Leseprobe "Silvia-Schicksal"           

Das Glück, an das sie nicht mehr glaubte. Wie eine verzweifelte Frau versucht, ihr Schicksal zu meistern
Traurig schaut Katharina zu, wie ihr Mann Koffer für Koffer in der schweren Limousine verstaut, und die Regentropfen, die ihr ins Gesicht fallen, vermischen sich mit ihren Tränen. Nun ist er also da, der Moment, vor dem sie sich jahrelang gefürchtet hat: Nach endlosen Affären, nach denen Robert stets reumütig zu Frau und Kind nach Hause kam, hat er nun eine Frau gefunden, mit der er leben will – und geht für immer ...

Die Nachricht, dass Robert Striegel seine Frau und seinen Sohn verlassen hatte, verbreitete sich in Windeseile in Kempten. Gerüchte jagten sich, und obwohl Katharina keinen Ton über die charakterlose Weise verlor, mit der ihr Mann sie abserviert und ihr das Dach über dem Kopf verkauft hatte, lagen die Sympathien eindeutig bei ihr. Viele neideten Robert die reiche Frau, die er sich ihrer Meinung nach geangelt hatte.
Uwe Greiner bekam die Geschichte in einer besonders üblen Version von seiner Mutter erzählt, die mit ihrer kleinen Tochter bei ihm war. Genussvoll schildert sie ihm Details, die sie teilweise beim Bäcker gehört und anschließend fantasievoll ausgeschmückt hatte.
„Was manche Frauen leiden müssen!“, endete sie und sah den Arzt Beifall heischend an. „Ich habe da schon ein Glück mit meinem Hannes. Ein bisschen träge ist manchmal und mit der Romantik hat er es ja leider gar nicht, aber dafür ist er eine treue Seele, und man kann sich auf ihn verlassen. So ist das eben im Leben. Man denkt, man bekommt was man sieht, aber meistens sind es Mogelpackungen“, philosophierte sie und fuhr dann fort: “Also wenn der Kerl mir auf der Straße unterkommt, dann kann er lange darauf warten, dass ich ihn grüße. Mein Hannes und ich haben aus Mitleid ein paar Versicherungen bei ihm abgeschlossen, aber wenn sich da etwas Besseres auftut, dann wird gekündigt. So einen Menschen muss man doch nicht auch noch unterstützen, oder? Außerdem ist er in ein goldenes Nest gefallen. Der hat seine Schäfchen jetzt im Trockenen. Die Frau Steiner wird ihn schon versorgen.“
Uwe hörte ihr nur noch mit einem halben Ohr zu. Auch wenn die Geschichte, die sie ihm aufgetischt hatte, gar zu spektakulär war und logische Brüche aufwies, steckte eindeutig ein wahrer Kern darin. Katharina war verlassen worden. Sie hatte so vieles für Robert aufgegeben und immer zu ihm gehalten. Das war nun der Dank! Er ließ sie allein!
Uwe hätte ihr gern beigestanden, aber er fürchtete, sie würde es als Belästigung empfinden, wenn er ausgerechnet jetzt, da es ihr nicht gut ging, bei ihr anrief. Den ganzen Nachmittag trieb ihn die Sorge um, und am Abend war er mehr als nahe daran, nach dem Telefon zu greifen. Er tat es nicht. Katharinas stolze Zurückhaltung und ihre Unnahbarkeit, wenn es um persönliche Dinge ging, hielten ihn zurück.
Als er am anderen Tag in seiner Mittagspause Lotte, Katharinas Mutter, auf der anderen Straßenseite gehen sah, nahm er es als Omen. Er winkte ihr zu warten und ging zu ihr hinüber. „Ich habe gehört, was passiert ist“, begann er unsicher. „Du weißt, wie gern ich Katharina habe und ... Wie geht es ihr?“
„Nicht gut, gar nicht gut. Ach Uwe!“ Lotte legte ihm traurig die Hand auf den Unterarm, als ob sie sich bei ihm stützen wollte. „Er hat sie nie gut behandelt, und jetzt hat er noch eins obendrauf gesetzt. Und doch kommt sie nicht von ihm los. Sie quält sich mit Vorwürfen und redet sich ein, alles falsch gemacht zu haben.“
„Aber er hat sie doch verlassen!“
„Sie liebt ihn noch. Leider! Als ob das Ganze nicht schon schlimm genug wäre, wie es ist, wird sie ständig darauf angesprochen und wortreich bedauert. Sie will gar nicht mehr aus dem Haus“, berichtete Lotte.
