Leseprobe "Alpengold"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus dem Roman „Alpengold“ Band 97
Versuchung in Grafenried - zwei Burschen kämpfen um Lenas Herz
Die Luft war schwül, und am Himmel zwischen den schroffen Gipfeln des Hochgebirges ballten sich düstere Wolken. Über dem Argenstein, der als einziges Bergmassiv der näheren Umgebung noch einen richtigen Gletscher aufweisen konnte, stiegen weiße, turmartige Gebilde empor, die ein Gewitter ankündigten. Sie scheinen direkt aus der Eiswüste emporzuwachsen, die auf der Nordseite in einem weiten Kar als riesige, weiß strahlende Fläche sogar aus dem Tal zu erkennen war.
Der junge Bauer Georg Steinhöfer schaute immer wieder hinauf, aber nicht, um die Schönheiten der Natur zu bewundern, sondern um abzuschätzen, wie viel Zeit er noch hatte.
Er war dabei, das Heu von einem Steilhang einzubringen, an dem in diesem Jahr das Gras besonders saftig und reich an Wildblumen gewachsen war. Er hatte es gestern mühselig mit der Sense gemäht, denn für die Maschine war das Gefälle des Abhangs zu groß, der Boden zu wellig.
„Macht zu!“, rief er zu den beiden Frauen hinauf, die das Gras zusammenrechten und in dicken Bündeln auf den talseitigen Weg warfen, wo Georg dabei war, es aufzuklauben und auf den Anhänger des alten Horch-Traktors zu werfen. „In einer halben Stunde geht’s los mit dem Regen!“
„Red net lang, pack selber zu!“, rief seine Mutter zurück und warf ihm einen großen Bund Heu direkt in die Arme.
Er bewunderte, wie hart seine Mutter in ihrem Alter arbeiten konnte. Sie war letzte Woche fünfzig geworden und schuftete noch wie ein junges, kräftiges Bauernmadl. Sie hätte es gar nicht mehr nötig gehabt, und vielleicht würde sie heute als Hausfrau über mehrere Angestellte verfügen und nur noch das Nötigste selbst tun, wenn das Schicksal ihr nicht so übel mitgespielt hätte.
Doch vor fünf Jahren war der Vater tödlich verunglückt – er hatte seinen neuen schweren Wagen noch nicht richtig im Griff gehabt und war in der Abenddämmerung, als ihn die tiefe Sonne zwischen zwei Bergen blendete, auf der anderen Bergseite in die Bärenschlucht gestürzt.
Der Wagen war noch nicht bezahlt gewesen, und Mutter hatte zwei Hofangestellte entlassen müssen, um die Beerdigung, das Auto und dann noch die restlichen Raten für Georgs Studium an der Kemptener Landwirtschaftsschule zu bezahlen. Die Hilfe vom Bauernverein, ein langfristiges Darlehen, hatte sie ebenso abgelehnt, wie die gut gemeinte Spendensammlung des Landfrauenbundes. Sie wollte anderen Leuten nichts schuldig sein.
Georg hatte den Hof dann früh übernommen – fast schuldenfrei, denn seine Mutter hatte alle Kraft darangesetzt, möglichst zum Zeitpunkt seiner Prüfung alles abbezahlt zu haben. Ganz war das nicht gelungen, aber der Rest war für Georg dann ein Leichtes gewesen.
Der Hof war schuldenfrei, und Vaters Grab hatte einen Stein mit einer Mariendarstellung. Er war immer ein großer Marienverehrer gewesen und hatte die jährliche Wallfahrt nach Maria Birnbaum im Allgäuer Unterland nie ausgelassen.
Georg vertrieb die Erinnerungen aus seinem Kopf. Jetzt galt es, das Heu möglichste vollständig einzubringen, denn jedes Bündel bedeutete Geld, das er an zugekauftem Kraftfutter sparen konnte.
„Das ist das Letzte!“, rief seine Mutter ihm zu.
Er fing das Bündel auf und schleuderte es mit dem gleichen Schwung hoch auf den Wagen. Dann kletterte er hinauf und zog die Plane über das Heu.
Geschafft!, dachte er und warf seiner Mutter einen dankbaren Blick zu, als sie zusammen mit der jungen Lena vom Tanner-Hof, die heute zur Aushilfe gekommen war, auf den Seitensitz des Traktors kletterte.
Als er den Dieselmotor angeworfen hatte und selbst aufstieg, um hinter dem großen Lenkrad Platz zu nehmen, schaute er die beiden noch keuchenden Frauen an.
