Leseprobe "Tom Prox"           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus unserer Westernserie "Tom Prox"
Im Garten des Teufels
Tom Prox schaute auf.
„Was kommt denn dort von der Höh, Susy?“, fragte er seine Stute, die ihn aufmerksam anblickte. „Ich glaube, jetzt fallen die Menschen schon vom Himmel! Seltsame Gegend, in die wir da geraten sind.“
Gleich darauf sprang er mit zwei gewaltigen Sätzen zu dem Felsen hinüber, von dem er das ungewisse Etwas hatte herabwirbeln sehen. Die Gesteinsmassen strebten ungefähr dreißig Meter senkrecht hinan. An ihrem Fuß gab es dichtes Dornengestrüpp. Dort hinein war der Gegenstand, den er hatte fallen sehen, gestürzt.
Der schlanke, dunkelhaarige junge Mann mit dem lustigen Gesicht hieb das dornige, widerspenstige Gezweig mit dem Dolchmesser auseinander, ohne darauf zu achten, dass sein Hemd dabei an mehr als einer Stelle zerriss.
Gleich darauf fand er, was von der Höhe heruntergekommen war: einen Knaben von ungefähr zwölf Jahren, sommersprossig und mit der schönsten Stupsnase, die man sich vorstellen kann.
„Nanu?“, fragte Tom Prox verwundert. „Pflegst du deine Wege immer auf diese Weise abzukürzen, Kleiner?“
„Immer nicht“, erwiderte der Junge trocken. „Nur manchmal!“
Sein Gesicht, über das sich nach dem ersten Erschrecken ein zufriedenes Lächeln gebreitet hatte, wurde plötzlich ernst. Das Kerlchen legte den Zeigefinger auf die Lippen und sah Tom Prox bedeutungsvoll an.
„Weh getan, Kleiner?“, fragte der Westmann. „Alle Glieder heil geblieben? Man soll nicht auf die Felsen klettern, wenn man es nicht versteht. Nun komm her!“
Tom Prox zwängte sich dichter an das Gestrüpp und holte den Jungen heraus. Der kleine Kerl schien Schmerzen zu haben, wollte es aber nicht zeigen. Tom bemerkte, dass er tapfer die Zähne zusammenbiss und die Lippen aufeinanderpresste.
Er schleppte den Boy zu seiner Stute und wollte ihn dort aufrecht stellen. Aber der Junge knickte in den Knien zusammen und sank zu Boden.
„Oho!“, entfuhr es Tom Prox lächelnd. „Schlimmer als ich dachte! Hoffentlich legt dich dein Daddy dafür übers Knie und klopft dir den Hosenboden aus! Sonst kommst du das nächste Mal ohne Kopf nach Hause. Sieht ganz so aus, als ob du ...“
In diesem Augenblick tönte ein Schuss, und der Sombrero des Westmannes flog in die Luft, um gleich darauf mit einem Loch in der Krempe durch den Sand zu kollern.
„Das sind ja schöne Zustände in diesem gottgesegneten Land“, murmelte Tom verwundert.
In der nächsten Sekunde tat er dreierlei: Er riss den Jungen zu sich heran, rollte mit ihm blitzschnell quer durch den Sand zu einem Felsbrocken, der in der Nähe lag, nahm Deckung dahinter und rief seiner Stute zu: „Türmen, Susy! Lauf!“
Das Tier gehorchte aufs Wort und verschwand hinter nahen Felsbrocken, die hier in Mengen herumlagen. Tom aber hielt in der gleichen Sekunde in jeder Hand einen Colt und spähte vorsichtig zum oberen Rand des hohen Felsblockes, von dem zunächst der Knabe und dann der Schuss gekommen waren.
„Okay“, sagte der Junge anerkennend, nachdem er wieder zu Atem gekommen war. „Sind ein verdammt fixer Kerl, Sie! Habe bei der Geschwindigkeit gar nicht gesehen, wie Sie die Dinger eigentlich zum Vorschein brachten. Müssen Sie mir gelegentlich beibringen, Stranger!“
„Augenblick mal!“, erwiderte Tom ruhig. In der nächsten Sekunde schoss er. Vom oberen Felsrand her klang ein gedämpfter Schrei zu ihnen herunter. „Den hat's erwischt“, stellte er zufrieden fest. „Sie werden in der Hölle nicht einmal genügend Zeit haben, die Empfangsfeierlichkeiten vorzubereiten!“ Dann wandte er sich an den Jungen. „Wie viele stecken denn insgesamt da oben?“
„Drei“, erwiderte der Zwölfjährige mit wichtiger Miene. „Wenn Sie die beiden anderen auch noch erledigen wollten, würde ich mich herzlich bedanken. Sonst müsste ich mich nämlich hinter ihnen hermachen.“
„Soso“, entgegnete der Westmann amüsiert.
