Leseprobe "Dorian Hunter"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus unserer Horror-Serie Dorian Hunter
"Im Zeichen des Bösen"
1. Kapitel

Edward Belial unterbrach sich, als der Autobus über ein Schlagloch fuhr und er in die Höhe gehoben wurde. Die anderen neun Insassen, acht Männer und eine Frau, wurden ebenfalls gehörig durchgeschüttelt. Je nach Temperament und Laune schimpften sie, verdrehten die Augen und verwünschten den Fahrer. Manche von ihnen, wie zum Beispiel der Argentinier Roberto Copello, hatten eine lange Reise hinter sich und waren den Strapazen dieser Autobusfahrt nervlich nicht mehr gewachsen.
Ein kleiner dicklicher Franzose, dem trotz seiner Jugend auf der Vorderseite seines Kopfes bereits keine Haare mehr wuchsen und der auf der Bank hinter dem Fahrer saß, beugte sich zu diesem vor und fluchte auf Englisch: »Können Sie nicht besser Acht geben? Sie fahren ja, als sei der Leibhaftige hinter Ihnen her.« Er drehte sich zu den anderen um, die sich über die verschiedenen Sitzreihen verteilt hatten. Seine kleinen Augen hatten einen verschlagenen Ausdruck, und sein Blick wanderte unruhig von einem zum anderen. »Ich glaube, Sie kennen meinen Namen noch nicht«, sagte er. »Ich bin Dr. Frederic de Buer und soviel ich weiß mit neunundzwanzig Jahren der jüngste Serologe Frankreichs. Sie dort hinten in der letzten Reihe, Sie sprechen doch Deutsch? Ich glaube, Ihr Name war Hunter? Dorian Hunter? Sagen Sie doch diesem Bauernlümmel, dass er nicht so rasen soll! Wir werden noch alle im Straßengraben landen.«
Der Angesprochene, an dessen Seite die einzige Frau saß, rief nach vorn: »Müssen Sie so schnell fahren? Wir haben es gar nicht eilig.«
»Aber ich«, rief der Fahrer im Dialekt der Einheimischen zurück, ohne den Kopf zu wenden. Er kauerte mit verkniffenem Gesicht hinter dem großen Lenkrad und wandte den Blick nicht von der Schotterstraße, die sich durch den Wald schlängelte. »Ich hätte diese Fuhre gar nicht übernommen, wenn Sie kein so gutes Angebot gemacht hätten. Aber vor Einbruch der Dunkelheit möchte ich wieder zu Hause sein.«
»Warum?«, wollte Dorian Hunter wissen.
Der Fahrer lachte nur. Es klang gekünstelt.
»Da ist nichts zu machen«, meinte Dorian mit einem bedauernden Lächeln zu den anderen. »Der Mann scheint eine wichtige Verabredung zu haben.«
»Wie wir«, sagte der große stattliche Schwede, der sich als Jörg Eklund vorgestellt hatte.
»Er hat Angst«, behauptete ein Mann, der in der dritten Sitzreihe saß. Er war fast zwei Meter groß, unheimlich mager und blass und wirkte fast durchscheinend wie ein Gespenst. »Ich brauche seine Sprache gar nicht zu verstehen, um das zu merken.«
Dorian Hunter drückte seine Frau fester an sich, als er merkte, dass sie zitterte. »Was ist mit dir, Lilian?«, erkundigte er sich besorgt.
Sie wirkte neben ihm so zierlich und zerbrechlich wie eine Puppe. Dieser Eindruck wurde noch durch ihr blondes Haar und die helle Haut unterstrichen, die einen starken Gegensatz zu seinem dunklen Teint bildete. Er war einen Meter neunzig groß, schlank und sportlich; aus jeder seiner Bewegungen, selbst wenn er seiner Frau zärtlich über das Puppengesicht strich, sprach die geballte Kraft seines durchtrainierten Körpers.
»Ich habe Angst«, gestand Lilian. »Alles ist so unheimlich. Diese fremden Männer, die dasselbe Ziel haben wie du ... Wie erklärst du es dir, Rian, dass sie alle zur gleichen Zeit den Wunsch verspürt haben, nach Asmoda zu fahren? Ausgerechnet in dieses unscheinbare Dorf an der jugoslawischen Grenze, das niemand kennt.«
Dorian blickte mit einem aufmunternden Lächeln auf seine Frau herab, aber der dichte Schnurrbart verzerrte das Lächeln, und der besänftigende Blick aus seinen dunklen Augen hatte etwas Dämonisches.
»Es wird sich sicher für alles eine harmlose Erklärung finden«, sagte Dorian, aber es klang nicht sehr überzeugend.
»Daran glaubst du selbst nicht, Rian«, wisperte Lilian. »Welche Erklärung soll es denn dafür geben, dass neun Männer aus allen Teilen der Welt, die sich vorher noch nie gesehen und nichts voneinander gehört haben, plötzlich denselben Wunsch verspüren?«
»Es ist mehr als ein Wunsch. Es ist ein Drang. Beinahe ein Zwang«, berichtigte Dorian sie.
