Leseprobe "Dr. Stefan Frank - seine dramatischsten Fälle"           

Diese Leseprobe stammt aus dem Roman „Dr. Stefan Frank – Seine dramatischsten Fälle “ Band 8.
Ist diese Liebe wirklich Sünde?
Woran Dr. Franks Patientin beinahe zerbrach

Amelie Werner – die sympathische Journalistin erfährt von Dr. Frank, dass sie schwanger ist und gerät in einen großen Gewissenskonflikt. Es ist das Kind ihrer verbotenen Liebe zu einem verheirateten Mann. Eine Scheidung kommt für Bernd nicht infrage, denn sein Ehefrau ist schwerkrank und auf seine Hilfe angewiesen ...

Bernd Rentzlow – ist ein Mann, der zwischen zwei Frauen steht. Die hinreißende Amelie liebt er über alles, aber aus Mitleid und Pflichtbewusstsein bleibt er bei seiner kranken Frau. Doch dann treten bei Amelies Schwangerschaft plötzlich Komplikationen auf – und Bernd wird in dramatischen Stunden zu einer Entscheidung gezwungen ...

„Sie sehen mich so eigenartig an, Herr Dr. Frank“, stellte Amelie Werner fest. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
Besonders beunruhigt wirkte sie nicht, als sie jetzt auf die Antwort ihres langjährigen Hausarztes wartet. Amelie Werner war noch nie ernsthaft krank gewesen und sie war nur zu einer Routineuntersuchung in die Praxis nach München-Grünwald gekommen, wie sie das seit Jahren tat. Sie fühlte sich keineswegs krank, und deshalb war sie völlig gelassen, als sie ihre Frage stellte.
Dr. Stefan Frank lächelte sie freundlich an. Er mochte Amelie Werner gern, sie war eine hübsche, selbstbewusste junge Frau, die sehr gerade heraus war. Ihre schwarzen langen Haare umrahmten ein zartes Gesicht, das von klugen dunklen Augen beherrscht wurde. Sie war schlank und sportlich, und er wünschte sich manchmal, noch mehr so unkomplizierte Patientinnen wie sie zu haben. Sie hatte gelegentlich eine Grippe oder eine heftige Erkältung gehabt, aber das war auch schon alles gewesen.
„Es ist alles in bester Ordnung, Frau Werner. In allerbester sogar.“ Er machte eine winzige Pause, bevor er weitersprach: „Sie bekommen ein Baby.“
Er war gespannt auf ihre Reaktion und beobachtete sie daher aufmerksam. Sie hatte ihm gesagt, dass sie nicht verheiratet war – mehr wusste er allerdings nicht über ihr Privatleben.
„Ich bin schwanger?“, fragte sie verblüfft. Ihr Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. „Ich frage mich, wie das passiert sein kann. Ich benutze ein Diaphragma und bin eigentlich sehr sorgfältig damit. Vergessen habe ich es bestimmt nicht.“
„Nun ja“, meinte er, „eine gewisse Fehlerquote gibt es bei dieser Methode natürlich. Zum Beispiel, wenn Sie mehrfach Verkehr haben innerhalb einer gewissen Zeit. Dann sinkt die Zuverlässigkeit eines Diaphragmas. Weil Sie die Creme, die unbedingt dazugehört, nicht erneut auftragen können, ohne es herauszunehmen.“
„Sie wollten also nicht schwanger werden?“, fragte Dr. Frank behutsam. „Ich schließe das daraus, dass Sie regelmäßig verhütet haben.“
„Ach“, antwortete sie, den Blick in weite Ferne gerichtet. „Ich hätte schon gern Kinder, und eigentlich ist jetzt die beste Zeit, um sie zu bekommen. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, fühle mich gut, und als freiberufliche Journalistin kann ich zu Hause arbeiten ...“
„Aber?“, hakte er nach. „Es gibt doch ein ‚Aber‘ – oder nicht?“
Sie krauste die Stirn und sah ihm dann wieder in die Augen. „Ganz einfach: Ich hätte gern auch einen Vater, der sich um das Kind kümmert. Als allein erziehende Mutter habe ich mich bisher nicht gesehen.“
„Will Ihr Freund keine Kinder?“, fragte er. „Denn sonst ...“ Er ließ den Rest des Satzes vorsichtshalber in der Luft hängen. Es sollte nicht so aussehen, als wolle er sie bedrängen, sich ihm anzuvertrauen.
Wie er befürchtet hatte, verschloss sich ihr Gesicht. Sie würde ihm nichts sagen. Er seufzte lautlos. Er hätte ihr gern geholfen, aber wenn er nicht wusste, wo das Problem lag, dann konnte er das nicht.
„Mein Freund kommt als Vater nicht in Frage“, sagte sie in diesem Augenblick und bestätigte damit seine Befürchtungen. Sie richtete sich auf und sagte plötzlich sehr entschlossen: „Aber ich werde das Kind trotzdem auf die Welt bringen. Die Nachricht, dass ich schwanger bin, hat mich ziemlich überrascht, ich muss mich erst einmal daran gewöhnen.“
Sie holte tief Luft und brachte dann ein etwas schiefes Lächeln zustande. „Irgendwie wird es schon gehen, auch wenn ich allein bin, was denken Sie, Herr Dr. Frank? Ich werde zwar mein ganzes Leben umorganisieren müssen, aber andere Frauen vor mir haben das ja auch schon geschafft. Warum sollte ich das nicht können?“
„Wenn es jemand kann, dann Sie, Frau Werner“, sagte er, und er meinte es völlig ehrlich. „Wenn Sie Unterstützung von meiner Seite gebrauchen können – jederzeit!“
Jetzt lachte sie und beugte sich ein wenig vor. „Wie darf ich das denn verstehen?“, fragte sie belustigt. „Sie meinen doch sicher nicht, dass Sie mir helfen wollen, meinen Alltag zu organisieren?“
Er lachte auch. „Nein“, gab er zu, „das wäre wirklich nicht gut möglich. Aber manchmal brauchen allein stehende junge Mütter jemanden, mit dem sie über ihre Sorgen sprechen können. Jemanden, der ihnen aus einigem Abstand heraus ein paar gute Ratschläge geben kann. Und da sind Hausärzte mitunter nicht die schlechteste Wahl.“
„Ich werde es mir merken“, versicherte sie. „Und ich komme ganz sicher darauf zurück.“ Sie stand auf. „Das heißt also, wir sehen uns in der nächsten Zeit öfter, Herr Dr. Frank.“
Auch er erhob sich. „Ja, das heißt es wohl, Frau Werner. Lassen Sie sich die Termine von Schwester Martha geben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie möglichst bald anfangen, sich über Ihre Schwangerschaft zu freuen.“
Auf einmal strahlte sie. „Wissen Sie was, Herr Dr. Frank? Ich glaube, ich habe gerade eben damit begonnen!“


