Leseprobe G.F. Unger            

In seinen Romanen beschwört G.F. Unger das raue Leben der amerikanischen Pionierzeit, schildert die Herausforderungen durch die Natur oder rücksichtslose Konkurrenten und die Auseinandersetzungen mit den amerikanischen Ureinwohnern im späten 19. Jahrhundert.
Diese Leseprobe stammt aus dem Roman 'G.F. Unger', Band 1318.

Slades Colt

Die Schüsse krachen kurz nacheinander. Sie sehen beide in ihre Mündungsfeuer und zucken nicht. Aber nur eine Kugel trifft – Slades Kugel.

McClay wollte zu schnell sein. Und so zielte er nicht gut genug. Seine Kugel schlägt drüben in der Ecke in die irdene Wasserschüssel des Waschständers.
Und McClay schwankt rückwärts bis zur Wand, die ihm noch einmal Halt gibt. Er bringt den Colt noch einmal hoch. Bevor er abdrücken kann, trifft ihn Slade abermals.

McClay lässt den Colt nun fallen. „Feige war ich noch nie“, sagt er schwer.
Und dann fällt er. Der Aufprall seines Körpers ist so schwer, dass man schon allein daran erkennt, dass er tot sein muss.

Slade senkt seinen Colt. Und er weiß, dass er hier kein Richter und Vollstrecker war – nein, gewiss nicht. McClay hatte seine Chance.
Nun liegt er am Boden neben dem Bett, in dem er ein junges Mädchen vergewaltigen wollte – ein Mann, der ein Ungeheuer war, ein Pirat, ein Despot, der sich ein ganzes Land in die Tasche stecken wollte.

Slade erinnert sich, dass Clay McClay zwei Leibwächter auf der Ranch hat.
Er verlässt schnell das Zimmer und geht leise bis zur Treppe. Sie sind schon unten auf der ersten Stufe. Als sie ihn oben auftauchen sehen, halten sie inne.
„Ich bin Slade“, sagte er zu ihnen nieder. „Euer Boss ist tot. Wollt ihr noch für ihn kämpfen?“ Er fragt es warnend, ganz und gar wie ein Mann, der keinen Kampf mehr will und der auf die Vernunft der anderen Partei hofft. Aber Clay McClay hat sich seine Leibwächter unter den ganz wilden und verwegenen Revolverschwingern ausgesucht. Er hatte gewiss eine große Auswahl. Und diese beiden Burschen dort betrachten es als eine persönliche Niederlage, dass sie ihren Boss nicht beschützen konnten, obwohl er sie ja fortschickte. Sie besitzen einen wilden Ehrgeiz, der sie nun dazu zwingt, wenigstens nachträglich noch zu kämpfen und den Boss zu rächen.

Sie reißen ihre Revolver hoch, beginnen zu schießen. Doch sie sind etwas im Nachteil, weil sie nach oben schießen müssen. Dies ist ungewohnt für sie. Vielleicht treffen sie deshalb nicht. Slade schießt besser. Und dann geht er langsam hinunter zu den stöhnenden Männern, die verkrümmt am Boden liegen und erst noch mit dem Schock fertig werden müssen, getroffen worden zu sein.
Er hält bei ihnen inne, lädt seinen Colt auf.

Don Felipe und Pablo kommen herein. Auch der Hund taucht knurrend auf, wird von Pablo jedoch mit einem kurzen Wort unter Kontrolle gehalten.
Slade nickt Don Felipe zu. „Es ist vorbei“, sagt er. „Und bald werden Sie Ihre Familie aus Mexiko kommen lassen können – bald, Amigo.“ „Und wir alle werden bis an unser Lebensende immer wieder für Sie beten“, erwidert Don Felipe. „Wir werden drüben im Dorf in der Missionskirche viele Kerzen anzünden und der Heiligen Jungfrau dafür danken, dass sie einen Mann wie Sie in unser Land schickte.“ Er verstummt fast feierlich, und er meint es wirklich ernst.
Slade macht nur eine müde Bewegung.

