Leseprobe "Jack Slade"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus dem Roman Jack Slade Band 600
Tal des Blutes
„Was sollen wir mit ihm machen, Boss?“
Charles T. Brady betrachtete die Hüfte des Gefangenen, die durch die Kugel einer großkalibrigen Waffe verheerend aufgerissen war. Obwohl der Verletzte mit einer Hand ein Stück Stoff fest auf die Wunde presste, wollte das Blut gar nicht aufhören zu strömen.
„Er kann schreien, also kann er auch reden“, sagte Brady kalt. „Halte ihn solange am Leben, bis wir alles wissen, Linfast.“
„Wenn er weiter so schnell Blut verliert“, murmelte der Angesprochene, „dann stirbt uns der Kerl in weniger als fünf Minuten unter den Fingern weg.“
Brady zuckte mit den Schultern. „Dann müssen wir uns eben beeilen. Ihr wisst ja – Zeit ist Geld.“ Er lachte krächzend, schob sich den Hut tiefer in die Stirn und kramte in der Westentasche nach seinem Rauchzeug. „Los, macht weiter. Ich gönne mir inzwischen eine Zigarre. Ist aromatischer als dieser eklige Blutgeruch.“


Die Stadt lag friedlich im mittäglichen Sonnenlicht. Dood Faulkner schlenderte in den Mietstall, um nach seinem Braunen zu sehen, den er dort untergestellt hatte. Er hielt sich seit zwei Wochen in Hareford auf, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen. Allerdings suchte er zurzeit auch keine. Das vergangene halbe Jahr hatte er einen Viehtrieb mitgemacht, genug Geld verdient, um dieses jetzt ein paar Wochen lang auszugeben. Was danach kam, hatte er schon geplant und in Sack und Tüten. Er hatte einen Job bei der Telegrafenstation angenommen. Nichts Aufregendes, aber genau so etwas hatte er nach dem vielen Rindergestank und Männerschweiß gesucht. Eine ruhige Stelle mit geregelten Arbeitszeiten. Und abends ein Mädchen im Arm. So stellte Dood sich die nächsten Monate vor.
Er sollte sich irren.
„Na, mein Guter“, täschelte der große Mann, dessen dunkles Haar ungeordnet an seinem Schädel lag, den Hals seines Pferdes. Er kontrollierte die Hufe und war zufrieden. Der Stallbursche hatte prächtige Arbeit geleistet.
Dood war als Junge schmächtig gewesen. Die vielen Jahre harter Arbeit ließen sein früheres Aussehen vergessen. Er war kräftig, hatte einen wachen Kopf und Augen, in denen neben einer gesunden Härte ein Hauch von Melancholie lag, was bei den Damen gut ankam.
Verdammt gut sogar.
In den letzten zwei Wochen hatte er schon mehr Damenbekanntschaften gemacht als in den zwei Jahren zuvor. Gut, das lag sicher auch daran, dass er davor die meiste Zeit unter Rindviechern verbrachte. Dood genoss das Leben, und man merkte es ihm an.
An etwas Böses dachte er nicht. Er schob seinen Stetson in den Nacken, rückte ihn mit beiden Händen zurecht.
„Und genau dort lässt du deine Hände, wenn du nicht willst, dass ich dir in den Rücken schieße.“
Die Stimme hinter ihm drückte unmissverständlich aus, was Dood erwartete, wenn er sich entschloss, zur Waffe zu greifen.
„Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“, fragte Dood. Er behielt die Hände oben. Fieberhaft versuchte er, die Stimme einer Person zuzuordnen, denn sie kam ihm bekannt vor. War es der Ehemann einer seiner Damen in den letzten Tagen?
„Was ich will?“, gab der Andere zurück. Er spannte den Hahn seiner Waffe. „Nun, ich will eine ordentliche Begrüßung. Ganz so, wie es sich ein jüngerer Bruder verdient.“
Es brauchte einen langen Moment, bis Dood Faulkner begriff, was eben gesagt wurde. Dann aber war ihm klar, weshalb ihm diese Stimme so bekannt vorkam. Es war nur so verdammt lange her, dass er sie das letzte Mal gehört hatte.