Alexandra Retzlow war sehr blass, als sie ihrem Mann Bernd an diesem Morgen beim Frühstück gegenüber saß. Unter ihren blauen Augen lagen tiefe Schatten, die blonden Haare waren streng zurückgekämmt, was den Eindruck von Krankheit und Elend auf ihrem Gesicht noch verstärkte. Schweigend schenkte sie ihm Kaffee ein, während sie selbst sich mit einem Kräutertee begnügte. Die Brötchen, die er geholt hatte, rührte sie überhaupt nicht an.
Bernd Retzlow seufzte unüberhörbar. Es fiel ihm schwer mit gesundem Appetit zu essen, wenn Alexandra ihn mit leidendem Gesicht gegenüber saß, aber natürlich konnte er ihr das nicht sagen. Schließlich quälte sie sich nur seinetwegen aus dem Bett, dass wusste er. Sie hielt es für unabdingbar, dass eine gute Ehefrau ihrem Mann Frühstück zubereitet und es dann mit ihm teilte.
Ihm selbst wäre es viel lieber gewesen, wenn sie im Bett geblieben wäre, aber so oft er das Thema auch anschnitt, sie wies ein solches Ansinnen jedes Mal weit von sich. Deshalb hatte er in letzter Zeit nichts mehr dazu gesagt, es war ja doch zwecklos.
Bernd Retzlow war ein kräftiger Mann mit angenehmen Gesichtszügen. Er sah gut aus, aber auf eine eher unauffällige Art und Weise. Er hatte sehr schöne, dichte braune Haare. Seine Nase war ein wenig zu breit, aber das kräftige Kinn glich diesen kleinen Makel wieder aus. Bernd Retzlow war Bauunternehmer, und er hatte es, obwohl er erst sechsunddreißig Jahre alt war, bereits zu einem Vermögen gebracht.
„Du hattest wieder eine schlechte Nacht, oder?“, wandte er sich nun an seine Frau.
„Ja“, antwortete sie leise. „Aber das ist ja nichts Besonderes. Ich habe ja nur noch schlechte Nächte, wie du weißt.“
„Aber was sagen denn die Ärzte dazu, Alexandra?“, fragte er, wie schon so oft. „Du bist noch nicht einmal fünfunddreißig, das kann doch so nicht weitergehen! Es muss dir doch einer helfen können!“
Sie zuckte mit den Schultern. Es war eine hilflose Geste, die wie so oft das Bedürfnis in ihm auslöste, sie zu beschützen. Aber das tat er ja ohnehin. Er beschütze sie vor der feindlichen Welt – nur war es nicht das, was er sich von einem Leben mit ihr erhofft hatte.
Doch seine enttäuschten Hoffnungen hatten nichts mit ihrer Krankheit zu tun. Schon relativ bald nach ihrer Hochzeit war ihm bewusst geworden, dass er sie nicht wirklich liebte. Er hatte den Rausch der ersten Verliebtheit in die schöne blonde Frau mit einem tieferen Gefühl verwechselt – doch als er das erkannt hatte, war er eben bereits mit ihr verheiratet gewesen.
Und dann, vor ein paar Jahren, hatte sie angefangen zu kränkeln – und seitdem ging es ihr eigentlich immer schlecht. Er wusste nicht mehr, wann es begonnen hatte, aber er glaubte, dass es mit der Kinderlosigkeit in ihrer Ehe zusammenhing. Sie hatten Kinder haben wollen, aber keine bekommen. Sie hatte sich gegen eine Untersuchung gesträubt, und er hatte nicht darauf bestanden. Wenn es nicht sein sollte, dass sie Kinder bekamen, dann würden sie sich eben damit abfinden – das war seine Haltung gewesen. Er hatte sogar vorgeschlagen, ein Kind zu adoptieren, doch davon hatte sie nicht wissen wollen.
