Leseprobe "Am Deich"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus dem 1. Band und erfahren Sie, wie ein geheimnisvoller Brief Kerstin zu ihrer großen Liebe führte ...
Zwischen den Dünen fand sie ihr Glück - ein geheimnisvoller Brief führte Kerstin zu ihrer großen Liebe
Das Gästezimmer war in den Farben des Meeres eingerichtet: Der Teppich und die Kissen waren blau wie die Nordsee an einem sonnigen Tag, die Möbel und das Bettzeug weiß wie die Gischt.
Vor dem Fenster flogen Möwen im Wind, ließen sich nach unten fallen und stiegen im nächsten Augenblick mit schrillen Rufen wieder empor. Weit reichte der Blick über das Wasser. Am Horizont waren Schlepper und Fischerkähne zu erkennen.
Bezaubert lehnte sich Kerstin auf das Fensterbrett. Die Luft roch nach Tang und See und vertrieb die Schwere aus ihren Gliedern.
Ja, es war schön auf Sylt, trotzdem hätte sich die junge Antiquitätenhändlerin am liebsten irgendwo verkrochen. In ihren Augen brannten ungeweinte Tränen. Ihr Herz lag wie ein Eisklumpen in ihrer Brust, und die Enttäuschung über den Vertrauensbruch ihres Freundes schnürte ihr die Kehle zu.
Sie vermisste Merten, und gleichzeitig wünschte sie sich, sie wäre ihm nie begegnet. Sie hatten so viele Hoffnungen und Träume gehabt, und nun lag das alles in Scherben. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Während Kerstin nun ihre Sachen in der weiß lackierten Kommode verstaute, klingelte auf einmal ihr Mobiltelefon. Sie warf einen Blick auf die Anzeige und erstarrte, als sie die Nummer erkannte. Merten!
Sie warf das Handy so hastig zurück in ihre Handtasche, als hätte es in ihrer Hand zu glühen begonnen. Wenig später brach das Klingeln ab. Sie wollte nichts mehr von Merten sehen oder hören. Nicht noch mehr Lügen, Täuschungen und Schmeicheleien!
Hastig drängte sie den Schmerz zurück und schlüpfte in ihre Sandalen. Anschließend setzte sie einen gelben Strohhut und eine Sonnenbrille auf und war fertig. Sie wollte raus hier.

*

Die Südspitze von Sylt war ein Naturschutzgebiet, das sich in einer Wanderung von knapp zwei Stunden umrunden ließ. Im Winter säugten Kegelrobben hier ihre Jungen, und im Sommer brüteten an dieser Stelle zahllose Seevögel.
Kerstin hatte Glück, es herrschte Niedrigwasser, deshalb ließ es sich auf dem harten Sand leichter gehen. Sie ließ die Häuser hinter sich und war bald von Stille und dem Rauschen der Brandung umgeben. Der Wind spielte mit ihren Haaren, die sich unter dem Hut hervorgestohlen hatten.
Wie schön es wäre, jetzt mit Merten hier spazieren zu gehen, dachte sie verträumt und schalt sich sofort für diesen Gedanken. Merten gehörte einer anderen Frau. Sie beide würden nie wieder zusammen Urlaub machen.
Traurig ließ Kerstin sich in den warmen Sand fallen und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Gedanken wirbelten durch ihren Kopf wie ein Schwarm Möwen. Sie vermisste ihn so sehr, dass es ihr fast das Herz zerriss. Merten war doch ihr Freund gewesen! Ihr Vertrauter! Und nun war er fort.
Heiße Tränen rollten über ihre Wangen. Mehr als alles andere sehnte sie sich jetzt nach einem Menschen, mit dem sie reden konnte. Und wenn sie alles aufschrieb? Kerstin hatte immer ein Notizbuch bei sich.
Kurz entschlossen griff sie zum Stift und schrieb sich ihren Kummer vom Herzen. Sie schrieb alles auf: wie traurig sie war und wie wütend auf Merten. Wie verlassen sie sich fühlte und wie sehr sie mit dem Schicksal haderte, weil ihr Glück nicht von Dauer gewesen war.
Tränen tropften auf das Papier und verwischten die Schrift, aber das war egal. Niemand würde die Zeilen je zu Gesicht bekommen, also machte es auch nichts, wenn sie unleserlich waren.
Je länger sie schrieb, desto einfacher wurde es. Die Worte flossen aus ihr heraus, und nach einer Weile war ihr tatsächlich ein wenig leichter ums Herz.
Kerstin ließ den Stift sinken und sah auf. Dabei fiel ihr Blick auf einen verwilderten Briefkasten, der zwischen dem Ginster aufragte. Wieso hatte sie den bislang noch nicht bemerkt?
Ganz schief war er, halb überwachsen von den stacheligen Ginsterbüschen. Er schien schon seit einer Ewigkeit von niemandem mehr benutzt worden zu sein. Die Klappe stand einladend offen. Es war beinah, als würde er nur darauf warten, wieder gebraucht zu werden.
Aus einem Impuls heraus stand sie auf und legte ihren Zettel hinein. Vielleicht konnte sie auf diese Weise einen Teil der Erinnerungen an Merten hinter sich lassen? Ein Versuch würde bestimmt nicht schaden.
Als Kerstin weiterlief, fühlte sie sich ein wenig besser.
Nach einigen Minuten tauchte ein windschiefes, von Sonne und Regen gebleichtes Reetdach vor ihr auf. Es gehörte zu einem Gehöft, das inmitten des Dünenwaldes stand.
Das Haus schien unbewohnt zu sein. Die Fensterläden waren geschlossen, der Gartenzaun halb eingestürzt, und das Unkraut wucherte hüfthoch. Nur einen Steinwurf von dem Anwesen entfernt brandete das Meer ans Ufer.
Wie idyllisch, ging es Kerstin durch den Kopf. Wem das Gehöft wohl gehört? Und warum lässt er es so verfallen? Es braucht nur etwas Liebe und frische Farbe, dann könnte es ein wunderbares Zuhause sein. Warum wohnt hier bloß niemand?

