Leseprobe "Romantische Bibliothek"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Romanreihe „Romantische Bibliothek“
Die Falsche ging zum Standesamt
„Nein“, sagte die junge Komtess Silke von Steenken entschieden zu ihrer besten Freundin Tina. „Ich heirate nicht.“
„Und das viele Geld?“ Tina schlug die Augen verzweifelt zur Decke. „Willst du denn aus einer sentimentalen Anwandlung heraus auf solch ein Vermögen verzichten? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“
„Doch. Ich werde arbeiten, andere können es ja auch. Ich will nicht heiraten. Ja, bräuchte ich nicht mit diesem Menschen zusammen zu sein, ich würde es tun. Aber so … nein, es geht einfach nicht.“
„Was heißt schon ‚zusammen sein‘?“, grollte Tina. „Mach ihm zur Bedingung, dass du auf ein halbes Jahr Probeehe bestehst, und nach dem halben Jahr lässt du dich wieder scheiden.“
„Nein, ich kann es nicht. Tina, du kannst mir leicht gute Ratschläge geben. Aber wärest du an meiner Stelle imstande, diesen Menschen zu heiraten?“
„Ja“, gab die junge Dame ohne eine Sekunde des Überlegens zurück. „Ich würde es sofort tun.“
„Er kennt mich nicht, und er kennt dich nicht. Dann heirate du ihn doch!“
Tina legte ihre Hand auf Silkes Stirn.
„Du hast Fieber, Kleines“, meinte sie mitleidig.

Silke schob die Hand der Freundin zurück. Ihre Augen glänzten tatsächlich fiebrig, aber das lag nicht an einer erhöhten Temperatur, sondern nur an dem Gedanken, der so plötzlich über sie gekommen war.
„Wenn du willst, dann heirate du ihn, Tina. Mit meinen Papieren. Und nach einem halben Jahr verlässt du ihn und reichst die Scheidung ein. Er wird niemals erfahren, dass er die Falsche zum Standesamt geführt hat, eine Ersatzbraut.“
„Und die Leute auf Schloss Fernauen? Meinst du, die wären plötzlich alle blind geworden?“ Tina schüttelte den Kopf.
„Ihr braucht ja nicht auf Fernauen zu leben, das hat Tante Geraldine ja nicht verlangt. Sie wollte doch nur, dass ihr ein halbes Jahr zusammenlebt, um euch kennenzulernen. Macht eine große Reise, dabei lernst du gleich ein schönes Stückchen von der Welt kennen …“
„Du bist verrückt geworden“, war Tina überzeugt. „Das geht doch nicht!“
„Und das viele Geld? 635.000 Mark? Wir teilen es, du bekommst die Hälfte ab. Das sind über 300.000 Mark! Du wirst eine reiche Frau sein, von niemandem abhängig …“
„Das geht doch nicht“, flüsterte Tina, aber diesmal klang es lange nicht mehr so überzeugt wie vorher. „Wenn das nun herauskommt …“
„Wie soll das herauskommen? Ich habe immer auf Schloss Fernauen gelebt – du weißt, dass Tante Geraldine nichts von Reisen hielt. Du musst nur darauf bestehen, dass ihr nicht nach Fernauen fahrt. Überlege doch mal in Ruhe.“
„Silke, ich habe Angst! Das ist doch …“
„Nein“, fiel die junge Dame ihr ins Wort, bevor Tina noch „Betrug“ sagen konnte. „Wir sind doch gezwungen, diese Komödie aufzuführen.“
„Das stimmt allerdings. Aber …“
„Es gibt kein Aber. Wenn du nicht willst, Tina, dann werden wir eben auf das ganze Geld verzichten. Ich kann und will ihn nicht heiraten. Aber wenn es dir nicht so viel ausmacht … und du hast es mir ja immer gesagt, dass solch eine Scheinehe gar nicht so schlimm ist.“
„Damit würde ich schon fertigwerden. Ich fürchte mich nicht vor einem Mann, das kannst du mir glauben. An und für sich, wenn ich es mir richtig überlege … und du willst mir die Hälfte deines Erbes abgeben?“, fragte Tina. „Silke, was für eine Versuchung! Du warst niemals arm, du kannst leicht von Entbehrungen sprechen, weil du sie nicht kennst. Was weißt du denn schon, wie viel Geld 300.000 Mark sind! Und wenn ich mein ganzes Leben lang arbeite, ich werde nicht so viel verdienen. 300.000 Mark machen einen Menschen frei.“
„Und dieses halbe Jahr Probeehe … so schlimm ist es nicht, sagst du ja.“
„Willst du nicht lieber selbst?“, fragte Tina demütig.
„Wie oft soll ich noch wiederholen, dass ich nicht bereit bin, die Testamentsbedingung meiner Tante zu erfüllen?“ Silke lächelte. „Es wird alles funktionieren, du wirst schon sehen. Mein Passbild ist undeutlich. Du musst dir dein Haar abschneiden lassen, dann wird niemand daran zweifeln, dass du die Komtess Steenken bist.“
„Und die Unterschrift?“
„Du wirst einen Gipsverband tragen, wenn du dein Ja hauchst.“
„Eigentlich kann ja nicht viel schiefgehen“, murmelte Tina halb überzeugt. „Und wenn, was macht es? Ich habe nichts zu verlieren, nur zu gewinnen.“
„Siehst du, man muss nur etwas nachdenken, dann findet man aus jeder Situation einen Ausweg.“ Silke lachte vergnügt.

Tina Kröger konnte ihre Heiterkeit nicht teilen. Sie wusste schließlich, worauf sie sich einließ. Ein halbes Jahr musste sie an der Seite eines Mannes leben, den sie nicht kannte.
Aber war es denn ein Vergnügen, in einem Büro zu sitzen und für einen ungeduldigen Chef zu schreiben? Ihre Scheinehe würde nur ein halbes Jahr dauern, aber die Arbeit hinter der Schreibmaschine ein ganzes Leben.

„Ich tue es“, sagte sie aus diesen Gedanken heraus kalt und entschlossen.
Nun galt es nur noch, Einzelheiten zu besprechen. Sie stiegen in einem guten Hotel ab, und am nächsten Tage ging Tina, von ihrer Freundin begleitet, zum Friseur.

Sie kannte sich selbst kaum wieder, als sie eine Stunde später in den Spiegel schaute. Dann verglich sie ihr Spiegelbild mit dem Passfoto. Eine gewisse Ähnlichkeit war vorhanden, und welcher Mensch glich schließlich schon seinem Passfoto?



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