Leseprobe "Das Berghotel"           

Seien Sie Gast im Berghotel und verfolgen Sie mit Spannung und Begeisterung die Geschehnisse um Hotelier Andreas Kastler und seine bessere Hälfte Hedi. In die Leseprobe zu Band 1 können hier reinlesen
Ein Traum, der in St. Christoph begann
Punkt zwölf Uhr mittags an einem dieser milden, goldenen Tage Anfang Oktober erreichte Linda Berneder aus München das idyllische St. Christoph. Das Dorf lag ruhig und friedlich, aber keineswegs verschlafen im Sonnenlicht.
Linda war zum ersten Mal hier und hielt gleich hinter dem Ortsschild an, weil sie sich umschauen wollte. Bevor sie weiterfuhr, wollte sie den herrlichen Anblick ein Weilchen bewundern.
Mächtig hoben sich die Gipfel gegen den blauen, kristallklaren Himmel ab.
Was Linda so funkelnd ins Gesicht leuchtete, war der goldfarbene Wetterhahn auf der Kirchturmspitze. Die Sonnenstrahlen tanzten ausgelassen auf dem sturmerprobten Hahn herum und schickten einen Lichtblitz nach dem anderen hinunter.
Die junge Frau ging ein Stück die Straße entlang.
Irgendwo in einem Garten sangen Kinder ein Lied, zwei Kätzchen tollten am Gartenzaun entlang. Ein Brunnen plätscherte. Es duftete nach Äpfeln und süßem Most.
„So nachdenklich, junge Dame?“, fragte eine dröhnende Stimme.
Linda fuhr zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand ein beleibter Mann in Dienstkleidung. Kein Zweifel, es musste der Dorfgendarm sein.
„Sie brauchen sich nicht zu erschrecken“, setzte Ludwig Sirch gönnerhaft hinzu. „Auch in Österreich gilt der Spruch: die Polizei, dein Freund und Helfer. Freilich muss ich auch manchmal hart durchgreifen, wenn es um irgendwelche Rabauken und Tunichtgute geht. Die gibt’s nämlich überall.“
„Hier auch?“, brachte Linda hervor. „In diesem Paradies?“
„Nun ja“, erwiderte der Ordnungshüter, „es kommt gelegentlich vor, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte. Aber wie gesagt, ich hab alles im Griff. Bei dieser Gelegenheit muss ich Ihnen sagen, dass Sie Ihren Wagen hinter dem Ortsschild geparkt haben, und zwar in direkter Sichtweite der Gendarmerie. Ich bin sofort darauf aufmerksam geworden.“
„O je. Tut mir leid.“
„Das Parken hinter dem Ortsschild ist verboten“, fuhr Ludwig Sirch in amtlichem Ton fort. „Es gibt entsprechende Hinweisschilder, die Sie ignoriert haben, Frau … äh…“
„Berneder. Linda Berneder aus München. Ich möchte hier Urlaub machen. Bitte, wenn Sie meinen Führerschein sehen wollen, Herr Inspektor…“
„Wachtmeister genügt. Ja, wenn ich dann mal um die Fahrzeugpapiere und um Ihre Fahrerlaubnis bitten dürfte.“
Linda kramte seufzend in ihrer Tasche.
Ein leichter Schatten fiel auf das Paradies, in dem sie sich in den nächsten Wochen gründlich erholen wollte. Es war nicht erfreulich, wenn man gleich zu Anfang von der Polizei begrüßt wurde. Mit einem Seufzer reichte sie dem Gesetzeshüter die Papiere.
„Ja, ja, die feschen Münchnerinnen“, feixte der Gendarm. „Immer ein bisserl zu kess, net wahr? Man parkt dort, wo man will. Egal, ob es erlaubt ist oder net.“
„Ich wusste wirklich nicht…“
Ludwig Sirch legte die Stirn in Falten. Das tat er besonders gern, denn dann wirkte er sehr streng.