In jener Zeit war mit Alexandra eine Veränderung vorgegangen, und seitdem kränkelte sie. Er hatte stets gehofft, dass irgendwann einmal ein Arzt den Grund für ihre Beschwerden finden würde, aber mittlerweile glaubte er nicht mehr daran. Offenbar konnte ihr niemand helfen, und sie selbst verzweifelte allmählich ebenfalls.
Er machte sich schon lange nichts mehr vor. Zwar war ihre Ehe von Anfang an nicht glücklich gewesen, denn sie passten einfach nicht zusammen, weil ihre Interessen viel zu verschieden waren. Aber sie würden sich niemals trennen, denn eine kranke Frau konnte er nicht einfach im Stich lassen.
„Die Ärzte!“, wiederholte sie nun mit leiser Verachtung. „Sie sagen mir seit Jahren das Gleiche, das weißt du doch. Sie finden die Ursache für meinen erbärmlichen Zustand einfach nicht, und manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt richtig danach suchen.
„Vielleicht solltest du den Arzt wechseln“, schlug er, nicht zum ersten Mal, vor. Aber auch das würde zu nichts führen. Sie wechselte ihre Ärzte ständig, und keiner fand etwa Neues heraus. Dabei war es ganz offensichtlich, dass sie schwer krank war – man musste sie nur ansehen.
„Ich habe mich in der Waldner-Klinik angemeldet“, erwiderte sie mit müder Stimme. „Aber das ist mein letzter Versuch, Bernd. Wenn sie mir dort auch nicht helfen können, dann will ich nur noch in Frieden sterben.“
Erschrocken hob er den Kopf. „Wie kannst du so etwas sagen, Alexandra? Du wirst nicht sterben, du bis viel zu jung.“ Es war das erste Mal, dass sie so etwas gesagt hatte, und sein Magen krampfte sich zusammen. Er liebte sie nicht mehr, und das spürte sie sicher. War es vielleicht doch seine Schuld, dass sie sich so elend fühlte?
Das schlechte Gewissen überkam ihn, wie so häufig. Und wie so häufig führte es dazu, dass er sich erhob und ihr einen Kuss auf die blasse Wange drückte.
„Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben!“, beschwor er sie. Aber hatte er selbst das nicht schon lange getan? Seine Ehe erschien ihm jeden Tag mehr wie ein Gefängnis, aus dem er sich niemals würde befreien können. Eine kranke Frau verließ man nicht – er zumindest würde es nicht tun. Und das hieß ...
Er schob seine Gedanken mit aller Kraft beiseite. „Ich muss gehen, Alexa. Vergiss nicht, dass ich abends noch einen Termin habe und später komme. Pass auf dich auf. Wann hast du dich denn in der Klinik angemeldet?“
„Nächste Woche“, antwortete sie.
Er nickte, umarmte sie noch einmal und verließ eilig das Haus. Als er draußen war, atmete er einige Male tief durch. Ihm war, als sei er kurz vor dem Ersticken gewesen.
Erleichtert stieg er in sein Auto und fuhr davon, der Freiheit entgegen. So zumindest empfand er es, und natürlich hatte er auch deshalb ein schlechtes Gewissen. Doch an seinen Empfindungen änderte das nichts. Er begann sogar, während der Fahrt zu seinem Büro, leise vor sich hin zu pfeifen.



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