Er drehte sich um und sah einem kräftigen Burschen ins Gesicht. Noch zögerte Dood, aber dann erkannte er das Grübchen am Kinn. Ja, es war eindeutig sein jüngerer Bruder Frankie.
„Verfluchter Hundesohn!“, rief Dood und umarmte den Bruder.
„Ich musste vorsichtig sein“, lachte Frankie. „Ich weiß ja nicht, wie du reagierst, wenn dich einer anspricht.“
„Da hast du verdammt recht. Ich habe schon Männer aus nichtigeren Gründen über den Haufen geknallt.“
Frankie erschrak. „Ernsthaft?“
„Quatsch, natürlich nicht.“
Die Brüder lachten herzlich, dann blickten sie sich lange Zeit etwas scheu und neugierig zugleich an. Fast zwanzig jahre war es her, dass sie sich gesehen hatten. Damals, als Dood die elterliche Ranch verlassen hatte, war es gewesen. Dood war nie mehr zurückgekehrt. Die Gründe waren Frankie bekannt. Er vermied es, seinen älteren Bruder darauf anzusprechen.
„Was treibst du in dieser Gegend?“, fragte Dood.
„Ich habe dich gesucht“, antwortete Frankie.
Das überraschte Dood. „Mich gesucht? Weshalb denn?“
„Lass uns einen trinken gehen, dann erzähle ich es dir.“
Sie verließen den Mietstall und gingen hinüber zum Saloon. Während des ganzen Weges knufften sie sich in die Seite wie kleine Kinder, die zuviel überschüssige Energie besaßen. Es war ein seltsames Bild, das diese zwei schon äußerlich ungleichen Brüder abgaben. Während Dood schlank und muskulös war, verteilten sich Frankies Muskeln hauptsächlich über den Bauchbereich. Aber in seinem Gesicht war der jugendhafte Schalk nach wie vor zu sehen, ganz so, als wäre er immer noch nicht erwachsen, dabei war er fünfunddreißig, und damit nur vier Jahre jünger als Dood.
Sie betraten den Saloon, setzten sich an einen freien Tisch und bestellten Bourbon.
Dood beobachtete seinen Bruder, wie er sich im Lokal umblickte, so als würde er sich nicht oft in solchen Etablissements herumtreiben.
Frankie öffnete die Flasche und schenkte sich sein Glas voll. Dann reichte er seinem Bruder die Flasche. Dood trank ebenfalls, allerdings nicht viel. Zum einen, weil er noch nichts gegessen hatte, zum anderen, weil er nicht wusste, wohin dieser überraschende Besuch seines Bruders noch hinführen sollte. Er musste unbedingt seine fünf Sinne beisammen beihalten. Frühere Eskapaden, in die er durch seinen Bruder hineingeraten war, waren ihm bittere Lehren genug.
„Was hast du die ganze Zeit über getrieben?“, fragte Frankie. „Wir, also Dad und ich, haben mal was von Viehzucht gehört. Stimmt das?“
„Viehzucht? Ich?“ Dood lachte auf. „Ich treibe Rinder für andere, das stimmt. Aber sonst? Nein, Frankie, ich habe mir keine eigene Ranch zugelegt, wenn du das wissen wolltest.“
Frankie drehte sich auf dem Stuhl sitzend herum und blickte ins Freie. „Der Winter dieses Jahr fängt früh an“, meinte er. „Wirst wohl keinen Job mehr kriegen in den nächsten Monaten, hm?“
Dood bemerkte den lauernden Unterton. Er zuckte mit den Schultern. „Mag sein.“
„Das ist gut“, sagte Frankie und sah seinem Bruder in die Augen. „Dad hat mir aufgetragen, dich zu finden.“
„Das hast du ja jetzt.“
„Dad hat gesagt, ich soll dich mit zurückbringen.“
„Vergiss es, Frankie. Als ich fort bin, habe ich gesagt, dass ich niemals mehr wiederkomme.“
„Stimmt, das hast du gesagt, Dood. Aber das ist jetzt achtzehn Jahre her.“
„Zwanzig.“
„Meinetwegen, dann sind es halt zwanzig Jahre. Aber Dad hat gesagt, ich soll dich zurückbringen.“
„Was Dad sagt, interessiert mich schon lange nicht mehr“, murrte Dood.
