Leseprobe Der Bergdoktor           

Viele Schicksale kreuzen sich in der Praxis von Dr. Martin Burger, dem es mit seiner großen Lebenserfahrung immer wieder gelingt, Unheil abzuwehren, Feinde zu versöhnen oder Liebende zusammenzuführen – und nebenher auch noch Leiden zu lindern und Krankheiten zu heilen.
Die lebensvollen Geschichten von Liebe und Hass, Neid, Missgunst und Leidenschaft sind eingebettet in die Schilderungen herrlicher Gebirgslandschaften, die symbolisch für Heimat, Geborgenheit, traditionelle Werte und Überzeugungen sowie die Schönheit der Natur stehen.

Aber überzeugen Sie sich selbst mit der nachfolgenden Leseprobe, die wir dem Bergdoktor-Roman „Wenn du mich so zärtlich küsst“ entnommen haben:

Dieses verflixte Zipperlein!
Schlaflos wälzte sich die Bachhuber-Zenzi in ihren Kissen hin und her. Es würde einen Wetterumschwung geben. Sie spürte es in allen Knochen. Sie waren zuverlässiger als jedes Barometer. Vielleicht sollte sie lieber aufstehen und sich an die Flickarbeit machen? Aber dann würde der Doktor ihr wieder vorhalten, sie könne nicht abschalten und denke immer an die Arbeit. Und eigentlich hatte er Recht damit.
Seit über vierzig Jahren war Zenzi die treue Seele im Doktorhaus. Sie hatte dem alten, verwitweten Doktor den Haushalt geführt und die Mutterstelle bei seinem Sohn erfüllt. Sie hatte miterlebt, wie Martin Burger selbst eine Familie gegründet hatte und in die Fußstapfen seines Vaters getreten war: Mittlerweile war er ein beliebter, geachteter Arzt im Zillertal. Drei putzmuntere Kinder hatten das Glück der Arztfamilie komplett gemacht.
Ein Lächeln huschte über das faltige Gesicht der Wirtschafterin, als sie an die quirlige Tessa, den tierlieben Filli und Klein-Laura, das Nesthäkchen, dachte. Sie liebte die drei wie ihre eigenen Enkelkinder, und die Wirbelwinde hingen mit inniger Zuneigung an ihr.
Vor dem Fenster bellte irgendwo ein Hund den Mond an.
Seufzend setzte sich Zenzi auf und zog ihren grünen Morgenmantel über. Es half alles nichts. An Schlaf war sowieso nicht zu denken, solange ihre Knochen zwickten und zwackten. Vielleicht würden ihr eine halbe Stunde Nähen und ein Glas warme Honigmilch beim Einschlafen helfen.
Entschlossen verließ sie ihre Kammer.
Still war es im Haus. Alles schlief. Selbst Poldi, der Dackel, schlummerte in seinem Körbchen unter der Treppe.
Zenzi war gerade auf halbem Weg in die Küche, als das Unerwartete geschah: An der Haustür klingelte jemand Sturm!
Stirnrunzelnd ging sie öffnen. „Herrschaftszeiten, wer …“
Das Schimpfen erstarb auf ihren Lippen, als sie die beiden Männer vor der Tür entdeckte. Deutlich zeichnete sich im Licht der Straßenlaternen die blutige Spur an, die sie auf dem Weg hinterlassen hatten.
„Jessas, Maria und Josef, was ist denn passiert?!“
„Ich bin in einen vermaledeiten Rechen getreten, Kruzitürken aber auch!“, fluchte Karl Wiesner, während er sich schwer auf Toni Landgruber stützte und eintrat.
Der verletzte Bauer humpelte Zenzi nach, als sie ihn durch den Flur zum Praxisanbau führte. Dort nahm er mit Tonis Hilfe auf der Untersuchungsliege Platz. Sein rechter Fuß war mit einem Taschentuch umwickelt, das längst nicht mehr ausreichte, um die Blutung aufzuhalten. Im Nu hatte sich eine rote Pfütze auf dem Boden gesammelt.
„Ich werde den Doktor wecken“, versprach Zenzi und wieselte hinaus.
Doch Martin Burger kam ihr bereits im Flur entgegen. Das Klingeln war ihm nicht entgangen. Durch viele Notfalleinsätze trainiert, war er sofort hellwach gewesen und hatte sich im Nu angezogen. Mit seiner vom Bergsteigen gestählten Figur, den dunklen Haaren und dem markanten Gesicht war er ein äußerst attraktiver Mann. Ein Paar warme braune Augen dominierten sein Gesicht und verströmten etwas Vertrauenerweckendes.
„Was gibt es denn, Zenzi?“, fragte er nun.
„Der Wiesner-Bauer ist am Fuß verletzt und blutet wie ein angestochenes Ferkel. Toni Landgruber ist bei ihm. Ich möcht wissen, was die zwei mitten in der Nacht miteinander zu tun hatten. Seit der Toni um die Eva herumschwarwenzelt, herrscht zwischen den Männern nämlich böses Blut.“
