Leseprobe "Kinderlachen"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Romanreihe „Kinderlachen“
Wunder geschehen – Als sich Sabrinas größter Traum erfüllte
Jeder, der vom Schicksal der kleinen Sabrina hört, kann nicht glauben, dass eine Kinderseele so viel Leid ertragen kann. Die Neunjährige hat durch einen Brand alles verloren, was sie lieb hatte: ihre Eltern, ihren Bruder und ihren Teddy. Als wäre das nicht schon schlimm genug, haben die Flammen außerdem ihr niedliches Gesicht zerstört. Jetzt stehen Sabrina unzählige Operationen bevor und ein Leben im Waisenhaus. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Mädchen seinen Lebensmut verloren hat und niemanden mehr an sich heranlässt. Einzig zu der Heilgymnastin Vivian Hartmann fasst die Kleine ein wenig Vertrauen …


Vivian schüttelte entschieden die Zweifel von sich ab, drückte die Türklinke herunter und betrat das Zimmer.
Sabrina saß aufrecht im Bett und blickte ihr gespannt entgegen.
Vivian zögerte kurz, dann wickelte sie den Verband von Sabrinas Gesicht, setzte sich neben sie und reichte ihr den Spiegel. Sie schwieg und wartete ab, wie Sabrina reagieren würde.
Lange betrachtete sich die Kleine und fuhr mit den Fingerspitzen über die Narben. Sie sprach kein Wort, zeigte aber auch sonst kein heftiges Erschrecken. Fast gleichgültig musterte sie ihr Aussehen. Dann sah sie Vivian mit einem tieftraurigen Blick an.
„Das soll ich sein?“, flüsterte sie.
Vivian zog Sabrina liebevoll an sich.
„Spatz, es sieht jetzt viel schlimmer aus, als es ist. Mit der Zeit werden die Narben verblassen, und die Haut wird wieder elastischer werden. Dann wirkt alles nicht mehr so maskenhaft wie im Augenblick.“
Sabrina schmiegte sich eng an Vivian an. Tränen glitzerten in ihren Augen.
„Meine Porzellanpuppe hat so ausgesehen“, flüsterte sie. „Sie war zerbrochen, und Papa hatte sie wieder zusammengeleimt.“
„Und?“, erkundigte sich Vivian behutsam. „Hast du sie deshalb weniger geliebt?“
„Nein.“ Sabrina schüttelte erstaunt den Kopf. „Ich mochte sie genauso gern. Ihr Aussehen hat mich nicht gestört.“
Vivian fasste unter Sabrinas Kinn und hob deren Kopf zu sich empor. Sie lächelte zärtlich.
„Siehst du. Auch dich wird man immer lieb haben, selbst wenn dein Gesicht vielleicht nicht mehr ganz so hübsch ist wie früher. Deshalb bist du aber noch immer dasselbe liebenswerte kleine Mädchen. Daran hat sich nichts geändert. Und mit einem Monster hast du nun wirklich keine Ähnlichkeit, oder?“
Sabrina richtet sich auf und wischte sich energisch über die feuchten Augen.
„Nein, die sind noch viel hässlicher“, stimmte sie zu. „Der Junge war echt doof. Dabei hat er auch nicht so toll ausgesehen. Er hatte ganz fürchterliche Segelohren und viele Pickel im Gesicht. Den hätte ich bestimmt nie geheiratet.“
Vivian lachte erleichtert. „Na, wenn du schon solche Gedanken hast, muss ich mir um dich wirklich keine Sorgen mehr machen.“
„Hast du dir denn Sorgen gemacht?“, erkundigte sich Sabrina neugierig.
„Natürlich.“ Vivian tätschelte sanft ihre Hand. „Alle auf der Station machen sich Sorgen um dich. Du bist uns ans Herz gewachsen, Sabrina. Du erträgst dein Schicksal mit bewundernswerter Tapferkeit. Ich habe dich sehr lieb.“
Wieder schimmerten Tränen in Sabrinas Augen, diesmal jedoch vor Freude.
„Ich mag dich auch sehr gern, Vivian“, bekannte sie leise. „Ohne dich wäre alles noch viel schlimmer. Jetzt, wo meine Eltern tot sind, habe ich doch sonst niemand mehr.“
„Dein Onkel ist doch auch noch da“, tröstete Vivian die Kleine. „Er kümmert sich rührend um dich. Jede freie Minute ist er an deinem Bett.“
„Ja, aber er ist mir so fremd.“ Sabrina seufzte niedergeschlagen. „Außerdem reist er bald wieder ins Ausland und wird monatelang wegbleiben. Ich muss dann ins Waisenhaus, weil er noch keine Familie gefunden hat, bei der ich bleiben kann. Er hat es mir gestern gesagt.“ Die Kleine schniefte unglücklich und drückte ihr Lieblingsstofftier fest an sich.
Vivians Herz krampfte sich vor Mitleid zusammen, als sich Sabrina so niedergeschlagen an ihr Kuscheltier schmiegte. Sie wusste nicht, wie sie dem Kind hätte helfen können. Auch ihr war bekannt, dass bereits ein Platz für Sabrina im Waisenhaus reserviert war. Die Heilung ging rasch voran, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann das Mädchen die Klinik verlassen musste.
