Leseprobe "Bergkristall"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus dem Roman „Bergkristall“ Band 137
Ungeliebt, doch für immer gebunden - erregender Eheroman aus dem Hochgebirge
„Christoph, ist’s denn wirklich wahr, dass du aus St. Mang fortgehen willst? Das kannst du mir doch net antun!“, versuchte die Pfannzelter-Evi am nächsten Tag Christoph umzustimmen. Sie war zum Fassbinder-Hof gekommen, weil sie es einfach nicht glauben konnte, dass der Mann, dem ihr Herz schon wer weiß wie lang gehörte, wirklich fortgehen wollte.
Christoph legte ihr den Arm um die Schulter. Es war nur eine freundschaftliche Geste. Er mochte die fesche Evi gern, aber als Ehefrau und Mutter seiner Kinder konnte er sich das Dirndl einfach nicht vorstellen.
„Schau, Everl, es ist besser so“, sagte er in seiner bedachtsamen Art. „Du bist ein hübsches Dirndl und findest gewiss bald einen Schatz, der dich von Herzen liebt und dich glücklich macht. Ich wünsch‘ es dir ehrlich, Madl.“
Evi biss sich auf die Lippen und schwieg. Sie würde sich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass sie einer Illusion nachgehangen hatte, einem schönen, aber unerfüllbaren Traum. Liebe ließ sich halt nicht erzwingen.
Vierzehn Tage später verließ Christoph Fassbinder sein Heimatdorf. Er hatte kein bestimmtes Ziel. Wo auch immer es ihm gefiel, da wollte er bleiben. Dort würde er sich ein kleines Anwesen kaufen mit dem Geld, das Georg ihm ausgezahlt hatte.
Die Brüder waren in Freundschaft geschieden, nachdem Georg begriffen hatte, dass sich Christoph nicht hätte umstimmen lassen. Aber als Christoph fort war, murrte Georg:
„So ein sturer Hund, so ein sturer! Ins warme Nest hätt er sich setzen können – und die Evi ist so ein bildsauberes Madl, was will einer noch mehr?“
„Sei ehrlich, Schorschl, es fuchst dich doch am meisten, dass du zum Frühjahr einen Knecht wirst einstellen müssen“, sagte die Annamirl und lachte mitten in sein grimmiges Gesicht hinein. „Das Geld reut dich, gib’s nur zu! Ich kenn dich, Büberl, mach mir nix vor!“
„Sag nicht immer Büberl zu mir!“, schnauzte er sie an, zornig, weil Annamirl ihn durchschaut hatte. Aber sie ließ sich nicht einschüchtern.
„Schorschl, manchmal kommst du mir wirklich vor wie ein dummer kleiner Bub, der sich einbildet, dass es allweil nach seinem Willen gehen müsst. Lass den Christoph laufen, du bist doch net sein Vormund! Und jetzt sag ich dir was, Schorschl: So Gott will, werden wir im nächsten Jahr schon zu dritt sein. Freust du dich?“
„Und ob ich mich freu!“, rief Georg, der über der Aussicht bald Vater zu werden, sofort alles andere vergaß. Er fiel Annamirl um den Hals und busselte sie herzhaft ab. Dass er sie eigentlich nur geheiratet hatte, weil sie eine schöne Mitgift in die Ehe einbrachte, war in diesem Augenblick vergessen.

Christoph hatte sich vorgenommen, in Murnau seinen Freund Stefan zu besuchen. Er hatte sich mit Stefan angefreundet, als sie gemeinsam ihren Militärdienst bei den Gebirgsjägern in Mittenwald abgeleistet hatten. Seitdem waren sie in Verbindung geblieben. Freilich beschränkte sich diese Verbindung auf gelegentliche Anrufe. Und dann hatte der Stefan nichts mehr von sich hören lassen, nachdem Christoph nicht zu seiner Hochzeit erschienen war, obwohl Christoph herzlich eingeladen worden war. Aber gerade zu der Zeit war Georg Fassbinder krank gewesen, und Christoph hatte sich um den Hof kümmern müssen und konnte nicht fort.
So war Christoph nicht sicher, dass Stefan ihn mit offenen Armen willkommen heißen würde, wenn er so plötzlich aufkreuzte. Aber man würde ja sehen.
Alles ging besser als erwartet.
„Alter Spezi, bist du’s wirklich?“, empfing Stefan ihn. Er strahlte vor Freude. Gleich rief er seine Mechthild herbei, die Christoph warmherzig willkommen hieß.
„Der Stefan hat oft von dir gesprochen“, sagte sie. „Setzt euch in die Stube, ich koch geschwind einen Kaffee!“
Später erzählte Christoph, dass er es daheim nicht mehr ausgehalten hatte und nun nach einem kleinen Hof Umschau halten wollte, wo er sein eigner Herr sein konnte.