„Jedenfalls hat Toni ihm geholfen herzukommen. Vielleicht haben sie sich versöhnt.“
Zenzi machte eine skeptische Miene, erwiderte aber nichts.
„Danke, dass du sie eingelassen hast, Zenzi, Ich werd mich sofort um den Wiesner-Bauern kümmern.“ Mit diesen Worten betrat Dr. Martin Burger sein Sprechzimmer.
Er ließ sich von Karl Wiesner erzählen, wie es zu der Verletzung gekommen war. Unterdessen säuberte er den Fuß, untersuchte ihn und bestrich ihn mit einer Heilsalbe, nachdem er die Wunden geschlossen hatte.
„Du hattest Glück, Karl, es ist kein Knochen verletzt. Eine Narbe wird es freilich geben, aber an der Fußsohle sieht sie niemand. Drei Tage darfst du den Fuß net belasten, dann schau ich ihn mir noch einmal an.“
„Drei Tage?“ Entsetzt sah der Bauer auf. „Aber wir stecken mitten in der Ernte. Da wird jede Hand gebraucht! Und jeder Fuß“, ergänzte er grimmig.
„Drei Tage sind das Mindeste“, erklärte der Bergdoktor. Er schaltete seinen Computer an und überprüfte etwas in der Krankenkartei des Bauern. „Deine Tetanusimpfung ist noch aktiv. Ich verschreib dir ein Antibiotikum. Zur Vorsorge. Ich möchte lieber net wissen, wie viel Schmutz an dem Rechen war.“
„Drei Tage“, wiederholte der Bauer finster.
„Wenn du Hilfe brauchst, komm ich bei euch vorbei“, bot Toni an. „Ich kann für dich einspringen.“
Daraufhin warf ihm Karl Wiesner einen mürrischen Blick zu. „Du? Dir hab ich das doch zu verdanken, Hallodri! Du hast wohl vor gar nix Angst, was?“
„Im Moment lauf ich schneller als du, Bauer.“
Karl Wiesner schnaubte. „Halt dich bloß von der Eva fern. Mehr brauchst du net für mich zu tun.“
„Mit wem Eva Umgang haben möchte und mit wem net, solltest du sie besser selbst entscheiden lassen.“
„Ich bin immer noch ihr Vater. Und wenn ich dich noch mal an ihrem Fenster erwische, Bursche, dann …“
„Keine Drohungen unter meinem Dach“, mahnte Dr. Burger freundlich, aber mit Nachdruck.
Die beiden Männer verstummten. Karl Wiesner begnügte sich damit, seinem Gegenüber finstere Blicke zuzuwerfen.
Toni erwiderte sie unbekümmert. „Soll ich dich noch nach Hause fahren, Bauer?“, fragte er.
„Wenn es sein muss“, brummte Karl Wiesner. „Ich trau dir trotzdem keinen Meter weit über de Weg.“
„Toni hat das Herz schon am rechten Fleck“, begütigte der Bergdoktor. „Und laufen darfst du mit dem verletzten Fuß ohnehin net.“
„Wo Toni sein Herz hat, macht mir auch keine Sorgen“, grollte der Bauer. „Nur dass darin so ziemlich alle Madeln aus dem Tal Platz haben …“
Obwohl er sich noch ein wenig sträubte, ließ sich der Bauer schließlich doch überreden, sich von Toni nach Hause fahren zu lassen.
Als die Männer gegangen waren, räumte Martin Burger seine Praxis auf. Dann trat er hinaus in den Garten und atmete tief die würzige Nachtluft ein. Still schaute er zum Himmel, an dem zahllose Sterne funkelten. Er überlegte gerade, ob er sich noch eine Weile mit einem Buch hinsetzen sollte, als hinter ihm Schritte laut wurden.
Seine Frau trat zu ihm auf die Terrasse. Sie trug nur ein leichtes Seidennachthemd. Barfuß tappte sie über die Terrassenplatten zu ihm, das blonde Harr vom Schlaf noch leicht zerzaust. Ihre blauen Augen blinzelten zu ihm auf. Sein Herz wurde weit. Himmel, wie sehr er sie doch liebte!
„Hat dich das Klingeln geweckt, Schatz?“
„Nein, aber ich kann net schlafen, wenn du net neben mir liegst“, gestand sie.
Das zog er sie in die Arme und genoss das warme Gefühl der Vertrautheit. „Womit hab ich dich nur verdient?“, raunte er. „Hab ich dir heute schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“
Sabine tat, als müsste sie überlegen.
Da zog er sie an sich. „Komm mit zurück ins Schlafzimmer, mein Schatz. Lass es mich dir zeigen“, flüsterte er.
„Das wäre wunderbar, aber leider geht's net.“ Bedauernd sah sie ihn an. „Das Madel vom Neuhauser-Hof hat gerade angerufen. Ihrem Vater geht es net gut.“
„Ich verstehe. Dann mach ich mich besser sofort auf den Weg. Aber aufgeschoben ist net aufgehoben. Wenn ich zurückkomme, mach wir genau an dieser Stelle weiter.“ Er küsste seine Frau zum Abschied. Dann eilte er ins Haus, um seine Tasche zu holen.



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