„Unwissenheit schützt im Prinzip nicht vor Strafe. Ich will aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Die Papiere sind in Ordnung. Halten Sie sich künftig bitte überall – auch in unserem Dorf – an die Verkehrsvorschriften und beachten Sie die Beschilderung. Es gibt bei uns übrigens genügend Parkplätze. Sie müssen auf keinen Fall im Gelände parken.“
„Ja. Danke, Herr Inspektor … Herr Wachtmeister.“
„Einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen. Wissen Sie schon, wo Sie wohnen werden?“
„Ich habe ein Zimmer im Hotel Am Sonnenhang reserviert.“
„Eine gute Wahl“, meinte Ludwig Sirch anerkennend. „Schauen Sie bitte einmal nach rechts. Sehen Sie den Hang mit dem Hotel? Und gegenüber den Hügel mit dem Schlössl? Sie werden jeden Tag diese schöne Aussicht vor Augen haben. Fahren Sie am Kirchplatz am besten gleich rechts ab und die Straße ein Stückl bergan, dann kommen Sie bequem zum Hotel. Beachten Sie aber auf jeden Fall die Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Zufahrt – 30 Kilometer pro Stunde.“
„Vielen herzlichen Dank für Ihre Mühe und Ihre Nachsicht.“
„Nix zu danken.“ Der Ordnungshüter entfernte sich gemessenen Schrittes.
Allerdings ging er nicht zu seinem Haus zurück, in dem der Gendarmerieposten untergebracht war, sondern auf direktem Weg zum „Ochsenwirt“.
Es war Zeit zum Mittagessen. Heute standen im Dorfgasthof Schupfnudeln mit Kraut und Kassler Ripperl auf der Karte, ein Gericht, dem Ludwig Sirch nicht widerstehen konnte. Er hatte die Absicht, das deftige Mahl mit einem Glas Weißbier hinunterzuspülen (möglicherweise auch mit zwei Gläsern, man würde sehen).
Nett, die junge Person aus Bayern, sehr lieb und vor allen Dingen auffallend hübsch. Schlank, mit blitzblauen Augen und haselnussbraunem Haar, das in der Sonne schimmerte. Eine richtige Elfe. Ihrem Ausweis hatte er entnommen, dass dieses Goldstückerl sechsundzwanzig Jahre jung war. Ein reizendes Geschöpf in der Blüte seiner Jahre!
Aber man durfte sich als Gendarm nicht von Äußerlichkeiten beeinflussen lassen. Eine kleine Verwarnung bezüglich des Falschparkens hatte das Münchner Kindl allemal verdient.
Während Ludwig Sirch sich im „Ochsenwirt“ eine doppelte Portion Schupfnudeln bestellte, erreichte Linda das Hotel.
Entzückt betrachtete sie das einladende Haus mit den gepflegten Grünanlagen. Auch hier verschlug ihr die Aussicht erst einmal die Sprache.
Allerdings kam schon wieder jemand auf sie zu, wiederum ein Mann, aber er schien nichts Übles im Schilde zu führen. Im Gegenteil.
Höflich fragte er: „Darf ich Ihr Gepäck hineinbringen? Ich nehme an, Sie sind Frau Linda Berneder. Wir erwarten Sie ja heute als unseren geschätzten Gast. Herzlich willkommen! Mein Name ist Kilian Garnreiter. Ich stehe gern zu Ihrer Verfügung.“
Kilian hatte sich diese Worte regelrecht ins Hirn einprogrammiert. Er leierte sie herunter, wenn es sich um neu ankommende Gäste handelte, die noch nie im „Sonnenhang“ gewesen waren.
Stammgäste begrüßte er hingegen mit dem Satz: „Wir freuen uns sehr, Sie wieder bei uns verwöhnen zu dürfen.“
Normalerweise redete der Kilian natürlich nicht so gestelzt daher. Er wollte jedoch allen Gästen den Eindruck vermitteln, dass sie in ein sehr gepflegtes Haus kamen. Keine Nobelherberge, aber ein Hotel mit Stil – und zwar mit der echten, unverwechselbaren Tiroler Ausstrahlung.
Lindas Gepäck schwebte dank Kilian wie von selbst in ihr Zimmer hinauf. Sie selbst wurde in der Hotelhalle von Hedi und Andi Kastler so freundlich begrüßt, als sei sie der einzige Gast.
Das war aber ganz und gar nicht der Fall – im Gegenteil.
Man erwartete heute noch einen weiteren Gast, der das letzte freie Zimmer reserviert hatte.
Dann gab es nur noch zwei Kammern unterm Dach für „Notfälle“, falls jemand absolut keine andere Bleibe fand. Diese „Kammern“ mussten sein, denn die Kastlers schickten ungern jemanden weg, der müde war und sich erst einmal ausschlafen musste. Hernach fand sich dann meistens eine Lösung.
„Sie werden bestimmt eine schöne Zeit bei uns in St. Christoph verbringen“, sagte der Kastler-Andi, wobei er seinen Blick mit sichtlichem Wohlgefallen auf Linda ruhen ließ.
Freilich tat er das so unauffällig wie möglich. Es schickte sich selbstverständlich nicht, mit weiblichen Gästen zu flirten.