»Hör auf damit!«, bat Lilian. »Wir hätten diese Reise gar nicht unternehmen sollen.«
»Ich habe dir freigestellt, in London zu bleiben.«
Lilian rückte ein Stück von ihm ab und meinte schmollend: »Bin ich dir lästig? Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht mitgekommen.«
Er zog sie an sich und küsste sie auf die Nasenspitze. »Sei nicht albern, Lilian!«
Sie schmiegte sich wieder an ihn. »Du weißt doch, dass ich nie – nie ohne dich sein könnte! Warum hast du keine einzige Sekunde daran gedacht, dieses alberne Vorhaben, nach Asmoda zu fahren, aufzugeben und bei mir in London zu bleiben?«
Dorian biss die Zähne aufeinander, dass seine Wangenknochen hervortraten. »Weil ich nicht anders konnte. Ich muss herausfinden, welche Kraft mich in diese gottverlassene Gegend zieht.«
Lilian zitterte am ganzen Körper. Ihre Zähne klapperten hörbar aufeinander. »Ich habe es mir nicht so schlimm vorgestellt«, gestand sie. »Ich glaubte, dass du dir alles nur einbilden würdest – diese lockenden Stimmen, die du in deinen Träumen gehört hast. Ich dachte, sie wären eine Auswirkung deiner intensiven Beschäftigung mit dem Okkultismus, den Hexenverbrennungen, der Inquisition und diesen schauderhaften Dingen. Deshalb wollte ich dich an Ort und Stelle davon überzeugen, dass alles nur ein Produkt deiner blühenden Phantasie ist. Aber jetzt ...« Sie schüttelte sich demonstrativ und fuhr mit zittriger Stimme fort: »Jetzt fange ich an zu glauben, dass es diese Stimmen wirklich gegeben hat. Es kann doch kein Zufall sein, dass diese acht Männer die gleiche Botschaft wie du erhalten haben. Hätte ich gewusst, dass wir in so unheimliche Gesellschaft geraten würden ... Sieh dir einmal den Mann an, der drei Reihen vor uns sitzt! Wenn er mir im Londoner Nebel begegnen würde, würde ich vor Angst sterben. Er hat gesagt, dass er Sizilianer sei. Ich wette, er gehört zur Mafia.«
»Jetzt geht aber deine Phantasie mit dir durch«, sagte Dorian lachend.
Der Mann, von dem Lilian gesprochen hatte, war groß und bullig. Der kleine Kopf bildete einen unheimlichen Kontrast zu seinem Körper. In diesem Augenblick wandte sich der Fremde um, als hätte er Lilians Worte gehört. Sie erblickte eine breite Narbe auf seiner linken Gesichtshälfte, die sich von der Stirn bis zum Kinn hinunter zog.
»Ich heiße Bruno Guozzi«, sagte er, als sei er aufgefordert worden, seinen Namen zu nennen.
»Er hat mich gehört«, flüsterte Lilian ihrem Mann zu. »Ich bin sicher, dass er mich gehört hat, obwohl ich leise gesprochen habe. Er kommt mir so vor, als sei er von den Toten auferstanden.«
Wie um Lilians Ängste zu schüren, fuhr Bruno Guozzi fort: »Ich weiß, dass ich keinen sehr erfreulichen Anblick biete. Das habe ich meinen Feinden zu verdanken, die versucht haben, mich lebendig einzumauern. Kann sich jemand von Ihnen vorstellen, was es bedeutet, lebendig begraben zu sein? Dieses Erlebnis hat mich geformt – äußerlich wie auch im Innern. Würde jemand von Ihnen glauben, dass ich erst neunundzwanzig Jahre alt bin?«
»Sagten Sie neunundzwanzig Jahre?«, erkundigte sich Jörg Eklund, ein Schwede mit leicht femininen Zügen. Als er den drohenden Blick des Sizilianers bemerkte, fügte er schnell hinzu: »Dann sind wir der gleiche Jahrgang. Ich bin auch neunundzwanzig. Geboren am 14. Juli.«
»Welch ein Zufall!«, rief der Argentinier Roberto Copello, der sich als Kriminologe ausgegeben hatte, mit schriller Stimme. »Auch ich bin neunundzwanzig Jahre und am 14. Juli geboren.«
Lilian gab einen erstickten Aufschrei von sich und starrte ihren Mann aus vor Schreck geweiteten Augen an.
»Habe ich Sie erschreckt?«, erkundigte sich Copello scheinheilig.
Dorian schüttelte den Kopf. »Die Überraschung meiner Frau ist wohl darauf zurückzuführen, dass ich ebenfalls in Ihrem Alter bin. Auch mein Geburtstag fällt auf den 14. Juli.«
Für einen Moment herrschte Totenstille im Autobus; nur die Fahrgeräusche waren zu hören. Durch die schlecht abgedichteten Fenster pfiff ein schauriger Wind. Die Männer sahen einander an; und sie lasen es von den Gesichtern der anderen ab, dass sie alle dasselbe dachten. Sie waren alle gleich alt, und sie waren alle am selben Tag geboren. Dies musste eine tiefere Bedeutung haben. Lilian Hunter war derselben Ansicht. Sie presste ängstlich die Hand vor den Mund, weil sie ahnte, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.


