Jerry Cotton im Licht der Wissenschaft - Teil I           

Das Wichtigste steht am Anfang: Jerry Cotton ist eine Romanheftreihe der Unterhaltungsliteratur. Diese Feststellung ist so schlicht wie nachdenkenswert, so oberflächlich wie tiefgründig.
von Professor Dr. Klaus Göbel, Medienwissenschaftler
Prof. Göbel
Unterhaltung ist hier erfüllte Freizeit durch Lesen. Lesen ist die Realisierung der erzählten Welt in der Imagination des Lesers durch Aktivierung der inneren Vorstellungskraft. Aus den Zeichen der Schrift werden Bilder, Bilderwelten, gewonnen als Leistung des lesenden Subjektes. Das Unterhaltende dabei wird hier insbesondere gewonnen durch Spannung (Spannungsaufbau, extreme Konfliktzuspitzung und -lösung). Das ist eine uralte Erzähldramaturgie. Sie gilt für alle Erzählungen über ein außergewöhnliches Ereignis. Erzählen (Schreiben) und Zuhören (Lesen) werden dadurch unterhaltsam, dass der Erzähler das zu erzählende Geschehnis fast immer in den oben genannten dramaturgischen Dreischritt gliedert und anbietet, egal was die konkreten Inhalte des Ereignisses sind. Das Ergebnis ist eine Geschichte. Das heißt die Bearbeitung eines Geschehens (in der Realität oder Fiktion) nach erzählstrategischen Gesichtspunkten: Aus einem Ereignis wird Literatur. Literatur macht neugierig auf menschliches Handeln durch erzählerischen Aufbau von Spannung. Geschehen also wird durch Sprache spannend und somit auch unterhaltsam.

Das Spiel mit der Spannung setzt auf Aufbau von Spannung bis kurz vor die Grenze der Unerträglichkeit (damit die Unterhaltsamkeit nicht durch Ärgernis zerstört wird), um dann in einer gerade noch guten Lösung die Affektstimmung zu erlösen in dem Gedanken: Es ist gerade noch einmal gut gegangen. Es ist der glücklich machende Gedanke mit folgendem Erkenntnischarakter: Auch eine schier unmöglich zu lösende Konfliktsituation kann bei extremem Willensaufwand (oder durch eine gute Fügung, auf die Menschen hoffen dürfen) zum Guten gewendet werden. Unterhaltung als Leistung der Sprache ist also eine grundmenschliche Therapie zum Erhalt von Hoffnung und zur Erzeugung von Mut. Ohne beides ist menschliches Leben nicht kreativ und zukunftsfroh gestaltbar. Unterhaltung ist eine Unterhaltsleistung an das Leben oder: Unterhaltung ist eine anthropologische Grundstrategie zum Ertragen des Lebens und zum Überleben.

Zur Erkenntnis von der Schwere des Lebens und deren heilende Konsequenz
(c) Johannes Grützke: Jerry Cotton 2004 (Ausschnitt)
Die unterhaltende Erzählung, der Unterhaltungsroman fördern letztlich, über alle ihre innewohnenden Elemente hinaus, Kraft zum Leben. Sie sind vollkommen unverzichtbar in einer Sprach- und Lesekultur. Die Jerry-Cotton-Spannungsdramaturgie unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von anderen Spannungserzählungen. Die Grundfrage: „Wird es wohl trotz aller Ausweglosigkeit ein gutes Ende geben, und wie sieht dieses aus?“ ist durch den Reihencharakter relativiert bzw. hinfällig. Denn natürlich werden Phil und Jerry letztlich unbeschadet ihren Fall lösen. Schon eine Woche später stehen sie vor neuen Aufgaben.

Die Frage lautet nicht „ob“, sondern „wie“ (mit welchen Fähigkeiten, welchen Mitteln, welchem Einsatz an Kraft, Mut und Menschlichkeit und des eigenen Lebens) die Geschichte zum Guten endet. Hier liegt die Stärke der professionellen Cotton-Autoren und die Unfähigkeit der Möchtegern-Schreiber. Oder neutraler: Hier liegt das Problem des Autoren-Nachwuchses, das so alt ist wie die Reihe selbst. Die Grundfrage des „wie“ wird noch verstärkt, kompliziert und zugleich publikumsnäher durch zwei Grundmotive der Romanheft-Reihe:

1. Die Wie-Lösung wird erreicht durch Partnerschaft (Kollegialität und Freundschaft, Jerry Cotton - Phil Decker), im eingeschworenen Miteinander der Taten und Gefühle.

2. Die Wie-Lösung ist eingebunden in die Rechtsordnung der Vereinigten Staaten von Amerika, das heißt, fixiert in den Prinzipien einer Demokratie und der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen. Die Lösung also ist gebunden an Recht und Gesetz und fördert als geglückte Lösung Rechtsvertrauen. Dieses als bonboniges „Happy End“ abzutun, zeigt nichts als Unvermögen, deutet auf mangelnde Rezeptionskompetenz.

Zusammengefasst: Die den Jerry-Cotton-Romanen eigene „Wie-Lösung“ ist menschlichen, gesellschaftlichen Grundwerten (im persönlichen, sozialen und politischen Handeln) der freien Welt verpflichtet, und zwar - siehe oben - in unterhaltsamer, gleichwohl aber zutiefst ethischer Weise. Verfassung, Rechtssystem und -praxis der USA stehen dabei symbolhaft für alle freiheitlichen Staaten der Erde, so dass sich auch die deutschen Leser mit ihrer Verfassung, dem Grundgesetz, allen darauf aufbauenden Gesetzen und der über allem stehenden Verantwortungsethik damit identifizieren können.


Jerry Cotton im Licht der Wissenschaft - Teil II


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