Die Männer, die sich oben auf dem Felsblock befanden, waren bis an den Rand herangekrochen. Der Stein, hinter dem Tom Prox mit dem Jungen lag, bot nun keine Deckung mehr. Die Kerle sandten von ihrem sicheren Platz aus einen Hagel von Kugeln auf die beiden hinab. Glücklicherweise schienen sie keine guten Schützen zu sein.
„Das ist wenig gemütlich“, stellte der Westmann unbekümmert fest. „Ich finde, wir müssen etwas tun! Gib Acht, Kleiner!“
In der nächsten Sekunde sprang er hoch, packte den Jungen und pirschte mit raschen Sätzen an die Felswand heran. Gleich darauf standen sie geschützt im toten Winkel. Hier konnte ihnen das wütende Feuer von oben nichts mehr anhaben.
„Zwei?“, fragte Tom den Jungen noch einmal. „Und wie kommt man da hinauf? – Ich möchte mir diese freundlichen Herren einmal aus der Nähe ansehen.“
„Um das Massiv herum“, erwiderte der Junge eifrig. „Auf der anderen Seite gibt es einen Weg, der nach oben führt. Er ist zwar steil, aber Sie schaffen ihn schon. Und wenn die Kerle ...“
Er wollte noch etwas sagen, aber Tom Prox war bereits fort.
Das Kerlchen schaute verblüfft gegen die Felswand, hinter der der Westmann verschwunden war, als habe er sich in Nichts aufgelöst.
„Okay“, wiederholte er noch einmal. „Thunderstorm!“

***

Wenige Sekunden später hatte Tom den Steig gefunden. Er war steil und wand sich in Zickzacklinien zwischen Geröll und dornigen Flächen.
Der Westmann zögerte keine Sekunde. Wenn man ihn erwartete, dann bestimmt von dieser Seite her! Deshalb lief er an der Felswand noch ein ganzes Stück weiter, bis er zu einer Stelle kam, an der er glaubte, den Aufstieg wagen zu können.
Gleich darauf hing er in den Felsen. Seine Finger tasteten nach jedem Riss im Gestein und klammerten sich darin fest, seine Fußspitzen suchten krampfhaft nach dem kleinsten Halt; trotzdem klomm er mit ziemlicher Geschwindigkeit in die Höhe.
Manchmal brach morscher Stein unter seinen Füßen, und mehr als einmal schwebte er in Gefahr, abzustürzen. Endlich war er so weit hinaufgekommen. dass er seinen Kopf vorsichtig über den Felsrand schieben konnte.
„Die Kerle sind tatsächlich dümmer, als die Polizei erlaubt“, murmelte er zufrieden.
Gleich darauf hatte er sich völlig hochgezogen. Er lag jetzt flach auf der Kuppe des Felsens. Sie bildete ein kleines Plateau von ungefähr fünfzig Metern im Durchmesser. Die beiden Schützen lagen auf dem Bauch und spähten mit vorsichtig vorgestreckten Köpfen in die Tiefe hinab, die Colts in den Händen, um sofort schießen zu können, falls sich ihnen unten erneut ein Ziel bot.
Ein dritter Mann lag tot und verkrümmt in ihrer allernächsten Nähe.
Tom Prox richtete sich zu voller Größe auf und näherte sich mit federnden Schritten, kaum hörbar, den beiden Schuften.
Die Kerle waren so sehr in ihre Beobachtertätigkeit vertieft, dass sie den Herankommenden erst bemerkten, als sie sich im Genick gepackt und mit unwiderstehlichem Ruck in die Höhe gerissen fühlten. Verblüfft starrten sie den Mann an, der lachend zwischen ihnen stand und sie wie mit eisernen Klammern festhielt. Ihre Colts entfielen ihnen unbenutzt.
