Leseprobe "G.F. Unger - Western Sonder-Edition"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus Band 1 "G.F. Unger - Western Sonder-Edition"
Verlorene Stadt
Als der Sheriff aus dem Office tritt, kann er das Unheil wittern. Es liegt in der Luft wie ein Gestank.
Hank Jennings – so heißt der alte Sheriff – ist erfahren genug. Sein Instinkt ist wie der eines alten, narbigen Wolfes, der die Nachteile seines Alters durch reiche Erfahrung ausgleicht.
Er setzt sich langsam in Bewegung und geht die einzige Straße von Rio Bend hinunter in Richtung Fluss. Diese Hauptstraße wird nur von einigen Gassen durchschnitten.
Es ist früher Morgen.
Die kleine Stadt an der Flussbiegung ist noch nicht richtig wach. Die alte Elvira Pickerton schüttet wieder den Inhalt ihres Nachtgeschirrs aus dem Eckfenster in die schmale Gasse aus. Der alte Sheriff sieht es aus den Augenwinkeln. Er hat die Alte schon mehrmals verwarnt, und heute wäre sie endlich mit einer Geldstrafe an der Reihe, doch er tut so, als hätte er nichts bemerkt, und geht leicht hinkend weiter. Er ist wegen seines linken Beins, das einmal ziemlich schlimm von einer Schrotladung zerschossen wurde, nicht mehr besonders gut zu Fuß. Nur im Sattel wirkt er zehn Jahre jünger.
Als er die Einfahrt zum Hof der Schmiede erreicht, hält er inne und blickt in die halboffene Werkstatt. Ja, dort ist Chet Cannon schon tätig. Aus dem Kamin der Schmiedeesse quillt der erste Rauch. Im Schein des Schmiedefeuers bewegt sich Chet Cannons hagere, zäh wirkende Gestalt. Er betätigt den Blasebalg, um die nötige Hitze in das Feuer zu bekommen.
Bald werden Hammerschläge aus der Schmiede in den Morgen klingen und die Stadt vollends zum Leben erwecken.
Der alte Sheriff denkt in diesen Sekunden, indes er verhält und in die Schmiede blickt, darüber nach, ob Chet Cannon, der sein ehrenamtlicher Deputy und Stellvertreter ist, zu ihm halten wird, wenn die Wilde Horde durch die Furt kommt.
Und wenn Chet Cannon zu ihm halten sollte, was würde dann sein?
Hätten sie eine Chance?
Und könnte er von Chet Cannon verlangen, an seiner Seite zu sterben?
Denn sie wären ja verdammt allein.
Die Stadt würde ihnen nicht beistehen. Das wurde gestern schon in der Bürgerschaftsversammlung geklärt, obwohl er den Leuten klarzumachen versuchte, dass River Bend verloren sei, wenn sie sich nicht hinter ihn stellen würden.
Hank Jennings entschließt sich plötzlich.
Er geht hinein in den Hof der Schmiede und nähert sich langsam dem Mann am Blasebalg. Chet Cannon sieht ihm entgegen und hält dann in seiner Bewegung inne. Der alte Sheriff tritt zu ihm. Einige Sekunden lang blicken sie sich an.
Und plötzlich weiß Hank Jennings, dass dieser Mann da zu ihm halten wird bis in die Hölle und zurück; er spürt es, obwohl sie schweigen und sich nur ansehen. Aber er spürt es.
Aber weil das so ist, fragt er sich, ob er das Opfer dieses Mannes annehmen darf. Denn sie würden verlieren.
Allein hätten sie keine Chance. Trotzdem würde Chet Cannon nicht kneifen.
Warum nicht?
Diese Frage stellt sich der alte Sheriff. Und er glaubt, ziemlich sicher die Antwort zu wissen. Eigentlich hat er es immer schon geahnt, dass dieser Schmied nicht immer Schmied war, sondern eine ganz andere Vergangenheit besitzt. Und wahrscheinlich ist seine junge und so reizvolle Frau der Grund, dass Chet Cannon hier in River Bend als Schmied ein neues Leben begann.
Und er ist ein guter Schmied.
Hank Jennings entschließt sich plötzlich.
"Ich werde aufgeben", sagt er heiser. "Denn wir beide haben keine Chance ohne die Hilfe der Bürgerschaft. Deine Frau würde zwar auch noch als Witwe schön sein, aber sie wäre eben nur noch eine schöne Witwe. Und ich würde zwar stolz sterben, aber tot sein. Mein Aufgeben wird keine Feigheit sein, und deshalb werde ich damit leben können. Gib mir also den Stern zurück."
Er streckt die Hand aus.
Chet Cannon blickt immer noch in die alten Falkenaugen.
Und wieder verstehen sie sich gut.
Schließlich greift Chet Cannon in seine Hemdtasche, holt dort den Blechstern eines Deputies heraus und legt ihn in die Hand des Sheriffs.
Dieser sagt: "Geh fort aus dieser Stadt, mein Junge, geh fort mit deiner reizvollen Frau. Denn diese Stadt ist nun verloren, so verloren wie ein Mann, der sich aufgibt."
Nach diesen Worten wendet er sich ab, geht aus dem Hof der Schmiede und setzt seinen Weg fort, der ihn zur River-Furt führt.
Als er die letzten Häuser hinter sich lässt, bekommt er freien Blick auf den Rio Grande, den die Mexikaner auf der anderen Seite nicht Rio Grande, sondern Rio Bravo nennen.
Hank Jennings blickt hinüber. Dort drüben ist Mexiko. Und hinter den grünen Hügeln lebt eine wilde Horde von Banditen. Einen davon hat der alte Sheriff in seinem Gefängnis, das nur aus zwei Gitterzellen besteht.
Und wenn er ihn bis heute Mittag nicht freilässt, dann wird die Wilde Horde über den Fluss kommen und die Stadt kleinmachen.
So lautet die Drohung.
In Hank Jennings Blick ist ein bitteres Bedauern.
Dies, hier sollte sein letzter Job sein. Hier wollte er eines Tages bleiben und von seinen recht kargen Ersparnissen leben. Zur nächsten Sheriffswahl wollte er sich nicht mehr stellen.
Doch jetzt wird er fortgehen.
Allein kann er die Stadt nicht mehr schützen. Ohne die Hilfe der Gemeinschaft ist dies nicht mehr möglich.
Diese Stadt ist verloren, denkt er bitter. Dabei hätten wir es schaffen können, wären sie hier nur mutig genug. Dann wäre Rio Bend binnen weniger Jahre aufgeblüht und gewachsen. Das Land hier besitzt grüne Hügel und fruchtbare Täler, viele Creeks und Wasserstellen, kleine und größere Seen.
Gewiss, es ist ein unübersichtliches Land mit tausend verborgenen Winkeln, in denen Geächtete und Gejagte leben, die auf geheimen Pfaden reiten.
Deshalb hätte von dieser Stadt Recht und Gesetz ausgehen müssen, so wie die Ringe auf einer Wasseroberfläche, wenn man einen Stein hineinwirft.
Aber nun...
Der alte Sheriff setzt sich am Ufer auf einen Stein und blickt hinüber. Aus der Westentasche holt er einen Zigarrenstummel, betrachtet ihn prüfend und entschließt sich, ihn anzuzünden, obwohl er fast glaubt, dass es sich nicht mehr lohnt, weil er zerblättern wird.
Auch ich bin eigentlich nur noch so ein alter Stummel, denkt er und pafft dann grimmig den blauen Rauch in die Luft.
...



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