Außerdem musste er sich schon wegen seiner Hedi das Flirten verkneifen. Auch jetzt schaute sie ihn ein bisserl kiebig an. Er merkte es genau, denn ihre Augen wurden schmal.
Linda ahnte freilich nicht das Geringste. Sie fand die Kastlers einfach nur reizend und nett. Sie waren aufmerksam und freundlich, ohne jedoch im Geringsten aufdringlich zu wirken.
„Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, dann wenden Sie sich bitte an uns“, erklärte Hedi Kastler mit einem gewinnenden Lächeln. „Auf Ihrem Zimmer finden Sie noch eine kleine Informationsbroschüre, in der wir Ihnen sämtliche Möglichkeiten aufzeigen, die Sie in unserem Haus haben. Natürlich beantworten wir Ihnen gern noch alle weitere Fragen.“
Im Moment wollte sich Linda nur ausruhen.
Von München bis ins Zillertal war es nicht allzu weit, die Fahrt war auch nicht anstrengend gewesen. Trotzdem fühlte sich die junge Frau plötzlich erschöpft.
In ihrem Zimmer sank sie aufs Bett und schloss die Augen. Sie dachte daran, dass in diesem Jahr alles ganz anders verlaufen wäre, wenn…
Wenn … Dieses Wort durfte es eigentlich gar nicht geben. Es gaukelte ihr vor, dass alles gut und harmonisch sein könnte.
Aber nichts war gut und nichts war harmonisch, denn all ihre privaten Wünsche und Pläne waren zersprungen und zersplittert wie Glas.
Daheim in München sprach man nicht mehr darüber, dass ihre Hochzeit mit Ulrich Effenbach geplatzt war. Ihre Eltern und ihr Bruder, die Freunde und Verwandten taten, als sei dieser Mann niemals da gewesen.
Sie glaubten, die Situation für Linda durch striktes Stillschweigen zu erleichtern. Aber sie hätte so gern mit jemandem gesprochen, der sie verstand und der sie ermunterte, das Leben wieder von der schönen Seite zu sehen.
Sie wollte nicht mehr daran denken müssen, dass Ulrich, den sie geliebt hatte, sich mit dem Satz „Ich bin eben kein Mann zum Heiraten, Kleines, und wahrscheinlich werde ich auch niemals einer Frau wirklich treu sein!“ verabschiedet hatte.
Wie peinlich und demütigend, dass sie das Brautkleid anprobiert hatte, während Ulrich unterdessen mit einer anderen zusammen gewesen war … mit irgendeiner attraktiven Frau, die von Treue genauso wenig hielt wie er.
Es war ein halbes Jahr her, dass Ulrich und sie sich getrennt hatten. Das Drama um ihre Hochzeit brannte immer noch auf ihrer Seele. Sechs Monate voller Tränen und bitterer Enttäuschung lagen hinter ihr.
Aus den geplanten Flitterwochen an einem südlichen Strand war nichts geworden, stattdessen war Linda ganz allein in dieses idyllische Zillertaler Bergdorf gefahren, um möglichst durch nichts an ihre Pein erinnert zu werden.
Ich muss mich ablenken, dachte sie. Und ich brauche viel Ruhe.
Unter ihren Lidern quollen Tränen hervor. Sie hatte nicht mehr weinen wollen, aber nun passierte es doch wieder. Mit ihren Nerven stand’s derzeit immer noch nicht zum Besten.
Vielleicht tat es ihr gut, ein wenig zu schlafen. Hunger hatte sie nicht, obwohl ihr vorhin ein bisserl flau im Magen gewesen war. Seit dem Frühstück hatte sie nichts gegessen.
Konnte sie überhaupt einschlafen mit all den bedrückenden Gedanken im Kopf? Warum war Ulrich ihr untreu geworden?
Hatte sie etwas falsch gemacht, war sie ihm zu langweilig geworden? Was hätte sie tun können, um Ulrich zu halten?
Sie konnte nicht aufhören, sich selbst die Schuld für das Aus zu geben. Dabei wusste sie doch insgeheim sehr gut, dass sie nichts dafür konnte.
Ulrich hatte sich gegen sie entschieden, weil er Angst vor der Ehe hatte.
Seine Liebe zu ihr war nur ein Strohfeuer gewesen, ein amüsantes Abenteuer, das ihm so lange bestens gefallen hatte, bis es wirklich ernst geworden war. Man heiratete ja nicht eben mal zwischendurch. Das war ihm anscheinend erst dann zu Bewusstsein gekommen, als Linda schon die Einladungskarten aus der Druckerei geholt und um ein Haar verschickt hatte.
