Leseprobe "Silvia-Schicksal"           

Lernen Sie „SILVIA“ kennen und lieben!
Warmherzige Romane über starke Frauen und die Liebe
Ein wahrer Glücksgriff
Von Lotta Carlsen

„Happy birthday to you!“, drang die kräftige Baritonstimme aus dem Hörer, in der Annette Döhring noch immer das piepsige Stimmchen ihres kleinen Sohnes Kai zu hören glaubte.
Gleich darauf fiel fröhlich und laut, wie es ihre Art war, ihre Tochter Karina ein: „Happy birthday, liebe Mutschi, happy birthday to you. Ganz herzlichen Glückwunsch von deinen beiden Halunken. Du bist die beste Mutschi der Welt, und Kai und ich hoffen, du hast auch den tollsten Geburtstag auf der Welt.“
„Ist das lieb von euch“, rief Annette gerührt.
Seit die Zwillinge ganz klein gewesen waren, hatten sie ihre „Mutschi“ am Geburtstagsmorgen mit einem Ständchen geweckt. Natürlich war Annette meist lange vor den Kindern wach gewesen, denn als „Familienmanagerin“, wie sie sich scherzhaft selbst bezeichnete, hatte sie früh am Tag immer alle Hände voll zu tun. Danach aber hatte sie sich still und leise noch einmal in ihr Bett geschlichen, um den Kindern ihre Überraschung nicht zu verderben.
Annette unterdrückte ein Seufzen. Wo waren nur die Jahre geblieben? Inzwischen waren aus Kai und Karina zwei selbstbewusste, hübsche und äußerst intelligente junge Leute geworden, auf die Annette vor Stolz platzte. Im letzten Sommer hatten beide ihr Abitur bestanden, und im Herbst waren sie aus dem Hamburger Elternhaus ausgezogen, um zum Studium nach Berlin zu gehen.
Annette wusste, wie froh sie sein musste, dass ihre Kinder ihr so wenige Sorgen bereiteten. Sie gönnte Kai und Karina die Freiheit und den bunten Trubel der Hauptstadt von Herzen und freute sich, dass die beiden ihre Träume verwirklichen konnten.
Wenn sie die Zwillinge nur nicht so schrecklich vermisst hätte! Das Haus kam ihr so leer, so still vor, seitdem die Kinder es nicht mehr mit Leben füllten. Ihr Mann Bertram, ein erfolgreicher Anwalt, war oft erst zu Hause, wenn Annette die Augen nicht länger offenhalten konnte. Und unter den Nachbarn gab es hier in der Großstadt kaum Kontakt – jeder kümmerte sich nur um sich selbst.
Umso schöner würde aber der heutige Tag werden, wo sie ihre beiden wiedersah! Natürlich hatten sie nicht darüber gesprochen. Annette kannte doch Kai und Karina – sie würden sie mit ihrem Besuch überraschen wollen.
Stillschweigend hatte sie ihnen jedoch ein bisschen zusätzliches Taschengeld geschickt. Als Studenten waren sie immer knapp bei Kasse, und die Zugfahrt von Berlin nach Hamburg war nicht gerade billig.
Außerdem hatte sie die Aprikosen-Marzipan-Torte gebacken, von der die Zwillinge nie genug bekommen konnten. Ob die beiden schon unterwegs waren und ihren musikalischen Anruf aus dem Zug tätigten?
Annette kochte und backte mit Leidenschaft. Einst hatte sie gehofft, aus dieser Liebe einen Beruf zu machen. Nach der Ausbildung als Köchin hatte sie sich zur Küchenmeisterin fortbilden wollen, um eines Tages ihr eigenes kleines Café zu eröffnen. Das war ihr Traum gewesen: Ein Ort, an dem Menschen zusammentrafen, um bei liebevoll zubereiteten Kleinigkeiten ins Gespräch zu kommen.
Als sie mit Bertram jedoch ihrer großen Liebe begegnet war, hatte sie diese Träume zurückgestellt.
Annette lächelte. Ihr Bertram war ein altmodischer Mann, der von seiner Frau genau das erwartete, was er von seiner Mutter her kannte: Dass sie rund um die Uhr für ihn da war und ihn verwöhnte.
Ja, er war schon ein kleiner „Macho“, ihr Liebster, aber Annette wollte ihn nicht anders. Sie liebte ihn genau so, wie er war.
„Ich hoffe, Papa führt dich heute ganz schick aus“, rief die Stimme ihrer Tochter Annette in die Gegenwart zurück „Eine so tolle Frau wie du hat es wirklich verdient.“
„Das ist lieb von dir“, erwiderte Annette und fühlte, wie sie errötete. Sie war alles andere als eine tolle Frau, aber solange ihre Familie sie mochte, mochte sie sich auch. „Ich finde, zu Hause ist es doch am schönsten“, fügte sie hinzu. „Wir machen es uns gemütlich, und ich koche uns etwas Leckeres …“
„So gut wie du kocht sowieso kein Koch, nicht einmal im Sterne-Restaurant“, ließ sich Kai aus dem Hintergrund vernehmen.
Annette wollte ihm für das rührende Kompliment danken, doch Karina protestierte: „In der Küche stehst du doch das ganze Jahr. An deinem Geburtstag sollten mal andere für dich kochen, Mutschi.“
