Leseprobe "Die Welt der Hedwig Courths-Mahler"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus "Die Welt der Hedwig Courths-Mahler" Band 46
Die Tränen seiner kleinen Tochter - was das Herz eines stolzen Mannes verhärtet hatte
Der Kaffee war kalt geworden, und Melanie Hauser schob die Tasse mit einer Geste voller Abscheu und Resignation zurück. Genauso bitter und schwarz wie der Kaffee war auch ihre Zukunft.
Die junge Frau stützte den brauen Lockenkopf auf die Hände und starrte durch das kleine Fenster auf die Straße. Ihre Augen brannten vor unterdrückter Tränen. Sie hatte keine Ahnung mehr, wie es weitergehen sollte.
Was, um Himmels willen konnte sie nur tun? Sie hatte kaum noch Geld – das Zimmer hatte sie Gott sei Dank schon im Voraus bezahlt – und brauchte dringend Arbeit.
Aber Melanie hatte keinen Beruf erlernt. Nach dem Tod der Mutter hatte sie ihren Vater, einem Professor für Literatur, den Haushalt geführt. Dann war wie ein Wirbelwind Werner Hauser in ihr Leben getreten, und sie hatte sich plötzlich als seine Frau wiedergefunden.
Doch der Traum vom Glück war kurz gewesen. Ihr Vater war ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit gestorben, und Werner – der Gedanke an ihn erfüllte Melanie mit Bitterkeit – war die Enttäuschung ihres Lebens gewesen. Ganz schnell hatte er sich aus dem Staub gemacht, und sie musste sehen, wo sie blieb.
Bei diesem Gedanken angelangt, schüttelte Melanie heftig den Kopf und zwinkerte die Tränen weg. Trübsal blasen half absolut nichts. Sie musste vielmehr ihr Leben in beide Hände nehmen; einfach so lange suchen, bis sie eine Arbeit gefunden hatte. Irgendetwas musste es doch auch für sie geben!
Melanie griff nach der Zeitung, die ihr die freundliche Wirtin überlassen hatte, und schlug die Stellenangebote auf. Nein, sie sah schon, da war nichts für sie dabei.
Überall wurden Qualifikationen, Zeugnisse, Referenzen erwartet, alles Dinge, die sie nicht vorweisen konnte. Dann fiel ihr Blick auf eine kleine, eingerahmte Anzeige:
‚Suche Erzieherin für fünfjähriges Mädchen!‘
Eine Telefonnummer stand dahinter.
Melanie durchzuckte es wie ein Schlag. Das war ja genau das, was sie gern tun würde; ein Kind erziehen und mit Liebe und Fürsorge auf das Leben vorbereiten. Wie sehr hatte sie sich selbst Kinder gewünscht, aber Werner …
Melanie schob den Gedanken beiseite.
Mit klopfendem Herzen rief sie vom Telefon der Wirtin aus die Nummer an, und schon am nächsten Tag befand sich Melanie mit ihrem alten Auto auf der Fahrt zu einem Vorstellungsgespräch nach Gut „Drei Eichen“...

Langsam ließ Melanie das Auto auf dem kiesbetreuten Platz vor dem Gutshaus ausrollen. Einen Moment saß sie noch still da und fühlte, wie die Spannung in ihr wuchs.
Aus den Augenwinkeln sah sie aus einem Nebengebäude einen Mann kommen, der ein Pferd am Zügel führte. Er war groß und breitschultrig und trug Reitkleidung.
Der Mann warf einen kurzen Blick zu ihr hinüber, dann schwang er sie auf das Pferd und ritt davon.
Melanie vergaß ihn sofort, denn die breite Eingangstür öffnete sich, und auf der Schwelle erschien eine füllige ältere Frau in einem weißen Kittel und betrachtete sie neugierig.
Nur Mut, ermunterte sich Melanie mit klopfendem Herzen. Sie stieg aus und ging der Frau entgegen. Zaghaft lächelnd streckte sie der Unbekannten die Hand entgegen.
„Guten Tag, ich bin Melanie Hauser!“
„Guten Tag, Fräulein Hauser!“, erwiderte die Frau, und ein freundliches Lächeln huschte über ihr breites Gesicht. Ihre fleischige, warme Hand umschloss Melanies schmale mit festem Griff. „Wir haben Sie schon erwartet! Kommen Sie herein! Ich bin Frau Jäger, die Haushälterin!“
Melanie atmete auf. Der Empfang war jedenfalls freundlich, hoffentlich verlief auch weiterhin alles so gut.
Die Haushälterin ging voran, und Melanie folgte ihr in die große Halle des Gutshauses. Hier war es dämmrig und kühl.
Rasch sah sich Melanie um...

