Leseprobe Hedwig Courths-Mahler           

Die Romane von Hedwig Courths-Mahler sind Klassiker. Sie nehmen ihre Leser heute ebenso gefangen wie zu Kaisers Zeiten, denn das Thema, das sie behandeln, ist immer aktuell: die Liebe, ihre Gefährdung und deren Überwindung, die Verwirrung der Gefühle und der Weg zum Glück.
Diese Leseprobe stammt aus der Romanreihe 'Hediwg Courths-Mahler'.

Ich lieb' in dir die ganze Welt

Annedore von Rottberg hat drei Jahre in einem Schweizer Pensionat verbracht. Nun soll sie, da sie Waise ist, bis zu ihrer Volljährigkeit im Schloss ihres Vormunds, des Grafen Rüdiger Lindeck, leben. Doch als sie auf dem herrlichen Besitz ankommt, wird sie nicht von Graf Rüdiger empfangen, sondern von seinen Stiefgeschwister Lothar und Lilly. Sie kommen Annedore zunächst mit großer Herzlichkeit entgegen - und die unerfahrene junge Waise ahnt nicht, dass das Lächeln der beiden in Wahrheit falsch ist …

Baroness Annedore kuvertierte gerade den Brief, den sie an ihre beste Freundin aus dem Pensionat geschrieben hatte, als sie von der Terrasse jemanden ihren Namen rufen hörte. Es war Komtess Lilly.
„Kommen Sie doch herunter, liebe Annedore! Wir erwarten Sie mit Sehnsucht am Teetisch, und Lothar hat mich voll Ungeduld nach Ihnen ausgesandt.“
„Ich komme gleich“, rief Annedore ihr zu. Damit schloss sie hastig ihre Schreibmappe, ordnete vor dem Spiegel ihr Haar und eilte dann hinunter.
Komtess Lilly war inzwischen über die das ganze Schloss umgebende Terrasse auf die andere Seite gegangen. Da saß ihr Bruder Lothar unter einem grau und blau gestreiften Sommerzelt an einem einladend gedeckten Teetisch. Er war ein sehr hübscher, eleganter Mann von 28 Jahren, den selbst das Einglas im Auge vorzüglich kleidete.
Er sah seiner Schwester erwartungsvoll entgegen. „Nun, Lilly, kommt das Baronesschen?“
„Ja, sie kommt gleich. Bezähme deine Sehnsucht noch zwei Minuten“, erwiderte sie mit spöttischem Lächeln.
Graf Lothar lachte leichtsinnig. „Du brauchst gar nicht so spöttisch meine Sehnsucht zu betonen, Lilly. Annedore ist ein so reizendes, frisches Mädel, dass man sich auch in sie verlieben könnte, wenn sie nicht glücklicherweise eine so reiche Erbin wäre.“
„Umso besser, wenn du dich in sie verlieben kannst, Lothar. Jedenfalls musst du alles daran setzen, sie zu bestimmen, deine Frau zu werden, und zwar so bald wie möglich.“
„Ja doch, Lilly, das ist doch ausgemachte Sache“, erwiderte der Graf. „Aber übers Knie brechen lässt sich so etwas nicht“, fügte er hinzu.
Die Komtess seufzte. „Am besten wäre es, du bist schon einig mit ihr, ehe Rüdiger wieder heimkommt. Bedenke nur, welch ein Triumph das für dich wäre, wenn du als Herr über Rottberg sein Nachbar würdest. Dann brauchtest du dich nicht mehr vor ihm zu ducken, dann wärst du mindestens so reich wie er. Und du könntest ihm den Bettel vor die Füße werfen, den er dir jetzt wie ein Gnadengeschenk zuwirft.“
Graf Lothar atmete tief durch. „Ja, Gott, das wünsche ich auch. Ich habe dieses Leben satt. Mit Zittern und Zagen denke ich an die Klemme, in der ich jetzt wieder sitze. Ich habe wieder verwünschtes Pech im Spiel gehabt und muss Rüdiger beichten, sobald er heimkommt. Das wird wieder einen schönen Sermon geben, zumal jetzt, wo er in so scheußlicher Stimmung sein wird. Ich bin nur neugierig, wie die ganze Chose in Berlin verlaufen ist. Schade, dass wir noch nichts gehört haben.“