Nicht daran denken, alles vergessen!
Linda stand auf und sah sich im Zimmer um. Sie lächelte unter Tränen.
Wie schön war es hier drinnen! Es sah in bisschen aus wie in einem Chalet. Überall helles Zirbelholz, echte Zillertaler Möbel, eine Sitzecke mit gemütlichen Sesseln und einem Tisch, auf dem eine Schale Obst stand. Fernseher, Zimmertelefon, Radio, alles war vorhanden, was man täglich nicht vermissen wollte. Der Balkon bot einen herrlichen Panoramablick auf die Berge.
Das Bad war blitzblank und versprach echte Wohlfühlmomente, denn es fehlte an nichts.
Auf dem Tisch neben der Obstschale entdeckte Linda ein Heftchen mit einem gedruckten Text: „Herzlich willkommen im Hotel Am Sonnenhang! Wir wünschen Ihnen eine wunderbare Zeit in unserem Haus und im Hochtal von Sankt Christoph.“
Dann waren die verschiedenen Einrichtungen aufgelistet, die das Hotel zu bieten hatte. Und natürlich wurde auf das Restaurant hingewiesen, in dem der Gast von bodenständigen Gerichten bis hin zu Spezialitäten eine große Auswahl hatte.
„Ich werde mich hier bestimmt erholen“, flüsterte Linda vor sich hin. „Gut, dass ich mich für Sankt Christoph entschieden hab. Ein Ort zum Träumen. Ein bisserl davonfliegen und nicht mehr grübeln, das wünsche ich mir. Ich will davon träumen, dass alles besser wird, als es war.“
*
Abends entschied sich Linda doch noch, etwas für ihren „flauen“ Magen zu tun.
Sie verließ ihr Zimmer freilich nur ungern. Es war so gemütlich, dass sie sich am liebsten dort eingeigelt hätte. Aber deshalb war sie ja eigentlich nicht hergekommen. Träumen ja, aber nicht immer nur im stillen Kämmerlein!
Im Restaurant herrschte reger Betrieb. Geschäftig eilten die Serviererinnen hin und her. Sie trugen dunkelblaue Dirndl mit weißen Blusen und sahen sehr adrett aus. Oberkellner Jakob Schmiedl dirigierte die Mädchen mit unauffälligen Gesten. Natürlich war er auch selbst im Einsatz.
Für Linda war ein Tisch reserviert, hübsch eingedeckt, mit Kerzen, Rosensträußerl und einer kunstvoll gefalteten Stoffserviette. Es war wirklich ein netter Platz. Aber eben ein Einzeltischchen. Sofort wurde Linda wieder daran erinnerte, dass sie ja solo war. Ein Single. Jeder würde es sofort sehen.
„Grüß Gott und einen schönen Abend“, sagte Jakob. „Wenn Sie dort Platz nehmen möchten, Frau Berneder, bitte sehr. Und da wäre die Karte. Heute Abend kann ich die Tiroler Schmankerln sehr empfehlen. Oder auch die Forelle Müllerin mit Mandelbutter.“
„Ich möchte eigentlich nur etwas Leichtes“, erwiderte Linda.
„Aber gerne, selbstverständlich.“ Jakob war die Höflichkeit in Person. „Vielleicht kommt ein Salatteller mit frittierten Schwammerln in Frage? Und vorweg ein Süppchen? Die Kerbelsuppe ist eine Spezialität des Hauses.“
„Ja, das hört sich gut an. Also die Suppe und hernach Salat.“
Linda freute sich über die herzliche und persönliche Atmosphäre, die auch im Restaurant des Hotels herrschte. Anscheinend kannte jeder bereits ihren Namen, obwohl sie doch erst mittags angekommen war.
Das Kerbelsüppchen kam ziemlich rasch. Jetzt wurde Linda von Vroni bedient, die dem Oberkellner in punkto Höflichkeit in nichts nachstand.
„Einen recht guten Appetit, Frau Berneder“, sagte sie freundlich.
Die Suppe war hervorragend. Man musste Kerbel ja nicht unbedingt mögen, denn das Kräutlein hatte einen recht eigenwilligen Geschmack. Linda stellte jedoch fest, dass sie nach der Suppe ein wohliges Gefühl verspürte.
Das Gefühl kam geradewegs aus dem Magen. „Köstlich“, schien er zu sagen, „genau richtig für mich! Appetitlich, anregend, würzig, gesund und obendrein eine Delikatesse. Weiter so!“
Zum Salat mit den frittierten Schwammerln wurde hausgebackenes Weizenbrot gereicht.