„Und jetzt komme ich auch noch und belästige dich mit meinen Fragen. Entschuldige!“ Uwe war verlegen.
„Sei nicht dumm! Bei dir ist es Anteilnahme, aber das ist eine Ausnahme. Menschen können grausam sein. Ich weiß einmal mehr, warum ich Tiere in der Regel vorziehe“, schimpfte Lotte müde.
„So schlimm?“
„Schlimmer! Nicht einmal Nico lassen sie in der Schule in Ruhe. Die anderen Kinder ziehen ihn damit auf, dass sein Papa ein Gigolo sei. Die Kinder wissen vermutlich nicht, was das Wort überhaupt bedeutet, aber für Nico ist es trotzdem schrecklich. Heute kam er weinend heim und hat sich gleich in seinem Zimmer verkrochen. Vor seiner Mutter klagt er nicht, aber mich hat er angefleht, dass er morgen nicht in die Schule muss“, erzählte sie.
„Ich habe fast so etwas befürchtet. Die Geschichte, die man mir erzählt hat, klang verdächtig nach brodelnder Gerüchteküche.“
Lotte nickte. „Selbst für mich ist es wie Spießrutenlaufen, sobald ich das Haus verlasse. Die Leute drehen den Kopf nach mir um, und einige ganz Vermessenen sprechen mich sogar an, um ihre Neugierde zu befriedigen. Katharina isst so gut wie nichts. Sie schläft nicht. Sie leidet fürchterlich, und diese Leute ergötzen sich an ihrem Kummer. Ich bin so wütend.“
Glaubst du, sie freut sich trotzdem, wenn ich einmal bei ihr vorbeischaue?“, fragte Uwe.
„Die beiden wohnen bei mir, und du bist herzlich willkommen. Dass Katharina sich öffnet, wage ich zu bezweifeln, aber freuen würde sie sich bestimmt. Vor allem Nico täte es gut. Er könnte einen Mann zum Reden brauchen, und er mag dich sehr. Sein Vater hat seit drei Wochen nichts mehr von sich hören lassen. Er hat nicht mit Nico geredet, nicht einmal versucht, es ihm zu erklären, oder ihm gesagt, dass er ihn noch lieb hat. Er ist einfach sang- und klanglos aus dem Leben des Jungen verschwunden.“
„Wie erbärmlich!“ ereiferte sich Uwe.
Lotte lachte bitter. „Es passt zu seinem übrigen Verhalten. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich nicht viel von meinem Schwiegersohn halte, aber so eine Charakterlosigkeit hätte nicht einmal ich ihm zugetraut. Uwe, komm, wann immer du einmal Zeit hast. Wir können alle etwas Aufmunterung gebrauchen.“
„Heute Abend sehe ich bei euch vorbei“, versprach er.
Sie lächelte dankbar.
Als Uwe dann gegen neunzehn Uhr vor Lottes Haustür stand, war ihm trotz der herzlichen Einladung mulmig zumute. Seine Ängste erwiesen sich als unbegründet. Nicht nur Nico und Lotte freuten sich über seinen Besuch. Katharina schüttelte ihm fest die Hand. Die drei aßen gerade zu Abend, und Lotte stellte Uwe gastfreundlich einen Teller dazu.
Während des Essens unterhielt sich Uwe hauptsächlich mit Nico, der eng an seine Seite rückte. Sie sprachen über die Greifvögel der Gegend und den Versuch, die Adlerpopulation zu stärken. Über seinen Kummer verlor der Junge kein Wort.
Nur widerstrebend ging Nico gegen einundzwanzig Uhr ins Bett. Uwe machte es ihm etwas leichter, indem er ihn für das kommende Wochenende zu einer Exkursion zu einem der Adlerhorste einlud. Die Vögel hatten gerade Junge, und man konnte sie von einem hoch gelegenen Aussichtspunkt aus recht gut bei der Brutpflege beobachten. Nico strahlte, als Uwe ihn fragte, ob er Lust hätte, hinzuwandern und den Vögeln zuzusehen.