Der Autobus hielt mit quietschenden Bremsen auf dem Dorfplatz.
»Das ist Asmoda?«, fragte Dr. Robert Fuller, der kleine nervöse Transplantationschirurg aus den USA, enttäuscht.
»Mir scheint, wir sind ins düstere Mittelalter verschlagen worden«, meinte Dr. Jerome Hewitt stirnrunzelnd. Er war groß und kräftig und wirkte so behäbig und ungeschickt wie ein Bär.
Der Platz war nicht groß. In der Mitte stand ein Brunnen, den ein gusseiserner Drache zierte. Früher hatte er aus seinem aufgerissenen Maul wahrscheinlich Wasser gespien, aber jetzt kam kein Tropfen mehr heraus. Zwei junge Burschen, die auf der Steinumfassung gesessen hatten, erhoben sich schnell und verschwanden in dem fünfzehn Meter entfernten Gasthaus. Die Häuser rund um den Platz waren Fachwerkbauten mit geschnitzten Giebelverzierungen und Holzläden vor den Fenstern. Einst waren es sicherlich schmucke Häuser gewesen, doch jetzt zeigten sie starke Verfallserscheinungen. Aber nicht nur die ländlichen Gebäude und der mit Kopfsteinen gepflasterte Platz machten einen verwahrlosten Eindruck; auch die wenigen Bewohner, die zu sehen waren, wirkten heruntergekommen und verschlampt. Die beiden Frauen, die eben aus dem Gemischtwarenladen traten und eiligen Schrittes, dicht an die Hauswand geduckt, davonhasteten, trugen einfache Kittel aus grobem Leinen. Ihre Gesichter verschwanden unter den schwarzen, streng geknoteten Kopftüchern. Ihre Hände, mit denen sie Einkaufskörbe umklammerten und fest an den Körper drückten, waren schmutzig. Kaum hatten sie den Laden verlassen, eilte der Besitzer heraus und schlug die Läden zu. Ein halbes Dutzend Dorfbewohner, die kurz aus den Fenstern geblickt hatten, folgten seinem Beispiel. Im Nu lag der Platz wie ausgestorben da. Der Fahrer des klapprigen Autobusses versuchte seine Gäste durch Gesten und Worte, die sie nicht verstanden, zu rascherem Aussteigen zu bewegen. Als alle draußen waren und ihre Koffer aus dem mit einem Stück Draht verschlossenen Gepäckraum holten, wandte sich Dorian Hunter an den Fahrer und fragte ihn: »Wovor fürchten Sie sich?«
»Ich habe keine Angst«, behauptete der grobschlächtige Mann wenig überzeugend. »Ich möchte nur Asmoda noch vor Einbruch der Nacht weit hinter mir wissen.«
»Das muss doch einen besonderen Grund haben, denke ich.«
Der Fahrer wischte sich nervös die Hände an der Hose ab, blickte sich dann verstohlen um und sagte mit gedämpfter Stimme: »Alle Leute der Umgebung meiden Asmoda. Sehen Sie selbst, wie seltsam sich die Bewohner benehmen! Sie misstrauen allen Fremden – und als Fremder tut man ebenso gut, den Leuten von Asmoda zu misstrauen. Man erzählt sich seltsame Dinge.«
»Wir sind nicht abergläubisch«, meinte Dorian lachend.
Der Einheimische warf ihm einen seltsamen Blick zu. »Es geht mich nichts an, was Sie hier wollen. Sie haben mich anständig bezahlt, und ich habe Sie an Ihr Ziel gefahren. Alles Weitere hat mich nicht zu kümmern. Aber ... wollen Sie etwa die Nacht in Asmoda verbringen?«
»Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben.«
Der Fahrer ergriff plötzlich Dorians Arm und drückte ihn fest. »Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf: Tun Sie das nicht! Sie haben eine junge, hübsche Frau bei sich. Das kann gefährlich werden. Um der Sicherheit Ihrer Frau willen, bleiben Sie nicht hier!«
»Was wollen Sie damit sagen?«, erkundigte sich Dorian scharf.
»Nichts, Herr. Ich sage nichts mehr. Ich habe schon zu viel geredet.«
Dorian schüttelte seine Hand ab und packte ihn am Rockaufschlag. »Heraus mit der Sprache! Warum glauben Sie, dass meine Frau in Asmoda nicht sicher sei?«
»Ich ... Lassen Sie mich los, Herr! Ich bekomme keine Luft.«
Als sich Dorians Griff lockerte, schluckte der Mann und bekreuzigte sich. »Hoffentlich erfährt sie es nicht, dass ich Sie gewarnt habe. Verraten Sie mich nicht, Herr!«

...



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