Die Schwammerln hatten eine knusprige Teighülle und schmeckten göttlich. Linda war kurz davor, sich eine zweite Portion zu bestellen, als ihr Blick rein zufällig auf einen Tisch in der Nähe fiel, an dem ebenfalls nur eine einzelne Person saß.
Diese Person war ein Mann.
Er mochte Anfang dreißig sein, hatte dunkelbraunes Haar und sah sehr gut aus. Anscheinend merkte er nicht, was um ihn herum passierte, denn er hatte ein Notebook vor sich liegen und tippte irgendetwas ein. Als ihm das Essen serviert wurde, schaute er nur kurz auf und tippte erst einmal weiter.
Depp, dachte Linda.
Sie kannte solche Typen. Männer dieser Wesensart kamen sich ungeheuer wichtig vor. Sie ließen überall den Manager und Geschäftsmann heraushängen, damit jeder sah, wie wichtig sie waren.
Egal, ob Laptop oder Notebook, es musste etwas Elektronisches im Spiel sein. Einige dieser unangenehmen Zeitgenossen schreckten nicht davor zurück, selbst in einem stilvollen Restaurant laut und rücksichtslos zu telefonieren, wobei ihr Handy natürlich das neueste Modell auf dem Markt sein musste.
Wenigstens war der Kerl da drüben ruhig. Er telefonierte nicht, aber er tat, als habe er vor, die Welt zu retten. Dieser Gesichtsausdruck – lachhaft! „Ohne mich geht gar nix“, stand auf seiner Stirn geschrieben.
Was hatte er eigentlich bestellt? Shrimps und Langusten vielleicht oder irgendetwas Ausgefallenes, um zu beweisen, dass er sich alles leisten konnte? Bekam man hier im Hotel überhaupt Langusten? Vielleicht auf Anfrage. Und was trank er? Roséwein?
Angeber!
Ärgerlich spießte Linda ihr letztes Salatblatt auf die Gabel.
Es war natürlich nicht ihre Art, andere Leute zu beobachten, schon gar nicht Männer, die sich für den Nabel der Welt hielten. Umso mehr wunderte sie sich darüber, dass sie hin und wieder doch zu dem Tisch hinüberblinzelte, an dem der „Angeber“ saß. Sie konnte einfach nicht anders.
Nun griff er nach dem Besteck und machte sich über das Essen her. Gut, man musste anerkennen, dass er sehr gesittet aß, er schlang nichts gierig hinunter und stopfte sich auch den Mund nicht unmäßig voll. Es schien ihm aber zu schmecken, denn er wirkte sichtlich zufrieden.
Noch immer konnte Linda nicht erkennen, was er auf dem Teller hatte.
Sie fragte sich, warum es sie überhaupt interessierte.
War es ihr nicht eigentlich völlig egal? Natürlich. Trotzdem hätte sie gerne gewusst, ob er wirklich etwas aß, was eigentlich gar nicht auf der Karte stand.
Hoffentlich ist er nur zum Essen hier und nicht als Urlaubsgast, dachte Linda. Arroganter Kerl!
Kaum war ihr dieser Gedanke blitzschnell durch den Kopf gesaust, als sie von drüben Oberkellner Jakobs Stimme hörte: „War das Tiroler G’röstl recht, Herr Kronast, oder hat’s an etwas gefehlt?“
„Es war ausgezeichnet“, vernahm Linda. „So richtig tirolerisch, wie ich es liebe. Ein Kompliment an die Küche!“
Linda senkte den Kopf und tat, als sei sie gar nicht da.
Tiroler G’röstl, ein eher schlichtes Gericht, das zu den alpenländischen Schmankerln gehörte – weder Langusten noch Shrimps!
Nun wurde es peinlich. Ohne hinzusehen spürte sie, wie der Gast aufstand und sich ihrem Tisch näherte.
„Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht, dass ich nur G’röstl gegessen habe“, sagte er. „Sie konnte es ja nicht so genau erkennen, nicht wahr? Um ehrlich zu sein, ich mag nun mal die Tiroler Spezialitäten lieber als alles andere. Einen schönen Abend noch.“
Sie blickte auf und sah geradewegs in seine Augen, die sie amüsiert betrachteten. Es waren sehr wache, graublaue Augen. Müde schien er jedenfalls nicht zu sein. Ehe sie etwas erwidern konnte, verschwand er mit seinem Notebook in der Halle ...



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