Leseprobe "John Sinclair Sonder-Edition"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Romanreihe „John Sinclair Sonder-Edition“
Angst über London
Die medial begabte Miriam di Carlo spürte als Erste, dass etwas nicht stimmte.
Irgendwas war anders in dieser Novembernacht.
Sie schreckte aus dem Schlaf hoch, saß aufrecht im Bett, hatte die Augen weit geöffnet und starrte in die Dunkelheit. Gleichzeitig lauschte sie. Nichts …
„Warum bin ich wach geworden?“, murmelte sie und fuhr sich durch das dunkelbraune zerwühlte Haar, als zwischen den Fingern auf einmal Funken sprühten.
Miriams Hand zuckte zurück. Sie war elektrisch aufgeladen, das geschah immer, wenn ein großes Ereignis dicht bevorstand. Wenn sie ihre Ahnungen hatte und spürte, dass eine fremde Macht in diese Welt eingriff.
Miriam hatte aus ihrer Begabung nie ein Geschäft gemacht. So etwas widerte sie an. Sie behielt ihre Ahnungen und Träume lieber für sich, was vielleicht auch nicht immer gut war. Doch Miriam wollte nicht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Sie hasste Publicity. Sie wollte lieber unerkannt bleiben und als Sachbearbeiterin in einem Industrieunternehmen weiterhin ihre Brötchen verdienen.
Aber noch nie hatte sie die Gefahr mit einer solchen Deutlichkeit gespürt wie jetzt, und das erschreckte sie zutiefst.
Ich muss etwas tun, dachte sie, warf die leichte Bettdecke zurück und schwang ihre langen Beine über die Kante. Auf nackten Sohlen trat sie ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig zur Seite.
Miriam schaute durch den Spalt. Der Himmel war dunkelgrau. Gewaltige Wolken verdeckten die Gestirne.
Miriam di Carlo atmete tief durch. Sie wollte sich gerade umdrehen und zum Bett zurückgehen, als sie das Gefühl hatte, ihr Kopf würde in einen Schraubstock gepresst.
Miriam stöhnte auf, hob die Hände und legte sie auf die Wangen. Mit schreckgeweiteten Augen blickte sie hinunter auf London.
Die Perspektive hatte sich plötzlich verzerrt. Als hätte jemand die Proportionen bei einem Gemälde verschoben. Big Ben befand sich ganz in der Nähe, der Tower, Victoria Station, die hohen Häuser, die Menschen …
„Nein!“, flüsterte sie. „Nein, das gibt es nicht, das darf nicht wahr sein, bitte …“ Was Miriam di Carlo sah, war der Untergang Londons. Das große Entsetzen, das gewaltige Chaos.
Gebäude stürzten ein, Big Ben zerbröckelte, der Bahnhof zerbrach, die Brücken fielen in die Themse, der Tower sah aus wie nach einem schweren Bombenangriff.
Und dann die Menschen. Sie waren am allerschlimmsten betroffen. Ihre Wohnhäuser waren nicht mehr zu retten. Schreiend rannten die Verzweifelten auf die Straße, wo sie von den einstürzenden Mauern der Häuser begraben wurden.
Viele wollten auch mit ihrem Wagen fliehen. Die Ampeln funktionierten nicht mehr, viele Straßen waren verschüttet.
Dies alles sah Miriam mit erschreckender Deutlichkeit, und sie wusste, dass es auch eintreffen würde. Noch nie hatten ihre seherischen Fähigkeiten versagt.
„Mein Gott!“ Sie taumelte zurück und spürte, wie heiß ihre Wangen auf einmal waren. Eine Art Nervenfieber schüttelte sie. Sie fiel auf das Bett und blieb liegen.
Ihr Atem ging schnell und keuchend. Der Schweiß lag wie eine Ölschicht auf ihrer Stirn. Sie konnte einfach nicht mehr, dieser Anblick war schwer zu verkraften.
Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt. Das Blut rauschte durch ihre Adern, in ihrem Kopf hämmerte und pochte es. Sie hatte bereits zahlreiche Visionen gehabt, doch so stark und vor allen Dingen so grauenhaft waren sie noch nie gewesen.
Wach lag Miriam di Carlo auf dem Bett und starrte gegen die Decke, die in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erahnen war.
„Ich werde noch wahnsinnig“, murmelte sie und richtete sich auf. Dabei beugte sie sich zur Seite, und ihre tastende Hand fand den Schalter der Nachttischlampe. Sie machte Licht.
Miriam di Carlo stand auf und schritt um ihr Bett herum. Sie ging wie eine alte Frau. Gebeugt, sorgenschwer …
Noch einmal sah sie aus dem Schlafzimmerfenster. Ihre Augen wurden groß, sie begann zu zittern, denn der Himmel hatte sich verändert.
Er war nicht mehr so grau wie zuvor, sondern zeigte einen rötlichen Schein. Und dieser Schein kam von einem Gesicht, das in seiner kalten Schönheit beeindruckend war. Und irgendwie passten sogar die beiden Hörner dazu, die aus der Stirn wuchsen.
Miriam hatte das Gefühl, als würden die kalten, erbarmungslosen Augen nur sie anschauen, und der Mund verzog sich dabei zu einem wissenden, spöttischen Lächeln.
Miriam di Carlo kannte die Frau nicht, sie hatte sie noch nie gesehen und auch nichts von ihr gehört. Sie wusste nicht, dass es sich um Asmodina, die Tochter des Teufels, handelte …



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