Leseprobe "Lassiter"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus dem Roman „Lassiter – Der härteste Mann seiner Zeit“ Band 2000
Lassiters Sohn
Der große Mann sank vor Dankbarkeit auf die Knie, als er den Waldrand erreichte und das weite Land im Sonnenschein erblickte, dort unten, am Fuß der Berge. Tennessee. Seine Heimat. Er konnte nicht widerstehen, kroch durch das hohe Gras auf die Bergwiese hinaus, obwohl er keineswegs schon in Sicherheit war. Er musste sein Zuhause einfach sehen.
Als er zum Rand der Klippe kam, stockte ihm der Atem. Die Gebäude der Plantage hatten sich nicht verändert. Doch blaue Uniformen zerstörten das Bild. Yankee-Soldaten in unüberschaubarer Zahl bevölkerten das Grundstück!
Plötzlich trommelte Hufschlag im Wald hinter ihm. Sattelleder knarrte. Waffenverschlüsse schnappten und klickten. Die Hufgeräusche endeten und eine schneidende Männerstimme ertönte: "Aus der Traum, Lassiter! Haben wir dich endlich, verdammter Mörder!"

Der große Mann schloss die Augen und verharrte regungslos. Er hatte keine Chance. Sein Sechsschüsser steckte unter der geschlossenen Lederklappe des Armee-Futterals an seiner Hüfte. Diese Waffe symbolisierte die ganze Misere, in der sein Land, die Konföderierten Staaten, und letztlich er selbst steckten. Während seiner Flucht war er nicht einmal in der Lage gewesen, einem gottverdammten Yankee den Dienstrevolver abzunehmen. Die Nordstaatler waren mit dem Besten vom Besten ausgerüstet. Aber gerade weil ihre Waffen so gut funktionierten, war es verteufelt schwer, eine davon in die Finger zu kriegen.
Was er dagegen sein eigen nannte, war der billige Nachbau eines Colt-Perkussionsrevolvers. Nur die wichtigsten Bestandteile wie Lauf, Verschluss und Trommel bestanden aus Stahl. Der Rahmen, der Abzugsbügel und der Kern des Griffstücks waren aus Messing gefertigt. Dieses minderwertige Metall war aus privaten Spenden zusammengeschmolzen worden, vom Türknauf bis zum Kerzenständer. Abgesehen von seiner geringeren Härte litt das Messing sehr viel stärker unter den Belastungen des Kriegseinsatzes als der Stahl der Yanks.
So kam es durchaus vor, dass so eine Südstaaten-Colt-Kopie ihrem Besitzer beim Abdrücken um die Ohren flog. Und wenn er sein Pulver nicht trockengehalten hatte, zündeten die Ladungen in den Trommelkammern gar nicht erst. Nein, mit einer derart lächerlichen Waffe brauchte man gar nicht erst zu versuchen, es mit einem Unionssoldaten aufzunehmen – noch dazu mit einer erdrückenden Übermacht von ihnen.
Sie würden ihn mit Kugeln durchlöchern, bevor er "Fahrt zur Hölle!" sagen konnte.
Tiefe Niedergeschlagenheit befiel den großen Mann. Es stimmte, was der Offizier gesagt hatte. Es war aus und vorbei. Wochenlang hatten sie ihn vergeblich gejagt, und nun waren sie doch schneller gewesen, als er gedacht hatte. Er war ihnen immer nur in letzter Minute entkommen; deshalb hatte er auch keine Möglichkeit gehabt, seine Unschuld zu beweisen.
Niemand glaubte ihm, was er allein wusste.
Denn er konnte es nicht beweisen.
Ein anderer hatte die Kriegsverbrechen begangen, für die sie ihn jetzt zur Rechenschaft ziehen würden. Der verfluchte Hund hatte blitzschnell und vor allem rechtzeitig den Ort des blutigen Geschehens verlassen, als Lassiter dort angekommen war und noch nicht einmal wusste, was geschehen war. Dann, als er vor den grausig zugerichteten Leichen einer ganzen Farmersfamilie gestanden hatte, war ein Trupp Yankee-Kavallerie aufgetaucht.
Auch Lassiter hatte noch fliehen können, aber sie hatten ihn bemerkt. Der Truppführer, ein Lieutenant namens Harrow, hatte ihn mithilfe seines Spektivs sogar identifizieren können. Denn Lassiter war erst wenige Tage zuvor aus einem Kriegsgefangenenlager ausgebrochen und hatte versucht, sich in dem vom Feind besetzten Land durchzuschlagen. Nun standen die Dinge für ihn schlechter als je zuvor.