Lena sah trotz des verschwitzten Gesichts und ihres zerzausten blonden Haares, das sich überall aus ihren dicken Zöpfen löste, herzzerreißend hübsch aus. Ihre großen braunen Augen blickten unschuldig in die Welt hinein, als besäße sie noch die Neugier eines Kindes, und ihr breiter roter Mund, der beim Lächeln immer diese herrliche Reihe weißer Perlenzähne zeigt, verursachte ihm Herzklopfen.
Wie mochte es sich wohl anfühlen, diese herrlich geschwungenen Lippen küssen zu dürfen?
Das hätte er nie gewagt. Er verdrängte diesen Gedanken aus seinem Sinn.
„Wir bringen das Heu net mehr ins Lager“, sagte er. „Ich fahre gleich den Anhänger unter das Vordach des Maschinenschuppens, und dann können wir erst einmal essen, bis das Unwetter vorbei ist.“
„Ich backe Speckpfannkuchen“, sagte die Mutter. „Ist schon alles vorbereitet. Ich hab auch Johannisbeermarmelade aus der Vorratskammer geholt und Grütze zubereitet. Es gibt heute mal Nachtisch.“
„Schad, dass ich nicht bleiben kann!“, bedauerte Lena. „Meine Eltern warten. Ich bin heut mit dem Melken dran.“
Das war ganz die Lena. Sie half gern anderen aus, vergaß darüber aber auch ihre eigene Arbeit nicht. Obwohl der Tanner-Hof drei Angestellte hatte, gab es dort viel Arbeit, denn neben der Landwirtschaft hatte man auch noch ein paar Fremdenzimmer zu bewirtschaften. Lena gönnte sich nie einen freien Tag.
„Ich fahr dich gleich mit dem Wagen hinüber, wenn ich das Heu untergestellt hab“, schlug Georg vor. „Vor dem Gewitter schaffst du es zu Fuß net.“
Lena schüttelte den Kopf. „Lass mich nur da vorn bei der Barbara-Kapelle absteigen“, meinte sie. Ich geh dann durch die Hinterpforte Beim Friedhof und bin in fünf Minuten daheim.“
Er hielt an der Kapelle und sah ihr nach. So war die Lena nun mal – tüchtig, hilfsbereit und bescheiden. Hoffentlich bekommt sie eines Tages nicht einen selbstsüchtigen Ehemann, der das einfach nur für sich ausnutzt!, dachte er.
Georg hätte gern mit ihr geredet, aber er hatte Angst, sich eine Abfuhr zu holen, und so wagte er es gar nicht. Sie hatte doch ganz andere Chancen als die, mit ihm das Leben zu verbringen. Wahrscheinlich würde sie eines Tages, wenn ihre Eltern nicht mehr wirtschaften konnten, die Fremdenzimmer zu einer richtigen Pension oder gar einem Hotel ausweiten, und dann hätte er als einfacher Landwirt in ihrer Welt gar keinen Platz.
Und überhaupt, er gehörte auf den elterlichen Hof, an die Seite seiner Mutter, solange sie lebte. Und der Lena konnte er ein solches Leben nicht zumuten.
Sie hatte etwas Besseres verdient.

Die schmale, an Schlaglöchern reiche Straße wand sich in vielen Kurven durch dichten Fichtenwald, immer höher hinauf, bis sie sich in engen Kurven einen Steilhang emporschlängelte.
Der Fahrer eines niedrigen Sportwagens mit offenem Verdeck wischte sich immer wieder mit einem sorgfältig gebügelten Taschentuch über die Stirn. Kaum zu glauben, dass es so hoch in den Bergen eine so schwüle Hitze gab – und mindestens ebenso unglaublich war, dass dies die Hauptstraße über den Alpen-Hauptkamm nach Maidland sein sollte.
Es sah so aus, als ragten die Felswände direkt hinter dem Dorf auf, auf das er jetzt zusteuerte. Die Straße war auf den letzten Kilometern schmaler geworden und ähnelte eher einem der gepflasterten Feldwege, wie es sie im Unterland so häufig gab.
Bevor sie in das Dorf einbog, führte sie an einem Sägewerk mit einem großen Platz vorbei, auf dem frisch in Bretter gesägtes Holz trocknete und etliche Baumstämme lagerten. Der Schienenstrang, der ungefähr parallel zur Straße, aber mit weiteren Kurven und durch mehrere Tunnel verlaufen war, endete hier. Einen Bahnhof, an dem man vielleicht einen Umgebungsplan finden konnte, gab es hier offenbar nicht.
Der Fahrer des Sportwagens nahm sich vor, sich hier im Dorf zur Sicherheit nach dem Verlauf der Hauptstraße zu erkundigen, denn es schien etwas mit seinem Navigationsgerät nicht zu stimmen, das ihm sonst den Weg zeigte.