In diesem Moment kam Annedore heran. Graf Lothar sprang auf und ging der Baroness entgegen. „Endlich geht die Sonne wieder auf!“, sagte er, ihr den Arm mit einer eleganten Verbeugung reichend.
Die Baroness errötete. „Sie irren, Graf Lothar, die Sonne wird bald untergehen.“
„Meine Sonne hoffentlich nicht“, erwiderte er schmachtend. „Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet.“
Sie nahmen am Teetisch Platz. Lilly füllte selbst die Tassen und reichte sie dem Bruder und Annedore.
„Ist immer noch keine Nachricht von Graf Rüdiger eingetroffen?“, fragte Annedore.
„Nein, noch immer nicht. Unser Bruder ist, wie immer, sehr rücksichtslos uns gegenüber und lässt es uns stets in kränkender Weise spüren, dass wir hier nur geduldet sind, obgleich Lindeck unser Vaterhaus ist wie das seine.“
„Oh, das ist hässlich!“, sagte Annedore entrüstet.
Graf Lothar seufzte. „Ja, Baroness, auf Rosen sind wir hier nicht gebettet. Und das wird in Zukunft sogar noch schlimmer werden. Der Treubruch seiner Frau hat Rüdiger noch griesgrämiger gemacht. Wir werden hier ein Leben in Sack und Asche führen müssen.“
„Ich wollte, ich könnte Sie davon erlösen. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich, noch ehe Graf Rüdiger heimkommt, meine Sachen packen und nach Rottberg fahren. Sie müssten mich dann begleiten, und wir würden froh und vergnügt sein.“
Graf Lothar sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen. „Das klingt wie ein schönes Märchen, in dem eine gute Fee zwei Geschwister von einem bösen Zauber erlöst.“
„Ja, liebe Annedore“, sagte nun auch die Komtess, „wunderschön wäre das! Sie sind so gut und haben ein edles, empfängliches Herz.“
Annedore wurde verlegen. „Das müssen Sie nicht sagen. Ich bin gar nicht gut und edel, sondern oft recht trotzig und unliebenswürdig. Nur wen ich gern habe, der hat es leicht mit mir.“
Graf Lothar fasste ihre Hand. „Wenn ich doch zu den Menschen gehörte, die Sie gern haben!“
Errötend zog Annedore ihre Hand zurück. „Ganz sicher gehören Sie dazu, Graf Lothar, und Lilly auch. Sie haben es mir so leicht gemacht durch Ihr freundliches Entgegenkommen. Es musste ja nach Ihren Beschreibungen ganz schrecklich in Lindeck sein unter Graf Rüdigers Herrschaft.“
„Nun, schließlich hat ja Rüdiger auch manche gute Seiten“, erwiderte Graf Lothar in lauer Verteidigung, nur um sich den Anschein des Edelmuts zu geben.
Annedores Augen leuchteten warm in die seinen. „Es ehrt Sie, Graf Lothar, dass Sie trotz allem, was Ihr Bruder Ihnen angetan hat, noch für ihn eintreten.“
Einen Moment sah Graf Lothar ein wenig verlegen vor sich hin. Die ehrlichen Mädchenaugen genierten ihn. Doch solche Gefühle waren in seiner Situation vollkommen fehl am Platz …





Top

Sie interessieren sich für unsere aktuellen Meldungen? Hier finden Sie die neuesten Informationen rund um unsere Verlagsprodukte.
mehr ...
 
Besuchen Sie die Foren zu unseren Themenwelten und tauschen Sie sich mit anderen Lesern und Gleichgesinnten aus.
mehr...
Content Management by InterRed