Vivian erhob sich und packte umständlich ihre Tasche zusammen. Sie wandte Sabrina den Rücken zu, damit diese nicht die Zweifel in ihren Augen sah.
„Das Waisenhaus ist nicht so schrecklich, wie du es dir im Moment vorstellst“, versuchte sie die Kleine sanft zu beschwichtigen. „Dort gibt es genauso nette Menschen wie hier im Krankenhaus, die dich liebevoll umsorgen werden und dir helfen, dein neues Leben zu meistern. Außerdem hast du dort viele Spielkameraden und bist nicht mehr so allein.“
„Ich mag aber nicht zu diesen fremden Leuten. Und vor den anderen Kindern habe ich Angst. Die hänseln mich bestimmt nur.“
Plötzlich kam Sabrina eine Idee. Aufgeregt rutschte sie vom Bett und rannte zu Vivian. Fest schlang sie ihre Arme um den Hals der Frau.
Überrascht drehte sich die Therapeutin zu ihr um.
„Kann ich nicht bei dir bleiben, Vivian?“, bettelte sie sehnsüchtig. „Du hast doch keine Tochter mehr, dann könnte ich doch deine Tochter sein und du meine Mama. Du hast gesagt, du hast mich lieb. Dann könnten wir uns doch gegenseitig trösten.“ Sie legte den Kopf schief und überlegte kurz. „Oder wäre dein Mann vielleicht nicht damit einverstanden?“
Vivian schluckte verblüfft. An diese Lösung hatte sie überhaupt noch nicht gedacht. In den vielen Wochen, in denen sie nun mit Sabrina arbeitete, hatte sie die Kleine in der Tat sehr lieb gewonnen. Bei ihr als Fachkraft der Heilgymnastik wäre das Kind bestens aufgehoben, und ihre größte Sorge, man könnte im Waisenhaus das Training von Sabrinas Händen vernachlässigen, wäre dann auch von ihr genommen.
Für einen Moment war Vivian versucht, diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen. Doch dann fielen ihr die Schwierigkeiten ein, mit denen sie kämpfen musste. So einfach würde man ihr das Kind nicht überlassen.
Behutsam löste sie sich aus der Umklammerung der Kleinen. Sie musste unwillkürlich schmunzeln, als ihr Sabrinas Frage einfiel.
„Nein, mein Mann wäre absolut kein Hindernis. Ich bin geschieden und lebe allein. Das wäre nicht das Problem, Sabrina.“ Sie zögerte kurz, dann fuhr sie vorsichtig fort, um in dem Mädchen keine falschen Hoffnungen zu wecken: „Ich würde dich liebend gern zu mir nehmen und für dich sorgen. Doch ich fürchte, es ist nicht möglich. Gerade weil ich alleinstehend bin, wird man mir die Pflegschaft für dich verweigern.“
„Aber wenn mein Onkel einverstanden ist, wer kann denn dann etwas dagegen haben?“ Sabrina schüttelte verständnislos den Kopf. „Onkel Rudolf sagt bestimmt nicht Nein.“
„Das weiß ich, mein Schatz. Leider kann dein Onkel das nicht entscheiden.“ Vivian zuckte hilflos mit den Schultern. „Dein Onkel hat nicht die Vormundschaft für dich, sondern das Jugendamt. Dies sucht auch die Familien aus, wo du eventuell in Pflege kommen kannst. Dein Onkel kann allenfalls einen Vorschlag machen, und der wird dann überprüft. Aber ich bin eine alleinstehende, berufstätige Frau und deshalb von vornherein für deine Betreuung nicht geeignet. Aufgrund meiner Berufstätigkeit müsste ich dich oft dir selbst überlassen, und das wird nicht gern gesehen. Nein, Sabrina, so leid es mir tut, aber hier sehe ich keine Chance.“
„Och, ich war früher, als Mama noch gelebt hat, auch schon allein zu Hause“, maulte Sabrina verständnislos. „Da habe ich sogar auf meinen kleinen Bruder aufgepasst. Ich bin doch schon groß und brauche keinen Babysitter mehr. Außerdem gehe ich bald wieder zur Schule, und die Zeit, bis du dann nach Hause kommst, ist doch gar nicht so lange.“
„Das wird das Jugendamt aber nicht einsehen.“ Vivian seufzte niedergeschlagen. Dann ging sie vor Sabrina in die Knie und sah sie fest an. „Du willst also wirklich bei mir bleiben?“
Das Mädchen nickte heftig. „Ja, das wäre das Tollste überhaupt! Ich hab dich doch ganz schrecklich lieb, Vivian. Bei dir würde ich auch immer brav meine Übungen machen und dann bestimmt bald wieder schreiben und malen können.“
„Na gut.“ Die junge Frau überlegte angestrengt. „Ich will es versuchen, doch versprechen kann ich nichts“, sagte sie dann ernst. „Sei bitte nicht zu sehr enttäuscht, wenn es am Ende nicht klappt und du doch in ein Waisenhaus kommst.“
„Es wird bestimmt klappen!“, rief Sabrina begeistert und fiel Vivian um den Hals.



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