Von der Bahnstrecke war darauf gar nicht zu sehen – wahrscheinlich war sie längst stillgelegt, wie so viele hier im Hochgebirge. Es kamen ja nicht mehr so viele Urlauber wie früher in die heimischen Berge, da es die meisten Menschen heute mehr in die Ferne drängte.
Das eigentliche Dorf, das hinter dem Ortsschild “Grafenried“ auftauchte, wirkte bescheiden. Es hatte nicht die weiß getünchten, bunt bemalten und mit Blumen geschmückten Häuser, sondern erschien viel schlichter, aber dennoch gepflegt. Einige waren sogar so groß, dass sie schon nach einem gewissen Wohlstand aussahen.
Es gab auch ein kleines Gasthaus, das jedoch heute offenbar geschlossen war. Es war nichts weiter als ein Anbau an einem normalen Bauernhaus, und daneben war ein kleiner Biergarten mit nur drei oder vier Tischen.
Ein Geschäft, in dem man nach dem Weg fragen konnte, gab es hier nicht.
Nirgendwo war ein Mensch zu sehen. Trotz des drohenden Regens scheinen sich alle Leute auf ihren Feldern und Wiesen zu befinden.
Der Fremde fuhr durchs Dorf und konnte auch nach einem Blick auf sein Navigationsgerät nicht entscheiden, welches jetzt der richtige Weg aus der Ortschaft hinaus war. Vielleicht hätte er besser beim Sägewerk halten und dort im Büro nachfragen sollen. Er probierte die Durchfahrt an einer Stelle, die ihm am wahrscheinlichsten erschien, und landete ganz knapp vor einem Hühnerstall. Also musste er wenden.
Zwei andere Möglichkeiten, aus dem Dorf hinauszufinden, versuchte er, bis er hinter dem Wirtshaus um ein Haar in einer Baugrube für einen geplanten weiteren Anbau gelandet wäre. Er schaffte gerade noch die Kurve, blieb aber mit einem unangenehmen Geräusch stehen. Er hatte das Gefühl, über einen dicken Stein gefahren zu sein. Als er sich umdrehte, sah er eins seiner Hinterräder in einem merkwürdigen Winkel über die ausgeschachtete Grube ragen.
Mit einem Fluch stieg er aus und besah sich den Schaden. Offensichtlich hatte er gerade noch Glück gehabt. Die Baugrube war ziemlich tief, und er wäre wahrscheinlich verletzt worden, wenn er mit dem Wagen hineingestützt wäre. Der Wagen aber war arg lädiert, zumindest sah es so aus, als sei bei seinem haarscharfen Wendemanöver die Hinterachse gebrochen.
Er unterdrückte einen weiteren Fluch, als er eine Bewegung hinter sich spürte. Er fuhr herum und sah einen alten Mann mit einer Pfeife im Mundwinkel, der in Pantoffeln auf ihn zugeschlurft kam.
„Was wollen Sie hier?“, fragte der Alte.
„Verzeihen Sie, dass ich eindringe“, erwiderte der Fremde. „Ich habe mich verfahren, und jetzt ist mir offenbar eine Panne passiert. Münzer ist mein Name. Jonas Münzer. Ich komme aus Berlin.“ Er streckte dem Alten die Hand hin.
Der schien sie gar nicht zu bemerken. „Nach Berlin geht’s hier net.“
„Wollte ich auch gar nicht“, erwiderte Jonas Münzer. „Ich komme aus Berlin. Ich wollte nach Maidland, und weil wegen eines Erdrutsches die Passstraße über den Brenner gesperrt ist, musste ich einen Umweg fahren. Dabei habe ich mich offenbar verirrt.“
„Ja“, sagte der alte Mann. „Das haben Sie. Die Straße ist hier zu Ende. Ihr Maidland müssen Sie woanders suchen.“
„Und nun weiß ich nicht, wie ich hier wieder wegkomme. Mein Auto ist kaputt.“ Ihm war weiterhin zum Fluchen zumute, aber er hütete sich, weil er nicht wusste, ob er den betagten Einheimischen damit beleidigte. „Gibt es hier vielleicht eine Autowerkstatt?“
„Kommen Sie!“ Der alte Mann paffte an seiner Pfeife und winkte Jonas Münzer vor das Haus. „Da.“ Er deutet quer durch das Dorf auf einen rostigen Traktor ohne Räder, auf dem der Schriftzug „Kraxler Landmaschinen“ prangte.
Das kann ja heiter werden, dachte Jonas Münzer. Na, immerhin gab es hier ein Gasthaus, in dem er hoffentlich ein Zimmer mieten konnte. Dass er heute noch von hier fortkäme, glaubte er nicht.
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