Wie er im Laufe seiner Flucht erfahren hatte, waren die Frau und die drei Töchter des Farmers vergewaltigt und ermordet worden. Der Täter hatte erst den Farmer getötet und sich dann tagelang an den vier Frauen vergangen, ehe er sie auf bestialische Weise umbrachte. Ähnliche Taten hatte der Unbekannte, ein Deserteur der Konföderierten Armee, anschließend auf verschiedenen anderen einsam gelegenen Farmen begangen. So gesehen war der Mann ein Massenmörder und ein Kriegsverbrecher dazu.
Nachdem er am letzten Tatort angetroffen worden war, gab es für die Armeeführung der Yankees keinen Zweifel, dass der Rebellen-Sergeant Lassiter die Schandtat begangen hatte. Und auch alle weiteren wurden ihm in die Schuhe geschoben, obwohl er meist mehr als einen Tagesritt vom jeweiligen Schauplatz der Verbrechen entfernt gewesen war. Aber auch dafür hatte er keine Zeugen, denn auf seiner Flucht hatte er menschliche Ansiedlungen gemieden. Wasser hatte er aus Creeks geschöpft, Essbares in den Vorratskammern verlassener und geplünderter Farmen zusammengesucht.
Ein Steckbrief auf seinen Namen war unterdessen ausgestellt worden. Jeder, der ihn antraf, hatte das Recht, ihn auf der Stelle zu erschießen. Wollte der Betreffende die ausgesetzte Belohnung von fünftausend Dollar kassieren, genügte es, wenn er Lassiters Kopf als Beweis vorzeigte. Es herrschte Kriegsrecht, Ausnahmezustand. Mit einer Rehabilitation konnte der große Mann nicht rechnen, zumal es kein ordentliches Gericht mehr gab, das ihn anhören würde.
Die Südstaaten waren schon so gut wie verloren; es herrschte ein Zustand, der dem Weltuntergang gleichkam. Alle Menschen waren in großer Not; wer sollte sich da noch um die Belange eines mutmaßlichen Kriegsverbrechers kümmern, dem sowieso niemand mehr helfen konnte?
Ein barscher Befehl des Offiziers riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.
"Aufstehen! Umdrehen!"
Ja, es war Lieutenant Harrow. Lassiter erkannte die Stimme des Mannes, noch bevor er den Befehl befolgte. Er hatte den forschen jungen Offizier nur zu gut in Erinnerung. Harrow sprach mit näselndem Boston-Akzent, offenbar ein Nachfahr der früheren englischen Kolonialherren, die der Ostküste ihren unvergänglichen Stempel aufgeprägt hatten.
Harrow war einer der Adjutanten jenes Majors, dem das Gefangenenlager unterstand. Der Lieutenant galt als hart und grausam. Gefangene, die nur die geringsten Aufsässigkeiten zeigten, ließ er auspeitschen und in Ketten legen. Der Lagerkommandant hatte ihn und die anderen Offiziere autorisiert, Ausbrecher ohne viel Federlesens standrechtlich zu erschießen. Harrow hatte von diesem Recht am ausgiebigsten Gebrauch gemacht.
Zehn Soldaten standen unter seinem Kommando. Wie selbstverständlich waren sie bereits in Linie angetreten. Ihre Karabiner hielten sie im Schulteranschlag. Die Entfernung betrug kaum zwanzig Yard. Auf diese Entfernung war ein Fehlschuss schlecht möglich, zehn Fehlschüsse schon gar nicht.
Lassiter stand aufrecht und mit erhobenem Kopf. Die Haltung spiegelte seinen ungebrochenen Stolz. Er würde nicht um sein Leben flehen, und erst recht würde er nicht vor Angst zittern. Er hatte die furchtbarsten Schlachten des Bürgerkriegs überlebt, und nun musste er diesen unwürdigen Tod sterben – nur um Rufweite von seiner Familie und seinem vom Feind besetzten Haus entfernt.
Harrow zog ein Stück Papier aus der Brusttasche seiner Uniformjacke und faltete es auseinander. Schneidend sagte er:
"Dies ist der Befehl, der mich berechtigt, dich bei Ergreifung sofort und ohne jeden Umstand zu erschießen. Du hast das Recht, den Befehl anzusehen. Willst du von deinem Recht Gebrauch machen?"
Lassiter schwieg.
Harrow nickte, faltete das Papier zusammen und steckte es wieder ein. "Du hast das Recht, ein letztes Wort zu sagen", erklärte er gönnerhaft. "Wenn du von dem Recht Gebrauch machen willst, dann tu es jetzt."
Der große Mann verzog die Mundwinkel voller Verachtung und spie aus.
Harrow lief rot an.
"Feuer!", brüllte er. "Stirb, verfluchter Verbrecher!"
...



Top

 
Sie interessieren sich für unsere aktuellen Meldungen? Hier finden Sie die neuesten Informationen rund um unsere Verlagsprodukte.
mehr ...
 
Besuchen Sie die Foren zu unseren Themenwelten und tauschen Sie sich mit anderen Lesern und Gleichgesinnten aus.
mehr...
Content Management by InterRed