„Wollen Sie sich noch ein wenig frisch machen!“
Die Haushälterin wandte sich zu Melanie um. Aber die schüttelte nur den Kopf. Die Anspannung war zu groß, alles in ihr drängte danach, eine Entscheidung herbeizuführen.
Sie wollte die Stellung haben, denn mit plötzlicher Klarheit wusste sie, dass sie unendlich gern in diesem Haus bleiben würde.
Frau Jäger lächelte verstehend.
„Dann kommen Sie bitte mit! Ich bringe Sie jetzt zu Frau von Dornbach.“
Sie wandte sich nach rechts und öffnete eine der Türen. Einen Moment schloss Melanie geblendet die Augen, denn sie fand sich in einem sonnendurchfluteten, großen Raum wieder. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, entdeckte sie, dass dies der Salon des Hauses sein musste.
Im gleichen Augenblick sah sie auch die grauhaarige, zierliche Frau, die in einem Chippendale-Sessel saß und sie forschend ansah.
„Fräulein Melanie Hauser! Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Kommen Sie doch näher, mein Kind, und setzen Sie sich hierher, damit wir uns unterhalten können.“
Frau von Dornbach hielt ihr eine feingliedrige, dunkel geäderte Hand entgegen. Melanie ergriff sie und erwiderte den leichten Händedruck.
Alle Angst und Anspannung fielen plötzlich von ihr ab, und sie fasste eine herzliche Zuneigung zu der alten Dame.
Dann setzte sie sich in den Sessel, den Frau von Dornbach ihr anwies, und warf einen flüchtigen Blick durch den Raum, der geschmackvoll mit kostbaren Möbeln ausgestattet war. Überall standen Vasen mit Blumen und erfüllten den Raum mit ihrem lieblichen Duft.
Frau von Dornbach ließ Melanie einen Moment Zeit, sich umzusehen, derweil sie ihrerseits die junge Frau betrachtete.
Auf den ersten Blick schien sie sich nicht von den anderen zu unterscheiden, die sich schon vorgestellt hatten und von denen ihr keine richtig zugesagt hatte.
Aber bei näherer Betrachtung entdeckte der forschende Blick der alten Dame einen besonderen Ernst in Melanies Augen und einen schmerzlichen Zug um ihren Mund. Das Leben schien mit diesem Fräulein Hauser nicht allzu freundlich umgegangen zu sein, war ihr erster Eindruck.
Von jugendlicher Unbekümmertheit und Sorglosigkeit war jedenfalls nichts zu spüren. Im Gegenteil, sie schien unter einer starken Anspannung zu stehen, was sich in dem nervösen Spiel ihrer schönen Hände ausdrückte.
Frau von Dornbach war eine gute Menschenkennerin und hatte sich meist auf ihr Herz als auf ihren Verstand verlassen. Auch jetzt sprach ihr Herz und flog dieser jungen Frau zu, und halb und halb stand ihr Entschluss schon fest, ihr die Stellung zu geben, falls Jessica sie mochte; das war natürlich Voraussetzung.
Einen kleinen Kampf würde es allerdings mit Martin, ihrem Sohn und Jessicas Vater, geben. Er hatte sich bereits am Vormittag zugunsten einer älteren Dame entschieden, die sich vorgestellt hatte.
Kurz und bündig hatte er das seiner Mutter gesagt und sich dann wieder seinen vielfältigen Aufgaben zugewandt. Eben hatte sie vom Fenster aus gesehen, wie er fortgeritten war. Nun, bei seiner Rückkehr würde er eine Überraschung erleben. Bei diesem Gedanken lächelte die alte Dame und wandte sich jetzt Melanie zu.




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