*

Thorsten beugte sich über den Plan der Insel und folgte mit dem Zeigefinger dem Verlauf der Hauptstraße hinunter zum Leuchtturm und zu der Dünenstraße, die zum Haus seines verstorbenen Großonkels führte.
Vom Hotel Deichhof aus würde er mit dem Fahrrad gut zehn Minuten dorthin brauchen. Das Gehöft lag mitten im Dünenwald. In der Nähe war kein anderes Haus eingezeichnet.
Ich sollte hinfahren und mir das Haus anschauen, dachte er und runzelte die Stirn, dann habe ich das schon mal hinter mir. Danach kann ich einen Makler suchen und den Verkauf ankurbeln. Hoffentlich bringt es wenigstens genug Geld ein, um den Makler und die Erbschaftssteuern davon bezahlen zu können.
Entschlossen packte Thorsten die Karte ein und trat kräftig in die Pedale. Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont zu. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb dichte Wolken von Westen heran. Wahrscheinlich würde es in dieser Nacht Regen geben.
Er radelte nach Süden, an einer Jugendherberge und dem Leuchtturm vorbei, der in regelmäßigen Abständen blinkte. Wenig später tauchte das Haus seines Großonkels zwischen den Bäumen auf. Es war noch viel heruntergewirtschafteter, als er es sich vorgestellt hatte. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln, vom Zaun standen nur noch einzelne Latten, und das Dach schien beim nächsten Windhauch einstürzen zu können.
„Ach du Schande!“
Thorsten stieg vom Fahrrad und lehnte es an den Stamm einer sturmzerzausten Kiefer. Der weiche Sandboden gab unter seinen Füßen nach, als er auf das Haus zulief und dabei immer wieder etwas Neues entdeckte, das renoviert werden musste: Der Putz bröckelte von den Wänden, im Garten wucherte das Unkraut.
Doch dann sah er sich um, und sein Herz weitete sich. Es herrschte Ebbe, und so reichte der Strand bis zum Horizont. Muscheln, Seesterne und Schlick bedeckten den Boden. Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, um zu erkennen, wie schön es hier sein musste, wenn das Meer gegen die Küste rauschte …
So übel ist es hier gar nicht, stellte er fest.
Thorsten lief einmal um das Haus herum und gelangte schließlich an einen Briefkasten, der zwischen wucherndem Ginster stand und vermutlich zum Haus seines Großonkels gehörte. In verwitterten Lettern stand Wiedemann auf der metallblauen Klappe. Zu seiner Verwunderung lag ein weißer Zettel darin.
Vermutlich nur eine Werbesendung, ging es ihm durch den Kopf. Dennoch nahm er das Blatt heraus, faltete es auf und war überrascht zu sehen, dass es von Hand beschrieben war. Die weiche Schrift deutete auf eine weibliche Verfasserin hin. Einige Buchstaben waren verwischt, vom Regen vielleicht?
Zögernd begann er zu lesen.

Liebes Schicksal,
so hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Jetzt sitze ich hier im Sand und weiß nicht mehr, wohin ich gehöre. Mein Schatz hat mich verraten, und nun weiß ich nicht, wie ich noch einmal einem Menschen vertrauen soll. Warum musstest Du das geschehen lassen? Warum konnten er und ich nicht einfach weiter glücklich sein?
So viele Fragen geistern durch meinen Kopf. Fragen, auf die ich keine Antwort finde. Es kommt mir vor, als wäre alles Licht aus meinem Leben verschwunden. Es ist, als würde ich durch die Dunkelheit tappen, ahnungslos, ob sich vor meinen Füßen ein Weg oder ein Abgrund befindet …

Thorsten ließ den Zettel sinken.
Eine Woge von Verzweiflung schwappte ihm aus diesen Zeilen entgegen. Er hatte keine Ahnung, wer sie geschrieben hatte, aber sie rührten ihn. Wer hatte die Fremde so tief verletzt? Ihr Freund? Wenn es so war, dann war er keine Träne wert, die sie ihm nachweinte. Jemand sollte ihr das sagen.
Ohne darüber nachzudenken, holte Thorsten einen Kugelschreiber aus seiner Tasche und begann zu schreiben …



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