„Ich muss nach Opal City weiter“, murmelt er schließlich. „Aber ich möchte einige Vorbereitungen treffen. Versorgt erst diese beiden Narren da, dann …“
„Sie verdienen es kaum“, zürnt Don Felipe. Aber Slade sieht ihn nur an. Da nickt Don Felipe. „Gewiss, wir haben die Pflicht – selbst solchen Banditen gegenüber. Ja, sie werden versorgt. Pablo, hol einige Leute herüber. Sie sollen diese beiden Pistoleros in ihre Quartiere tragen.“

Er sieht Slade wieder an, kommt nun eilig die Treppe herauf zu ihm. Seine Augen blitzen. Er ist noch zerlumpt, schmutzig und vollbärtig. Man sieht ihm die schreckliche Zeit im Verlies der Mine noch an – und dennoch wirkt er jetzt anders, nämlich energisch, zielstrebig, lebendig. Die Hoffnung und die Zuversicht haben neue Kraft in ihm mobilisiert. „Was für Vorbereitungen wollen Sie treffen, Amigo? Ich helfe Ihnen! Ah, bis an mein Lebensende werde ich Ihr Freund sein! Und immer sind Sie hier willkommen. Amigo, Sie können hier über alles verfügen! Ohne Sie …“ Slade winkt ab. Doch dann erklärt er Don Felipe, was er tun will.

Eine knappe Stunde später ist er auf dem Weg nach Opal. Er ist nicht allein. Er reitet auf einem guten Pferd. Und mit sich führt er das Rappengespann und den leichten zweirädrigen Wagen, mit dem Clay McClay stets so imposant nach Opal City kam. Im Wagen sitzt der tote Clay McClay. Sie haben ihn angekleidet und in den Wagen gesetzt, dort gut festgebunden auf dem mit Leder gepolsterten Doppelsitz, den er fast völlig ausfüllt. Obwohl es eine klare Sternennacht ist und ganz gewiss kein Regen droht, haben sie das lederne Faltdach des leichten Jagdwagens vorgeklappt, sodass McClays massige Gestalt beschattet wird. Als Slade losfuhr, wollte Don Felipe mit ihm reiten. Doch Slade lehnte das mit den Worten ab: „Ich komme allein besser zurecht. Es geht nur noch darum, Hondo Parradine niederzukämpfen – nur noch darum. Und das trage ich besser mit ihm allein aus.“ Slade denkt noch einige Male an seine Worte, und er hat das Bild von Don Felipe und dessen Leuten, die ja gewissermaßen befreit wurden, vor seinen Augen. Doch dann beginnt er sich auf Hondo Parradine zu konzentrieren.
Es ist in der dritten Morgenstunde, als Slade die Stadtgrenze erreicht und das Rappengespann freigibt.

Er kann annehmen, dass dieses Gespann bis zum Opal Saloon laufen und dort anhalten wird. Pferde sind Gewohnheitstiere, und McClay fuhr stets mit seinem leichten Wagen vor den Saloon und ging dort demonstrativ hinein, um zu spielen, sich zu zeigen, die Leute gewissermaßen zu zwingen, mit ihm zu reden, ihn anzuerkennen, zu ihm höflich zu sein. Er brauchte das, weil er nicht isoliert leben wollte. Er verlangte immer wieder danach, seine Macht zu genießen.
Und schließlich sah er gern die Mädchen auf der Bühne tanzen.

Die ganze Zeit stand dann der leichte Wagen mit dem Gespann vor dem Saloon am Wassertrog, oft stundenlang. Und so ist anzunehmen, dass die Tiere auch diesmal ganz von selbst dorthin laufen und dann an ihrem alten Platz anhalten werden. Zu dieser Stunde lässt in Opal City der Betrieb gewöhnlich schon nach. Der alte Platz vor dem Saloon wird wahrscheinlich nicht besetzt sein.
Slade sieht dem Wagen nach.

