Leseprobe "Die schönsten Bergromane"           

Aus Liebe nahm er Schuld auf sich. Das erregende Schicksal eines Knechts, der die Hoftochter begehrt
Aus Liebe nahm er Schuld auf sich
Das erregende Schicksal eines Knechts, der die Hoftochter begehrt


Beim Klosterwirt saß die abendliche Stammtischrunde zusammen. Ein paar spielten Karten, die anderen unterhielten sich über alltägliche Dinge. Auch Xaver Lösch, der Knecht vom Sonnleitner-Hof, war mit am Tisch und rauchte seine kurze, schon arg zerbissene Tabakpfeife. „Na, Xaver, geht mit dem Heiraten noch nix?“, fragte der alte Kornbichler, der Nachbar vom Sonnleitner.
„Wüsst nix zu vermelden“, lautete die Antwort, wobei ein Paar graue Augen ins Kartenspiel des Nebenmannes spähten.
„Du wärst aber im richtigen Alter, Xaver“, meinte der Kornbichler.
„Und ein Jahr drüber“, gab Xaver zurück. Die Kartenspieler begannen plötzlich zu streiten.
Der Kornbichler ließ nicht locker. Er hatte eine Tochter, die er gern an den Mann gebracht hätte, aber sie schielte und war obendrein auch noch ziemlich beschränkt. „Meiner Hedi tät’s nix ausmachen, dass du schon über die dreißig bist“, verkündete er mit einem sanften Rippenstoß. „Fünfundzwanzig und einunddreißig gäb ein gutes Paar!“
„Tu dich net strapazieren, Max!“, sagte Xaver mit nachsichtigem Grinsen. „Ich steh net auf’s Heiraten ... und auf deine Hedi schon überhaupt net!“
„Wartest du etwa auf einen Goldfisch?“, lauerte der andere. „Die Agnes wär ja einer, aber die nimmt keinen, der bei ihrem Vater Knecht ist!“
Xaver spürte einen Stich im Herzen. Der Kornbichler hatte mit seinem Gerede eine wunde Stelle berührt. Niemand durfte erfahren, dass er, der einfache Rossknecht, der Untergebene eines großkopferten Bauern, dessen einzige Tochter liebte. In aller Heimlichkeit freilich. Seit Agnes aus der Töchterschule zurück war, sich aus dem mageren Dirndl in ein bildhübsches Mädchen entwickelt hatte, wurde Xaver Lösch von der Liebe gequält, die er ängstlich zu verbergen suchte.
Die Burschen von Moosbach waren hinter der Agnes her wie die Hunde hinter einer Häsin. Aber bis jetzt konnte sich noch keiner rühmen, die Gunst der Agnes Sonnleitner errungen zu haben. Außerdem stand ja auch ihr Vater als schwer zu überwindendes Hindernis im Weg.
Xaver wurde einer Antwort enthoben, weil der Wirt herantrat und das Nahen der polizeilichen Sperrstunde verkündete. „Auch der beste Gast macht sich strafbar“, warnte er wie immer. Es war der übliche Spruch, mit dem er den Wirtshausbesuch beendete. Ein paar bezahlten auch gleich und gingen.
„Überleg dir meinen Vorschlag, Xaver!“, erinnerte der Kornbichler beim Händeschütteln. „Meine Haustür steht dir Tag und Nacht für einen Heiratsantrag offen! Tätest mir taugen als Schwiegersohn, das darfst du glauben!“
„Vielleicht denk ich doch einmal darüber nach“, antwortete Xaver und bezahlte bei der Bedienung seine Zeche. Vier Biere und zwei Schnäpse hatte er an diesem Abend wieder zusammengebracht! Aber was sollte er sonst tun als Junggeselle, dem sich keine Gelegenheit für eine einigermaßen gute Heirat bot?
Als Waise wuchs er auf. Die Mutter brachte ihn unehelich zur Welt, weil der Vater kurz vor der Heirat einen tödlichen Bergunfall hatte. Nach einer langen Herumschubserei gelangte er mit fünfundzwanzig zum reichen Sonnleitner, der einen tüchtigen Rossknecht brauchte. Der Lohn war gut. Xaver stand sich bestens mit der Herrschaft, war fleißig und hatte daher beim Bauern einen Stein im Brett. Dies berechtigte aber noch lange nicht zu Hoffnungen auf die Tochter!
Auf dem Heimweg zum Sonnleitner-Hof, der ein Stück außerhalb des Dorfes am Fuß des Bergwalds lag, dachte Xaver über das Angebot Kornbichlers nach, der fast auf Rufweite vom Sonnleitner-Hof im Waldeck angesiedelt war. Freilich konnte er sich nicht mit dem Besitz Sonnleitners messen! Aber es wäre eine Chance gewesen, selbstständiger Bauer zu werden! Wenn er allerdings an die Hedi dachte, und sie sich als Ehefrau vorstellte ... mit ihrem deutlichen Silberblick, dann blieb er doch lieber Knecht!
Die Maulwurfsgrillen sangen laut in der Vollmondnacht. Weiter drüben, wo der Bach nah am Fuß des Berges vorbeifloss, huschten flüchtige Schatten. Ein Rehbock bellte. Auf dem Hof brannte das Licht über der Haustür.
Xaver ging langsam. Er spürte die vier Glas Bier und die zwei Schnäpse. Aber heute war Samstag, da konnte man sich schon ein kleines Räuschlein leisten! Man hatte sich ja auch vor niemanden zu verantworten! Dies war aber auch der einzige Vorteil des Junggesellenlebens!
Plötzlich blieb Xaver wie angewurzelt stehen. Angestrengt starrte er in den großen Garten, der am zweistöckigen Hofgebäude angrenzte. Äpfel- und Zwetschgenbäume standen darin. War das nicht eine Gestalt, die vom Haus weg in Richtung des Baches lief?
Xaver spürte wieder einen dumpfen Stich in der Herzgegend. Wenn das ein heimlicher Liebhaber der Bauerntochter war, dann hätte er, Xaver, gekündigt. Er hätte es einfach nicht ertragen, dass er um einen Wunschtraum betrogen worden wäre. Vielleicht war es ein heimlicher Verehrer der Agnes, der eine Abfuhr erhalten hatte! Nein, die Agnes ließ keinen heimlich ins Kämmerchen!
Schon wollte Xaver der Gestalt nachrennen, aber sie war auf einmal wie vom Erdboden verschwunden. So begab sich Xaver in seine einfache Kammer. Sie lag ganz hinten im Flur des großen Hauses, gleich neben der Tür, die in den Kuhstall führte. Die vier Rösser, die ihm anvertraut waren, befanden sich in einem angrenzenden Stall.
Xaver zwang sich, an nichts mehr zu denken, sich keine Wunschbilder vorgaukeln zu lassen. Gähnend entledigte er sich der Kleider. Als er auf die harte Matratze des Bettes sank und die Glieder streckte, nahm er sich vor, mit dem, was ihm das Schicksal oder der Herrgott gegeben hatte zufrieden zu sein und der zu bleiben, der er nun einmal war und bleiben musste: ein Knecht.
Er ahnte nicht, dass ihm das so genannte Schicksal noch Aufgaben stellen sollte, die hart waren, ihn aber in die Nähe der Erfüllung seines Wunschtraumes bringen konnten.



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