„Kann schon verstehen, dass es dir zuwider war, deinem Bruder den Knecht zu spielen“, meinte Stefan. „Uns würd’s ehrlich freuen, wenn du hier in der Gegend bleibst. Dann könnten wir uns öfter sehen.“
„Es kommt halt drauf an, ob ich in der Nähe einen Hof find, der zum Verkauf steht.“
„Drüben in Rohrwies wüsste ich einen Hof, der dir bestimmt Gefallen würd, Christoph. Ist ein sauberes Anwesen, net zu groß und net zu klein. Aber die Geschichte hat einen Haken, das muss ich dir gleich dazusagen. Der Leiser-Bauer ist tot. Er ist vom Rabenkogel abgestürzt, und zur selben Zeit ist seine Bäuerin verschwunden. Du kannst dir wohl denken, dass in Rohrwies der Klatsch blüht. Die Leute sagen, dass die Reni Leiser ihren Mann umgebracht hat, weil er sie immer wieder betrogen hat. Manche meinen, dass sie über die Grenze gegangen und irgendwo untergetaucht ist. Andere vermuten, sie hätt sich umgebracht.“
„Der Bürgermeister von Rohrwies ist davon überzeugt, dass sie Leiser-Bäuerin tot ist“, warf Mechthild ein. „Kurz nachdem die Reni verschwunden war, ist droben auf der Passstraße ein Auto abgestürzt und in Flammen aufgegangen. Der Fahrer und die Frau, die er bei sich im Auto hatte, waren schrecklich entstellt. Der Wagen hat ein Frankfurter Kennzeichen gehabt. Deshalb nahm die Polizei zuerst an, dass es sich um ein Urlauber-Ehepaar handelt. Aber dann stellte sich heraus, dass der Mann ein Vertreter auf Geschäftsreise war. Seine Frau hat ihn eindeutig identifiziert. Die Person, die er im Wagen hatte, muss eine Anhalterin gewesen sein. Weil die Polizei vermutete, es könnte sich um die verschwundene Leiser-Bäuerin handeln, musste der Bürgermeister sich die traurigen Überreste anschauen. Auch die Babette und der Simon, die auf dem Leiser-Hof seit vielen Jahren ihren Dienst stehen, und die Reni von Kindheit an kennen, mussten die Tote in Augenschein nehmen. Der Bürgermeister meinte, es könnte die Reni Leiser sein. Aber der Simon und die Babette haben Stein und Bein geschworen, dass es nie und nimmer ihre Bäuerin ist.“
„Und wie ging’s weiter?“, wollte Christoph wissen.
„Der Bürgermeister Schlögl hat alles in die Wege geleitet, um die Leiser-Bäuerin für tot erklären zu lassen. Er meint, wenn sie noch am Leben wär, müsst sie sich doch melden, denn sie würd es doch net zulassen, dass der Hof in fremde Hände kommt! Es ist ihr Anwesen, der Max Windegger hat bei ihr eingeheiratet, und seither hieß man ihn den Leiser-Bauern. Wie die zwei geheiratet haben, waren sie wie Turteltauben, so verliebt. Aber das hat net lang angehalten, denn der Max konnt’s net lassen, fremden Weibsleuten nachzusteigen.“
Stefan schüttelte den Kopf. „Ich kann’s net begreifen, dass einer so eine blitzsaubere Frau betrügt.“
„Er wird die Reni wohl nur geheiratet haben, um Bauer auf dem Leiser-Hof zu werden“, meinte Mechthild. „Der Simon und die Babette lassen kein gutes Haar an ihm. Aber beide sind felsenfest davon überzeugt, dass die Reni lebt und dass sie ihren Mann net umgebracht hat.“
„Aber dann hätt sie doch net davonlaufen brauchen“, wandte Christoph ein.
„Wie sollte sie denn beweisen, dass sie ihm net einen Stoß gegeben hat, dass er in die Rabenschlucht stürzt? Aber wie dem auch sei, dem Bürgermeister Schögl käme es bestimmt gelegen, wenn sich herausstellen würd, dass die Leiser-Reni nimmer lebt. Er würd nämlich selber gerne den Leiser-Hof kaufen für seinen jüngsten Sohn, der bald heiraten will. Aber bis jemand von Amts wegen für tot erklärt wird, vergeht eine Zeit. Und wenn du beim Schögl vorsprichst und ihm sagst, dass du dich für den Leiser-Hof interessierst, wird er dir zum mindesten erlauben müssen, dass du dir den Hof anschaust.“
„Das werd ich auf jeden Fall tun“, antwortete Christoph.




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