Dann macht er sich auf den Weg. Er reitet einen Viertelkreis und biegt dann von der Seite her in die Stadt ein. Durch eine Gasse wird er genau gegenüber dem Saloon zur Hauptstraße vorstoßen können. Und dann wird er warten müssen, bis jemand den toten McClay im Wagen entdeckt und Hondo Parradine Meldung macht.
Er erreicht bald durch einige Gärten und Höfe den Anfang einer Gasse, reitet ein Stück hinein, lässt dann sein Pferd zurück und geht zu Fuß weiter.
Sein Orientierungssinn hat ihn nicht getäuscht. Als er die Hauptstraße erreicht, befindet er sich dem Saloon genau gegenüber. Etwa ein Dutzend Pferde steht noch an der Haltestange. Zwei Wagen wurden abgestellt. Aber McClays Halteplatz war leer. Denn sonst könnte dort nicht jetzt das Rappengespann mit dem leichten Wagen und dem Toten darin halten.

Die Pferde sind etwas eingeschwenkt, sodass sie beide aus dem Wassertrog ihren Durst stillen können. So hatten sie es immer getan. Und noch kümmert sich niemand um sie und den Wagen. Die Straße ist auch fast ohne Passanten. Nur weiter entfernt kommt eine ganze Mannschaft aus einer Kneipe, lärmend und singend. Sie klettern in einen Minenwagen und fahren los. Zwei Reiter passieren die Gassenmündung. Doch auch sie sind ziemlich betrunken. Sie achten nicht auf McClays Wagen, sehen auch nicht Slade in der dunklen Gassenmündung. Slade starrt zum Saloon hinüber.

Er fragt sich, wo wohl Hondo Parradine stecken mag. Befindet er sich im Saloon? Oder schläft er im Hotel? Ist er bei Laura Randell? Und wenn ja, was tut er dann bei Laura? Hat diese sich jetzt schon der scheinbaren Unvermeidlichkeit ergeben, nur ihm zu gehören? Hat sie vor der scheinbaren Ausweglosigkeit schon kapituliert? Er glaubt es nicht. Doch er ist fast sicher, dass Hondo Parradine nicht drüben im Saloon, sondern im Hotel bei Laura ist. Doch das Restaurant ist längst geschlossen. Wenn Parradine im Hotel ist, dann …
Er weigert sich, weiter darüber nachzudenken.

Ein Mann kommt langsam auf dem Plankengehsteig entlang. Slade kann ihn aus der Gassenmündung noch nicht sehen, aber doch hören. Dann taucht der Mann in seinem Blickfeld auf. Es ist der grauköpfige Town Marshal Pat Mahoun. Seine klotzige Gestalt ist unverkennbar. Er hält plötzlich inne, nachdem er zu McClays Wagen spähte. Nun wittert er in die dunkle Gassenmündung hinein. Slade tritt einen halben Schritt vor. Der Marshal erkennt ihn offenbar sofort, so, als hätte er die Augen eines Uhus. Seine Hand lässt den Revolver wieder los. Langsam und ohne Hast tritt er neben Slade.

„Nun, wieder da?“, fragte er. „Ich dachte schon, Sie wären abgehauen – für immer.“ „Das glaubt man hier wohl von vielen Leuten“, erwidert Slade bitter. „Aber das ist nicht der Fall – ich meine, dass dieser oder jener Mann davongelaufen ist. Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, Marshal. Aber treten wir erst noch zwei Schritte zurück.“ Sie tun es, stehen dicht nebeneinander in der dunklen Gasse. Und Slade braucht dann nur knapp drei Dutzend Sätze, um dem Marshal alles zu erklären und zu berichten, was er erlebte in der Red-Canyon-Mine. Er schließ dann mit den Worten: „Dort im Wagen sitzt er also, der große Boss – dick, fett und tot. Und wo ist Hondo Parradine?“
Der Marshal zögert einen Moment mit der Antwort. „Bei Laura Randell“, sagt er dann. „Er ging vor einer Stunde vom Saloon hinüber. Laura hatte das Restaurant schon geschlossen und war bereits im Hotel. Aber ich werde ihn jetzt stören. Ich hole ihn. Denn wenn sein toter Boss kein Grund ist, was wäre dann ein Grund, ihn von Laura wegzuholen?“

Er will sich in Bewegung setzen, verharrt jedoch nach dem ersten Ansatz dazu.
„Wenn Parradine seine harten Jungs zu Hilfe holen sollte“, murmelt er, „werde ich Ihnen den Rücken decken, Slade. Von hinten wird niemand auf Sie schießen, den ich vorher umlegen kann.“



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