Leseprobe Jerry Cotton Classic           

Erleben Sie faszinierende Fälle von Jerry Cotton aus Zeiten ohne Mobiltelefone und das Internet, dafür aber mit dem guten alten Jaguar E-Type.
Diese Leseprobe stammt aus dem Roman 'Jerry Cotton Classic', Band 19.

Dynamit für den Millionen-Coup

Die Dienstbesprechung des New Yorker FBI war teils von alltäglichen, teils von interessanten Dingen bestimmt wie jeden Morgen. Mr. High, der Distriktschef, saß vor dem Stapel von Aktenstücken, Zetteln und Briefen.
Mein Freund Phil und ich hockten ziemlich im Hintergrund und gaben uns alle Mühe, nicht zu gähnen. Wir waren gestern Abend ein wenig später als gewöhnlich ins Bett gekommen. Normalerweise hätte uns das nichts ausgemacht, aber die brütende Hitze, die wie eine Dunstglocke über der Stadt lag und den Asphalt in den Straßen weichkochte, förderte ohnehin die Müdigkeit, und wer da nicht ausgeschlafen hatte, dem fielen alle paar Sekunden die Augen zu.
Der Chef klappte einen Aktendeckel auf und warf einen kurzen Blick auf das oberste Blatt.
"Ach so", murmelte er, "Ja ... Ist der Transport gesichert?"
"Unsere Leute sind schon unterwegs", nickte der Einsatzleiter. "Wie üblich, zwei Mann in einem Wagen voraus, zwei in einem anderen Wagen hinterher. Bewaffnung wie immer, Maschinen- und übliche Dienstpistolen, Gewehre mit Zielfernrohr und Tränengas-Handgranaten. Im Notall können unsere vier Männer bei der Bewaffnung eine halbe Kompanie ein paar Minuten lang aufhalten, bis über Sprechfunk die nötigen Verstärkungen eingetroffen sind."
Ich neigte den Kopf auf die Seite und raunte Phil zu:
"Um welchen Transport handelt es sich eigentlich?"
Mein Freund erwiderte leise:
"Um den Lohntransport zu den EGE."
"Ach so ...", brummte ich uninteressiert. "Dass dieser alte Hut jeden Freitag bei der Dienstbesprechung immer wieder aufgesetzt wird, verstehe ich nicht. Das kann doch automatisch laufen."
Phil sagte nichts dazu. Die EGE waren ein Riesenbetrieb, der weit außerhalb der Stadt in den letzten Jahren buchstäblich aus dem Boden gestampft worden war. Es hieß allgemein, dass er für die Regierung oder fürs Pentagon arbeitete. Jedenfalls ließ der Firmenname 'ELECTRONIC AND GENERAL EQUIPMENTS' allerlei Vermutungen zu. Es sollten über zwölftausend Leute dort beschäftigt sein, und jeden Freitag rollte von der Federal Reserve Bank zwischen Maiden Lane und Liberty Street ein Transportwagen mit den Lohngeldern ab zu dieser Firma, dessen Schutz das FBI hatte übernehmen müssen, weil es Regierungsgelder waren, die ausgezahlt wurden.
Unterdessen hatte die Besprechung ihren Fortgang genommen. Jimmy Reads und Walter Stein waren aufgestanden und hörten aufmerksam zu, was der Chef ihnen erklärte.
"... wissen nicht genau, ob die Vermutung der Kollegen in Frisco stimmt. Auf alle Fälle müsst ihr vorsichtig sein. In der Bande soll 'Gun-Boy Jack' mitarbeiten, und dass sich dieser Bursche nichts daraus macht, auf jeden zu schießen, von dem er Gefahr wittert, wisst ihr ja. Beobachtet ihn."
"Die haben es gut", seufzte ich. "Die können sich jetzt in der Stadt umtun und 'Gun-Boy Jack' suchen. Viele Leute sind schon nicht mehr übrig. Ich sehe es kommen, dass wir heute dazu verurteilt werden, Papierkrieg zu führen."
"Sei doch froh", zischte Phil leise. "In der Hitze draußen herumrennen müssen, ist bestimmt keine Erholung. So können wir wenigstens die Vorzüge einer Klimaanlage genießen."
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und erwiderte ebenso leise:
"Erstens spüre ich nicht viel davon, dass dieses Haus überhaupt einen Klimaanlage hat, und zweitens würde ich es trotzdem vorziehen, einen Außenauftrag zu kriegen."
"Ich weiß nicht", nickte Phil, "du hast wieder mal einen energischen Tag und möchtest alle Gangster der Welt an einem Tage eigenhändig einsperren. Manchmal ist es recht anstrengend, dein Freund zu sein."
"Faulpelz", brummte ich.
Die Besprechung ging weiter. Kollegen wurden jeweils in Gruppen von zwei bis vier Mann mit diesen oder jenen Aufträgen betraut, hörten sich genau an, was sie zu tun hatten, und verschwanden danach. Die Stuhlreihen lichteten sich immer mehr. Meine Befürchtung, dass wir Papierkrieg führen und Akten von einem Zimmer ins andere würden schleppen müssen, steigerte sich. Aber dann ging auf einmal die Tür auf, und eine Kollege aus der Telefon- und Fernschreibzentrale kam hastig hereingestürzt. Er legte dem Chef einen Zettel hin.
Mr. High warf nur einen kurzen Blick darauf.
"Der Mörder des Howard-Kindes ist in der Wall Street gesehen worden. Er betrat das am East River gelegene Building Wall Street 120. Jerry und Phil! Beeilt euch!"
Wir erhoben uns. Im Saal hatte sich eine tiefe Stille ausgebreitet, als wir durch den Mittelgang zur Tür stürmten. Mit einer unwillkürlichen Bewegung klatschte meine rechte Hand gegen die linke Achselhöhle, um festzustellen, ob die Dienstpistole in dem Schulterhalfter saß.



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