20.10.2017, 10:43 Uhr

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Leseprobe "Cherringham"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus unserer Reihe CHERRINGHAM - Landluft kann tödlich sein


"Mord an der Themse"

Mrs. Louella Tidewell – für ihre besseren Freunde schlicht „Lou“ – klappte ihren Mantelkragen hoch, als ihr eine kalte Windböe vom Fluss entgegenblies. Brady, ihr Golden Labrador, rannte über die große Wiese und würde es wohl schon schaffen, so hoffte Lou, den Haufen von Pferdeäpfeln auszuweichen.
Labbis, dachte sie nicht zum ersten Mal, sind doch ausgesprochen klug.
Und wie gut ihr Bradys Gesellschaft tat, seitdem Mr. Tidewell das Zeitliche gesegnet hatte, was recht plötzlich geschehen war: In dem einen Moment hatte er noch seine Zeitung gelesen, ein Glas Sherry neben sich, und im nächsten seine Augen geschlossen - und er war tot.
Und hatte Lou allein zurückgelassen. Sie mochte viele Freunde haben, aber das war nicht ganz dasselbe, nicht wahr?
Nun ging sie weiter und schlenderte näher am Fluss entlang, der unweit des kleinen Ortes vorbeifloss. An den wenigen sonnigen Sommertagen war die Themse wunderschön, jetzt hingegen so dunkel und grau, dass sie an diesem bewölkten Morgen beinahe unheimlich wirkte.
„Ich glaube nicht, dass wir heute noch Sonne kriegen“, sagte Lou.
Es störte sie nicht, dass sie Selbstgespräche führte, wenn sie allein war. Sich selbst gegenüber konnte sie ja jederzeit behaupten, sie würde mit Brady reden, wie sie es zu Hause auch tat.
Sie drehte sich zu ihm um und bemerkte, dass der Hund unvermittelt stehen geblieben war, als hätte er ein verirrtes Kaninchen entdeckt. Vielleicht war er auch bloß in einer uralten Erinnerung an ein früheres Leben als Jagdhund versunken.
Fast sah es so aus, als wollte er auf die lang gezogene Biegung hinweisen, an der sich die Themse verbreiterte. Dort befand sich ein Wehr, allerdings strömte das Wasser selbst in dem Kanal daneben immer noch schnell, besonders nach starken Regenfällen. Und zurzeit haben wir wahrlich mehr furchtbare Wolkenbrüche, als wir verdienen, dachte Lou.
„Was ist denn, Brady? Gibt es etwas zu jagen?“
Doch anstatt loszurennen und zu erforschen, was immer er entdeckt haben mochte, kam Brady zu ihr zurück und umkreiste sie. Eine weitere Windböe traf sie, und instinktiv fasste Lou sich an den Hals, um zu überprüfen, ob sie ihren Mantel auch tatsächlich bis ganz oben zugeknöpft hatte.
Brady winselte.
Komisch. Eigentlich gab er nur dann ein Winseln von sich, wenn er rauswollte, um sein Geschäft zu erledigen.
Plötzlich sprang Brady wieder weg. Es waren jedoch nur wenige Schritte - als forderte er sie auf, ihm zu folgen. Am liebsten wäre Lou umgekehrt und nach Hause gegangen, zurück in die Wärme. Unvermittelt musste sie an eine schöne Tasse englischen Frühstückstee und eine getoastete Scheibe Mehrkornbrot von der örtlichen Bäckerei Huffington’s denken. Lou würde den Toast mit Marmelade und – warum nicht? – mit Butter bestreichen. Und anschließend die Zeitung lesen.
Ja, genau das war es, wonach ihr der Sinn stand.
Aber da Brady sich so seltsam benahm, ging sie stattdessen in die Richtung, in die er sie scheinbar führen wollte. Der Labrador lief nun mit einer Ungeduld voran, die Lou nicht teilen konnte.
Sie musste aufpassen, wo sie hintrat, und das nicht allein wegen der Pferdeäpfel. Jenseits des Uferwegs sah der Boden zwar eben aus, war aber in Wahrheit voller Furchen und Vertiefungen, die vom dichten, hohen Gras verdeckt wurden. Zudem bog der frische Morgenwind die Halme über die Stolperfallen.
„Ist ja gut, Brady“, sagte sie zu dem kläffenden Hund. „Ich komme ja, es geht nur nicht so schnell.“
Sie holte Luft und spürte förmlich, wie die morgendliche Kälte im Innern ihrer Brust haften blieb.
Inzwischen stürmte Brady vorwärts. Sie waren nahe der Flussgabelung, wo ein Arm nach rechts zum Wehr ging, während der linke sich weiter zu den anderen Dörfern schlängelte, an denen er träge vorbeifloss.
Die mächtige Themse war hier in der Region nichts als ein verschlafenes Flüsschen.
Brady war stehen geblieben, und abermals sah er wie versteinert aus. Er stand stocksteif da und blickte hinüber zum Wehr. Seine Augen fixierten etwas im flachen Bereich des Wassers, das dort schäumte und blubberte.
Lou holte ihren Hund ein, streckte eine Hand nach unten und strich ihm ruhig über den Kopf.
„Ich habe keine Ahnung, was du da siehst, mein Freund. Auf der anderen Seite könnten Kaninchen sein, aber …“
Sie verstummte.
Zuerst war es einer dieser Momente, die sich mit dem Alter häuften. Man sah etwas und - wie es Lou jetzt immer häufiger passierte - sagte dann spontan: „Ah, das ist ja ein …“ Und man glaubte, es wäre dieses oder jenes, bis man näher heranschritt, genauer hinblickte und zu der Auffassung gelangte, dass es sich doch um etwas anderes handelte.
Solch einen Moment schien Lou nun zu haben, da sie dachte, einen Kleiderfetzen zu sehen: glänzend, funkelnd, festlich irgendwie - glitzernd im trüben Morgenlicht und mit der Wasseroberfläche um die Wette schimmernd.
Lou ging näher heran. Und dann erkannte sie, dass es sich tatsächlich um Kleidung handelte.
Eine Art Rock. Und etwas stumpf Wirkendes, aber eindeutig Weißes. Eine Bluse.
Ihr Verstand ergänzte blitzschnell die Einzelheiten. Womöglich begriff ein Teil von ihr, was sie hier erblickte, noch bevor sie sich dessen richtig bewusst wurde.
Ein schlammig brauner Bereich entpuppte sich als ein nach unten geneigter Kopf, bei dem das Kinn an der Brust lag, sodass Gesicht und Augen verborgen waren.
Und als Lou das bewusst wurde, dämmerte ihr langsam, was sie sonst noch erkennen konnte: Arme, die aus einer Bluse ragten. Der eine von ihnen war fast horizontal zum Körper – seine Finger zeigten träge nach Osten -, der andere baumelte im rauschenden Wasser, die Hand unter der Oberfläche versteckt.
„Du lieber Himmel!“, entfuhr es Lou.





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