Montag die Sache klar war:
Johanna und Ann-Kathrin brauchten eine Bleibe. Kein Kellerloch, kein möbliertes Zimmer, keine der windschiefen Bruchbuden auf einem Hof, nein: eine menschenwürdige Wohnung für eine alleinerziehende Mutter und ihre Tochter.
Donnerstagnacht war endlich das tiefblaue Kleid für die Vierjährige fertig geworden, eine Arbeit, die auch geduldigere Frauen an den Rand der Verzweiflung gebracht hätte. Johanna aber war ungeduldig oder, wie ihr Geschiedener es gelegentlich einfließen ließ: „Du bist die dickköpfigste, ungeduldigste, verschwenderischste Frau, die mir je begegnet ist!“
Jetzt war es Freitagmorgen, ein ganz normaler Freitag – so könnte man glauben. Nur einer, an dem Ann-Kathrin schon um sechs Uhr geweckt wurde.
„Och, warum denn?“, jammerte sie und versteckte ihr Gesicht im Kopfkissenbezug.
Das war nur möglich, weil es in der möblierten Notbehausung eines Junggesellen zwar Bettwäsche, aber nur solche ohne Knöpfe gab.
„Weil wir dich schön machen müssen!“, antwortete Johanna. „Wir duschen jetzt, ich wasche dir die Haare, und dann bastle ich dir schöne Locken. Damit du besonders hübsch bist, wenn wir heute aufs Amt gehen.“
Niemand maulte süßer als Ann-Kathrin. Sie zog eine Schnute, wie man in Hamburg den Schmollmund nannte, ihre kugelrunden, veilchenblauen Augen bettelten und produzierten sogar zwei, drei Tränchen.
„Ich will aber keine Locken haben!“, wehrte sie sich. „Locken sind doof!“
Ja, schon möglich. Doch Männer vom Wohnungsamt fanden blonde Locken an heimatlosen Kindern sicher herzallerliebst!
„Sieh mal, Anni“, lenkte Johanna ein, „die Mami findet Locken auch meist doof. Aber sie macht sich heute selbst welche, damit wir endlich eine Wohnung bekommen. Mit Balkon! Mit einem Zimmer für dich allein. Willst du denn kein eigenes Zimmer?“
Sie sah sich in dem unordentlichen Ein-Zimmer-Appartement um. Überall wuselten Spielsachen umher, Kleider, Zeitschriften. Die Nähmaschine stand auf dem Schrank … umrahmt von lauter Tüten, in denen sich die Wintersachen verbargen. Wo sollte man die auch hinhängen? Die Plastikstange in der Raumnische konnte man ja beim besten Willen nicht als Kleiderstange bezeichnen!
„Will ich, ja!“ Ann-Kathrin nickte trotzig. „Und einen Löwen, der sooo groß ist!“
Sie breitete ihre Arme aus.
Der König der Wildnis hatte also beachtliche Maße und würde dementsprechend teuer sein. Kein Problem für eine alleinerziehende Mutter, wie denn? Die hatten es doch heutzutage! Die saßen in schicken Büros im schicken Dress dekorativ da, lackierten sich pausenlos die Nägel und stäubten sich Wangenrouge ins Gesicht, telefonierten mit Freundinnen, machten Dates für den Abend im Fitnesscenter oder in einer tollen Show aus … und am Ende des Monats sahen sie auf ihrem Konto, dass es ihnen einfach glänzend ging.
Oder?
„Du bekommst den Löwen“, versprach Johanna, urplötzlich ernst werdend.
Wie hatte ihr Ehemaliger es noch genannt?
„… und dann immer deine … Gefühlsaufwallungen? Eben hoch, jetzt runter – danke, mir reicht’s!“
Er hatte übrigens noch viel mehr gesagt … in den vier Jahren ihrer Ehe. Komisch, dass sich seine Sätze so in ihr Gedächtnis festgefressen hatten!
War sie vielleicht manisch-depressiv, wie Hannes? Nein, das glaubte Johanna nicht.
„Ja, du bekommst den Löwen“, wiederholte sie, noch ernster geworden und mit einem Klang in der Stimme, den zu deuten sie nicht fähig war. „Wenn wir heute siegen, Kleines, dann kaufe ich ihn dir! Ehrenwort!“
Die Kleine, die nichts besaß außer einem Doppelnamen, den ihre Mutter in immer neue Variationen verwandelte, sprang hoch. Die Sprungfedern quietschten, sie schrie auf und …
Jetzt war wieder so ein Pieksding durch die Matratze geschossen! Es war menschenunwürdig, so zu leben!
Sie sprangen fast gleichzeitig in die winzige Duschkabine, an deren Plastikteilen innen und außen die Spuren sämtlicher Vormieter klebten. Auch das schärfste Putzmittel konnte das klebrige Zeugs nicht mehr entfernen.
„Ich mache dir Spangen ins Haar, damit die Frisur bist heute Nachmittag hält“, erklärte Johanna. „Du ziehst Jeans an oder was immer du willst – und in der Tüte nimmst du das Kleid mit. Hoffentlich bleibt das Wetter so.“
Als sie aus dem Haus gingen – konnte man den Spurt zum Bus eigentlich gehen nennen? – sahen sie aus wie Mutter und Tochter aus einer Werbung für Kleider für die Festtage.
Das Festliche gehörte zum Plan. Der Coup konnte nur klappen, wenn sie anders aussahen als andere.
Es musste klappen! Es würde klappen!





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