„Dann sind wir uns ja einig. Ich hole dich am Sonntagmorgen um acht Uhr ab. Wir müssen ein schönes Stück bergauf wandern, um zu dem Aussichtspunkt zu gelangen. Denk an festes Wanderschuhwerk! Trinken und Essen nehme ich für uns mit“, sagte Uwe, als Nico ihm schließlich eine gute Nacht wünschte.
„Und sie kommen auch ganz bestimmt?“, fragte der Junge ängstlich und wurde vor Verlegenheit rot.
„Und ob! Ich freue mich auf unseren Ausflug“, versprach Uwe und fragte sich, wie oft Nico wohl von seinem Vater enttäuscht worden war.
„Bis Sonntag!“, rief Nico noch einmal von der Treppe herunter.
„Bis Sonntag!“
„Danke!“ Katharina war sehr blass und hatte dunkle Schatten unter den Augen. Solange Nico bei ihnen gewesen war, hatte sie sich bemüht, gut gelaunt zu wirken. Kaum war er gegangen, sackte sie in sich zusammen.
„Das mache ich gern. Warum kommst du nicht mit uns? Es wird dir gut tun, dir etwas frische Bergluft um die Nase wehen zu lassen“, lud Uwe sie ein.
Sie saßen in dem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer Lottes und tranken noch ein Glas Wein zusammen.
„Ich weiß nicht. Nico hat sicher mehr Spaß, wenn er meine Leidensmiene einmal für ein paar Stunden nicht sehen muss“, deutete Katharina das erste Mal an diesem Abend ihre schwierige uns schmerzliche Lage an.
Lotte verließ unter einem Vorwand taktvoll das Wohnzimmer, um ihrer Tochter die Möglichkeit zu geben, ihr Herz auszuschütten.
„Katharina, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich dir einen Rat gebe. Ich habe durch meinen Beruf viel mit Kindern zu tun, die Ähnliches durchmachen müssen. Du tust Nico keinen Gefallen, wenn du dich ihm gegenüber immer derart beherrschst und so tust, als wäre alles in bester Ordnung. Du kannst ihn nicht täuschen. Er sieht, wie es dir geht. Wenn du das Thema zum Tabu machst, nimmst du ihm die Möglichkeit, mit dir darüber zu reden. Er vermisst seinen Vater und ist genauso traurig und wütend wie du“, wagte sich Uwe weit vor.
Sie stand auf, wandte ihm den Rücken zu und trat ans Fenster. „Aber genau das will ich doch verhindern. Er soll all das nicht auf sich beziehen“, rechtfertigte sie sich gereizt. „Robert hat mich verlassen und nicht Nico.“
„Für den Jungen sieht es momentan aber anders aus. Sein Vater ist gegangen, ohne mit ihm zu reden oder sich zu verabschieden. Er hat Nico bisher weder angerufen noch besucht“, erinnerte Uwe sie ernst.
„Robert wird sich noch bei ihm melden. Er liebt Nico“, verteidigte Katharina instinktiv ihren Mann, wie sie es immer getan hatte.
„Das mag sein. Es wäre schön und würde Nico helfen, wenn sein Vater irgendwann den Kontakt zu ihm pflegen würde. Daran, wie sich der Junge jetzt fühlt, ändert es nichts. Du spielst ihm etwas vor, und er bemüht sich, dir etwas vorzuspielen. Das tut keinem von euch gut“, beharrte Uwe und rechnete halb damit, dass sie ihn vor die Tür setzen und den Ausflug mit ihrem Sohn verbieten würde.
Katharina reagierte vollkommen anders. Als sie sich zu ihm umdrehte, sah er Tränen, die über ihre Wangen rollten. „Was soll ich meinem Jungen denn sagen? Was denn? Dass ich seinem Vater nie genug war und dass er sich eine andere gesucht hat, die ihm geben kann, was er braucht? Soll ich ihm das sagen? Ich würde es nicht ertragen, wenn Nico mich auch noch ablehnen würde“, schluchzte sie.
„Katharina, dein Mann hätte sich keine bessere Frau als dich wünschen können. Du hast alles für ihn getan.“ Uwe ging zu ihr und zog sie tröstend an sich.
„Aber es war nicht genug. Es war nicht genug“, murmelte sie an seiner Brust...



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