Leseprobe Geisterjäger John Sinclair           

Im Laufe seiner über dreißigjährigen Karriere hat sich John Sinclair, der Geisterjäger vom Scotland Yard, viele Feinde gemacht. Zwei davon sind Will Mallmann, genannt Dracula II, und dessen Scherge, der Hypnotiseur Saladin. Der Albino Lucio könnte ihr nächstes Opfer werden.
Diese Leseprobe stammt aus dem Roman 'Geisterjäger John Sinclair', Band 1.500.

Der Albino

»Ich heiße Saladin«, sagte er, »merke dir diesen Namen gut…«
Lucio würde ihn niemals vergessen, das stand fest. Er konnte nicht behaupten, dass er sich besonders wohl gefühlt hätte, denn als Freund konnte er ihn nicht ansehen.
Saladin stand da und breitete die Arme aus wie ein Priester.
»Willkommen in deiner neuen Welt«, sagte er und lächelte dabei wie ein Teufel. »Sie wird ab sofort dein Zuhause sein…«
Saladin hatte recht langsam gesprochen, damit der Albino auch jedes Wort verstand. Und er hatte es gehört. Das zu verkraften fiel ihm allerdings mehr als schwer. Bisher war er stets der Sieger gewesen. Allein durch sein Aussehen hatte er den Menschen Furcht eingeflößt, und nun war es umgekehrt.
Er war es, der Furcht empfand. Dieser Glatzkopf war kein Mensch, denn er war derjenige, der in dieser unwirklichen Welt bestimmte.
»Wo bin ich?«, fragte Lucio so leise wie ein ängstliches Kind. »Verdammt, wohin hast du mich verschleppt?«
»In deine neue Heimat.«
»Wieso?«
»Verstehst du das nicht?«
»Nein.«
»Du willst es nicht verstehen. Kann ich mir denken. Du hast alles verloren, aber hier kannst du es neu aufbauen. Ein neues Gefühl für Heimat bekommen.«
Lucio sagte nichts. Die Worte hatten ihn hart getroffen.
»Wieso soll dies hier meine neue Heimat sein? Hat sie überhaupt einen Namen?«
»Ja, den hat sie. Es ist gut, dass du mich darauf ansprichst. Diese Welt hat einen Namen. Es gibt hier auch einen Herrscher. Es ist Will Mallmann. Man nennt ihn auch Dracula II.«
»Bitte?«
Saladin lächelte. »Und die Welt hier, die nennt sich Vampirwelt.«
»Wieso das?«
»Sie ist von Vampiren bewohnt. Von den Geschöpfen, die vom Blut normaler Menschen leben.«
Der Albino glaubte, sich verhört zu haben. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Aber dann erinnerte er sich an die Gestalt, die versucht hatte, sich durch das Fenster zu zwängen.
»Weißt du jetzt Bescheid?«
Der Albino schluckte. Er zitterte, seine Hände wollten einfach nicht ruhig bleiben, und dann war ihm plötzlich klar, dass er wirklich ein Gefangener war.
Sein Herz fing an, heftiger zu schlagen. Er steckte in der Falle. Er hatte nicht den Hauch einer Idee, wie er aus dieser Welt je wieder flüchten konnte.
»Warum gerade ich, verflucht?«, keuchte er. »Warum habt ihr mich ausgesucht? Warum keinen anderen Menschen? Es gibt so viele.«
»Aber du bist etwas Besonderes, Lucio. So einen wie dich haben wir noch nicht in unserer Sammlung. Und wir haben mit dir etwas Besonderes vor.«
»Und was?«
»Das wirst du sehen. Ich werde dir später alles erklären. Zuvor aber wirst du zu einem der Hiesigen hier werden. Daran kannst du nichts ändern.«
Saladin hatte seine Worte bewusst kompliziert formuliert. So brauchte der Albino seine Zeit, um sie zu begreifen, und plötzlich kam er sich vor, als hätte man ihm eine glühende Stange in den Magen gerammt. Er sah plötzlich alles deutlich vor Augen, und ein Begriff spielte dabei eine besondere Rolle.
Vampir!
Plötzlich saß ihm die Kehle zu. Er schaffte es nicht mehr, normal Luft zu holen. Als er einatmete, war dies von einem Röcheln begleitet. Er glaubte, sich in einem Kreisel zu befinden, und er hielt sich nur mühsam auf den Beinen.
»Du weißt es, nicht?« Saladin lachte breit.
»Ich denke schon.«
»Dein neues Dasein wird mit deinem früheren nichts mehr zu tun haben. Es wird sich in anderen Dimensionen abspielen. Du wirst weiterhin wie ein Mensch aussehen, aber du wirst keiner mehr sein. Du wirst immer auf der Jagd nach Nahrung sein, und die ist das Blut der Menschen. An etwas anderes wirst du nicht mehr denken, nur noch an Blut, Blut…«
»Und - ähm - das soll ich werden? Ein Vampir?«
»Du bist schon so gut wie einer!«
Hätte Lucio eine Waffe besessen, er hätte sie hervorgeholt und geschossen. Er befand sich in einem Zustand, in dem ihm alles egal war.
Er drehte durch!
Ein Schrei verließ zuerst seine Kehle. Er war so etwas wie der Startschuss für den Angriff.
Aus dem Stand rannte er auf Saladin zu, um ihm die Fäuste gegen den kahlen Schädel zu schlagen…



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