Autorenportrait Hedwig Courths-Mahler           

Hedwig Courths-Mahler wurde als sogenanntes „Kind der Schande“ am 18. Februar 1867 von einer Frau mit zwielichtigem Ruf in dem kleinen Ort Nebra a. d. Unstruth geboren. Ihr Schicksal stand unter einem denkbar ungünstigen Stern. Liebe wurde dem Kind nur in einer der Pflegestellen, in die ihre Mutter sie gab, nämlich von dem Flickschuster Birkner entgegengebracht (dessen Name ihre Tochter Friede später als Pseudonym für ihre Romane übernahm).

Die Schule besuchte sie insgesamt nicht länger als drei Jahre und das in großen Abständen. Mit 14 wurde sie zur Mutter zurückgeschickt, die inzwischen in Leipzig ansässig war und ihre Tochter als Dienstmädchen bei einer Familie Rumschöttel verdingte. Sie musste hart arbeiten und sich darüber hinaus um die alte gelähmte Mutter des Hausherrn kümmern. Doch diese hat sich offenbar ihrer angenommen, denn damals begann sie zu lesen. Die „Gartenlaube“ fiel ihr in die Hände, die von der Familie abonniert war. Die las sie in ihrem kleinen Verschlag am Ende des Korridors bei Kerzenschein. Vor allem die Romane der Marlitt.

Als die alte Rumschöttel starb, wurde Hedwig entlassen und wurde Lehrmädchen in einem Hutgeschäft. Aber diese Stelle war nur von kurzer Dauer. Sie kündigte, weil der Inhaber zudringlich wurde. Schließlich fand sie eine neue Stelle als Verkäuferin in einem Geschäft, in dem feine Damen ein- und ausgingen, Seide und Bänder kauften und hin und wieder mit schneidigen Leutnants davon flanierten. Hedwig ist fasziniert und beginnt mit 17 Jahren zum ersten Mal zu schreiben. Kurzgeschichten mit meist tieftraurigem Ausgang. Diese schickte sie einer Zeitung ein – und sie wurde gedruckt! Doch kaum war sie veröffentlicht, ging die Zeitung bankrott, und Hedwig Courths-Mahler bekam aus der Konkursmasse ganze 42 Pfennige Honorar. Sie ließ sich nicht entmutigen und reichte ihre Novelle „Die Verlassene“ bei einer Zeitung ein. Und wieder geschah etwas Unvorhergesehenes, aber diesmal zu ihrem Vorteil. Der Redakteur, der das Manuskript erhielt, musste wegen Majestätsbeleidigung für ein paar Wochen ins Gefängnis. Da er sich in seiner Zelle nicht langweilen wollte, nahm er sich ein Stapel Manuskripte mit und las die Novelle, die er sonst ungelesen zurückgeschickt hätte. Sie wurde tatsächlich angenommen. Honorar: ganze 10 Mark, was damals viel Geld war.

Hedwig lernte Fritz Courths, einen Dekorationsmaler kennen und lieben. Doch sein Gehalt reichte für eine Heirat nicht aus. Als er eine bessere Stelle bekam, wurde geheiratet, und Hedwig verdiente durch Heimarbeit noch etwas dazu. Genau 9 Monate nach der Hochzeit kam die kleine Tochter Margarethe auf die Welt und zwei Jahre später Frederike (Friede Birkner). Es war ein karges Leben, mit jedem Pfennig musste gerechnet werden.

Fritz Courths war ein liebenswürdiger Mann, aber ohne Initiative. Er sinkt schließlich zum Hilfsarbeiter und Tapetenkleber ab. Doch seine Frau gibt nicht auf. Sie studiert Annoncen in den Zeitungen und wird fündig. Eine Firma in Chemnitz sucht einen Dekorateur. Erst nach langem Zureden bewirbt sich Courths und erhält eine Zusage. Gehalt 6.000 Mark im Jahr!

Endlich geht es bergauf. Die Familie kann sich eine schöne Wohnung leisten, mit Esszimmer und sogar Salon. Hedwig kann es sich erlauben ins Theater und in die Oper zu gehen, aber sich vor allem jede Menge Romane in den Leihbüchereien auszuleihen. Die Lektüre regt sie wieder zum Schreiben an.