Das Gespräch glitt immer mehr in Bahnen ab, die ihm überhaupt nicht behagten. Erinnerungen rissen alte Wunden auf. Und das konnte Dood nun überhaupt nicht gebrauchen. Er hatte gedacht, er hätte dies alles längst hinter sich gelassen. Und jetzt tauchte wie aus dem Nichts sein jüngerer Bruder auf und schaffte es nach nicht einmal zehn Minuten, dass Dood sich unwohl fühlte. Unwohl und schuldig, weil er seinen Vater im Streit zurückgelassen hatte. Dass Dood nach wie vor der Überzeugung war, im Recht gewesen zu sein, änderte nichts an dem miesen Gefühl, seinen Vater im Stich gelassen zu haben. Die vielen Jahre hatten dafür gesorgt, dass Dood sich mit diesem dunklen Fleck in seinem Leben arrangiert hatte. Mit Frankies Auftauchen schien der dunkle Fleck größer und größer zu werden und Dood regelrecht zu verschlingen.
Dood atmete tief ein. Ihm war, als müsste er ersticken.
„Dad ist sechzig geworden letztes Frühjahr“, meinte Frankie.
„Ist er das?“, entgegnete Dood ungewollt lakonisch.
„Ja, und er hatte gehofft, dass du zu seinem Geburtstag auftauchst. Bist du aber nicht.“
„Nein, Frankie, bin ich nicht.“
„Kannst du nicht vergessen, Dood?“
Unbeherrscht sprang Dood auf. Der Stuhl kippte hinter ihm um. „Bis du hier aufgetaucht bist, hatte ich sehr gut vergessen, Frankie.“
„Beruhige dich, Dood. Setz dich wieder.“
Der groß gewachsene Mann bückte sich und stellte den Stuhl wieder auf seine vier Beine, schob ihn zurecht und ließ sich darauf nieder.
„Wir müssen zusammenhalten, Dood“, beugte sich Frankie über die Tischplatte. Seine Stimme hatte einen eindringlichen Tonfall angenommen. „Wir sind immer noch eine Familie.“
Ich habe das nie vergessen, dachte Frankie. Ganz im Gegensatz zu Dad.
„Weißt du eigentlich, dass Dad und ich aus Wyoming fort sind seit – seit damals?“
Dood schüttelte den Kopf. „Nein, das habe ich nicht gewusst. Woher auch?“
„Ja, sicher, woher auch“, raunte Frankie enttäuscht über das verhalten seines älteren Bruders. „Wir sind nach Colorado runter. Dad hat sich dort ein Stück Land gekauft. Im Leach-Valley.“
„Hab noch nie davon gehört.“
Frankie lachte heiser. „Das glaube ich dir sofort. Ein Grund mehr, mit mir zu reiten, damit du es kennen lernst.“
„Weshalb? Ist es das Paradies auf Erden?“, entgegnete Dood verbittert.
„Beinahe“, sagte Frankie. Und er meinte es tatsächlich so, wie sein Gesichtsausdruck verriet. „Aber eben nur beinahe. Und deshalb braucht Dad dich.“
„Dad hat noch nie jemanden gebraucht.“
„Diesmal schon, Dood. Diesmal ist es eine ernste Angelegenheit. Er wird nicht allein damit fertig. Oder wie sonst erklärst du dir, dass Dad von sich aus mich losschickt, um dich zu suchen?“
Dood überlegte. Das stimmte, was Frankie sagte. Dad war immer ein stolzer Mann gewesen. Viel zu stolz, um sich helfen zu lassen. Von niemandem. Wenn er von keinem anderen Hilfe annehmen brauchte, so stand er auch bei niemandem in der Schuld. So hatte Dad es immer gehalten. Und jetzt? Er wollte, dass Dood zu ihm kommt.
„Was für ein Grund ist es, Frankie?“
Der jüngere Bruder verzog den Mund. „Das soll Dad dir selbst sagen. Außerdem weiß ich nicht genau Bescheid über das, was er plant. Ich weiß nur, dass es im Tal mächtig Ärger gibt, wenn nicht was passiert. Und mächtig Ärger bedeutet in diesem Fall, dass es Tote geben wird.“
...



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