„Ach meine Süße – du weißt doch, es macht mir Spaß, für euch am Herd zu zaubern.“ Annette lachte. „Und die Portionen, die ihr beide vertilgt, würden euren Papa in einem Restaurant bestimmt ein mittleres Vermögen kosten.“
„Das kann er für seine Frau ruhig mal springen lassen“, konterte Karina. Dann stockte sie. „Die Portionen, die wir vertilgen? Aber Mutschi, wir sind doch heute gar nicht dabei!“
„Da fällt mir ein“, unterbrach Kai. „Bitte sei nicht böse, dass wir das Geschenk für dich ein bisschen zu spät abgeschickt haben. Du bekommst es ganz bestimmt morgen, oder spätestens am Dienstag.“
Er redete noch ein bisschen weiter, nannte allerlei Gründe, warum sie es nicht rechtzeitig geschafft hatten, das Geschenk zu versenden, aber Annette hörte kaum noch, was er sagte. Sie brauchte keine Geschenke! Sie brauchte ihre Kinder bei sich!
Bertram, der unter der Dusche gewesen war, steckte den Kopf ins Zimmer. Während er sich sein Haar mit einem Handtuch trocken rubbelte, sandte er ihr einen ungeduldigen Blick, der bedeutete: Bist du immer noch nicht fertig?
Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm, dass sie gleich auflegen würde.
Fünf Minuten später wandte sie sich ihrem Mann zu, der mit reichlich ungnädiger Miene in der Tür stand.
Nach dreiundzwanzig Jahren Ehe liebte sie Bertram noch immer innig. Ja, sein Haar begann sich an der Stirn zu lichten, und ihre gute Küche zeigte sich in dem kleinen Bauchansatz, den er bekam, aber er war noch immer ein attraktiver Mann. Der jungenhafte Charme, mit dem er sie damals im Sturm erobert hatte, umwehte ihn wie eh und je.
„Das waren Kai und Karina“, sagte sie. „Leider schaffen sie es nicht, heute herzukommen.“
„Natürlich schaffen sie es nicht“, versetzte Bertram. „Für den einen Tag würde es sich ja kaum lohnen, das Geld für die Fahrkarte auszugeben.“
„Es ist mein Geburtstag“, entfuhr es Annette.
„Als Student kann man sich nun mal nicht einfach so freimachen“, erwiderte er. „Du verstehst das nicht, weil du nie studiert hast und es gewohnt bist, alle Tage frei zu haben. Dabei fällt mir ein – ich habe selbst nicht viel Zeit, ich muss gleich noch mal in die Kanzlei.“
„In die Kanzlei? Aber heute ist doch Sonntag!“, rief Annette.
„Manche Menschen müssen eben auch am Sonntag arbeiten, um ihre Familien zu ernähren“, knurrte er. Dann aber unterbrach er sich: „Ach was, ich habe dieses Versteckspiel satt. Ich wollte dich schonen, aber davon wird ja nichts besser, und dass unsere Ehe seit Langem nur noch eine Farce ist, wirst du ja selbst bemerkt haben.“
„Was soll denn das heißen, unsere Ehe ist nur noch eine Farce?“, fuhr Annette betroffen auf.
Ja, Bertram hatte in den letzten Monaten kaum noch Zeit für sie gehabt, und sie hatte in ihrer Sehnsucht nach den Kindern vielleicht zu wenig auf seine Wünsche geachtet. Aber sie liebten sich doch, sie waren ein Paar, und in zwei Jahren würden sie ihre Silberhochzeit feiern!
„Es soll heißen, dass ich dich verlasse“, erklärte Bertram kühl. „Und ehe du fragst: Ja, ich habe mich in eine andere Frau verliebt. Es ist einfach geschehen. Melanie und ich sind sehr glücklich miteinander und wollen noch einmal ganz neu anfangen.“
Annette vermochte nicht zu glauben, was sie da zu hören bekam.
„Melanie Richter? Deine Anwaltsgehilfin? Aber die ist doch nicht viel älter als unsere Karina!“
„Nun, zum alten Eisen fühle ich mich selbst auch noch nicht gehörig“, erwiderte Bertram pikiert. „Zumindest, seit ich nicht mehr hier zu Hause versauere und tagein tagaus über nichts als Kinder, Kochrezepte und alte Tanten reden muss. Jetzt zieh nicht so ein Gesicht, Netti, wir werden das alles ganz freundschaftlich regeln. Das Haus brauchen Mel und ich, aber für dich wird bestens gesorgt sein. Vielleicht willst du erst einmal zu deiner Busenfreundin Doris ziehen? Danach suchen wir dir dann in aller Ruhe ein nettes Appartement …“

An diesem Tag, ihrem 43. Geburtstag, zerbricht Annettes Welt. Doch nach dem ersten wilden Schmerz begreift sie, dass in jedem Ende auch ein neuer Anfang stecken kann … und es beginnt die beste Zeit ihres Lebens!

Schenken Sie sich glückliche Stunden mit diesem wunderbaren Mutmach-Roman von Lotta Carlsen. Lesen Sie Band 286 der BASTEI-Reihe „Silvia-Schicksal“!



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