Eines Tages ist der Redakteur des Chemnitzer Tageblatts bei einem Essen ihr Tischherr. Ein Spötter, der sie mit der Frage überfällt: „Schöne Frau, wissen Sie, dass Sie Dichteraugen haben?“ „Ich schreibe ja auch!“ erwidert Hedwig verschämt. „Potzwetter, das muss ich lesen!“ Widerstrebend gibt sie ihm „Licht und Schatten“ und schon am nächsten Tag ruft er sie an. „Sie haben mir eine schlaflose Nacht bereitet. So was von Fehlern ist mir noch nie zu Gesicht gekommen. Aber Spannung und Herz. Wir werden den Roman bringen.“ Er wollte einen klangvolleren Namen als Courths, und sie nannte ihm ihren Mädchennamen. Damit war die Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler geboren.

1904 siedelte die Firma, bei der Fritz Courths angestellt ist, nach Berlin über und die Familie bezieht eine Wohnung in Köpenick. Wegen schlechten Geschäftsgangs wird Courths Gehalt gekürzt und schließlich wird er entlassen. Hedwig wiederum gerät an den Agenten Richard Taendler, der sie schamlos ausnutzt. Er schließt mit ihr einen Vertrag über drei Romane pro Jahr von 200 Mark für sämtliche Rechte. Aber sie schreibt viel mehr. Als Taendler bei einem Unfall ums Leben kommt, ergreift sie ihre Chance, den Vertrag zu kündigen. Frau Taendler willigt unter der Bedingung ein, dass sie ihr das Zehnfache von dem bezahlt, war sie ihr als Honorar gezahlt hatte. Courths-Mahler erklärt sich dazu bereit und schreibt und schreibt. Geld kommt ins Haus. Die Familie zieht in eine schöne Neubauwohnung in Karlshorst und später in eine große Wohnung in der Knesebeckstraße, die prächtig eingerichtet wird.

Längst hat Hedwig Courths-Mahler Deutschland erobert und wird vor dem 1. Weltkrieg bereits in 8 später in 14 Sprachen übersetzt. Sie hat viele tausend Goldmark verdient. Doch als die Inflation 1923 zu Ende geht, besitzt die Familie Courths wie alle nichts mehr. Selbst der Schmuck war verkauft worden. 1924 geht es der Familie noch ziemlich schlecht, aber dann geht es wieder bergauf, denn Hedwig schreibt unermüdlich weiter. Eine ganze Reihe ihrer Romane werden verfilmt und in Bühnenstücke umgeschrieben. Berühmte Zeitgenossen wie Adele Sandrock, Emil Jannings, Curth Goetz, Fritzi Massery, Käthe Haak waren oft zu Gast bei den Courths-Mahlers.

Einen Großteil ihres Geldes deponierte Hedwig Courths-Mahler in der Schweiz und Dänemark. Unter Hitler kommt das Gesetz heraus, dass jeder mit Zuchthaus bestraft wird, der sein Geld nicht nach Deutschland zurückholt. Hedwig Courths-Mahler tut das.

1933 beschließt die Familie, aus Berlin wegzuziehen. Hedwig Courths-Mahler erwirbt am Tegernsee von einem Frankfurter Juden, der Deutschland verlassen will, ein großes Haus. Die ganze Familie zieht dort ein, Margarethe gibt dem Haus den Namen Mutterhof. Und wieder beginnt eine schwere Zeit. Ihre Romane sind bei den Nazis verpönt, der Absatz geht stark zurück. Ihr Verlag kündigt die Verträge. Verbittert gibt sie das Schreiben auf. Ihr jüdischer Schwiegersohn, Anton Bock stirbt nach einem Selbstmordversuch in einem Arbeitslager von der Organisation Todt, 1936 stirbt Fritz Courths nach 37-jähriger Ehe an Krebs, zwei Jahre später nimmt sich ihr zweiter Schwiegersohn, Karl Elzer, wegen seiner schweren Krebserkrankung das Leben.

1941 wird ihre Tochter Friede Birkner verhaftet wegen „fortgesetzten Vergehens gegen das Heimtückegesetz“. In den „Mutterhof“ werden Nazifamilien eingewiesen. Hedwig Courths-Mahler bleibt nur ihr Schlafzimmer und ein kleines Badezimmer. Nach Kriegsende wird der Mutterhof von einem amerikanischen Oberst, dessen Eltern Deutsche waren, als „Off Limits“ erklärt, als Dank dafür, dass er durch die Romane Deutsch gelernt habe. Endlich erscheinen auch ihre Romane wieder. In der DDR werden sie jedoch verboten.

Am 26. November 1950 schläft Hedwig Courths-Mahler friedlich ein.



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