„Freue mich, Ihre werte Bekanntschaft zu machen“, knirschte der Westmann und schlug die Köpfe der Kerle so hart gegeneinander, dass beide glaubten, einen Reigen bunter Funken vor ihren Augen tanzen zu sehen. „Haben die Herren besondere Wünsche? Legen Sie Wert darauf, an einem soliden Ast aufgeknüpft zu werden? Oder ziehen Sie vor, da unten zu landen? Suchen Sie sich den Felsen aus, neben dem Ihre Gebeine liegen sollen. Stets zu Ihrer Verfügung!“
Tom wartete keine Entgegnung ab; er ließ plötzlich einen der Männer zu Boden gleiten, holte mit der Rechten aus und traf den zweiten so fachgerecht, dass er nur noch einen kleinen Seufzer von sich geben konnte, dann war er in eine Traumwelt hinübergewechselt, aus der er erst nach Stunden wieder erwachen sollte.
Gleich darauf erging es seinem Komplizen ähnlich.
„Nur keine Zeit verlieren“, sprach Tom munter vor sich hin. „Immer rasch – wie beim Bäcker die Semmeln!“
Er griff in die weiten Taschen seiner Hose, brachte aber nur ein Stück schwachen Bindfadens zum Vorschein, keineswegs geeignet, jemanden damit zu fesseln.
Aber er wusste Rat. Neben den Kerlen lagen ihre Gewehre; neue, gut gehaltene Winchesterbüchsen.
„Nicht auf eurem Mist gewachsen, ihr Brüder!“, stellte der Westmann grimmig fest. „Irgendwo gekauft und das Zahlen vergessen!“
Gleich darauf hatte er die Riemen der drei Büchsen losgeknüpft und die Betäubten sachgemäß gefesselt.
Als die Kerle wohlverschnürt dalagen, beeilte sich Tom Prox, wieder zu dem Jungen hinunterzukommen. Er wählte diesmal den Steig, und wenige Minuten später stand er bei dem rothaarigen Boy – das heißt, er stand an der Stelle, an der er ihn zurückgelassen hatte.
Von dem Kleinen war indessen nichts zu sehen!
Tom fürchtete schon, der Sommersprossige sei davongelaufen. Das hätte ihm leidgetan, denn er wollte gern wissen, in welche Sache er da so unversehens hineingeraten war.
Gleich darauf jedoch stupste ihn Susy mit der Nase gegen die Wange, und nun erblickte er ein Stück weiter das rothaarige Kerlchen: Es war so bewusstlos, wie ein Mensch nur sein konnte.
Erschreckt beugte der Westmann sich zu dem Jungen hinab. Als er den Kleinen auf den Rücken legte, bemerkte er Blut am Hemd des Kleinen.
Tom riss es ganz einfach auseinander und sah, dass der Junge verwundet worden war. Er hatte einen Schuss durch den Arm bekommen.
Die Verletzung musste ihm schon oben auf dem Felsen beigebracht worden sein. Wahrscheinlich war er in ihrer Folge abgestürzt.
Tapferer Kleiner! Sich so in der Gewalt zu haben und nicht das Geringste anmerken zu lassen.
Der Westmann holte seine Whiskyflasche aus der Satteltasche, goss ein wenig von ihrem Inhalt in die hohle Hand und rieb Stirn und Schläfen des Knaben damit ein. Dann versuchte er, einige Tropfen des höllischen Getränkes auf die Lippen des Jungen zu bringen. Dieser schüttelte sich plötzlich und öffnete die Augen.
„Brav so!“, lobte Tom. „Bist ein verdammt tapferer Boy! Und nun wollen wir dir ein bisschen helfen!“
Er holte Verbandzeug aus seinen Satteltaschen und behandelte den Knaben so geschickt, als habe er nie im Leben etwas anderes getan. Schließlich setzte er den Jungen auf sein Pferd und forderte ihn lachend auf: „Nun wirst du wohl beichten müssen, Sonny! Wer bist du und warum bist du zu Hause ausgerissen? Ich muss dich deinem Daddy zurückbringen!“
„Ich habe keinen Vater mehr“, erwiderte der Junge, und mit einem Mal klang Trotz in seiner Stimme. „Ich bin Pete Timmers, der Besitzer der Salem-Ranch – und wenn Sie jetzt lachen, schlage ich Ihnen mit der Faust ins Gesicht!“
„Ich lache nie“, entgegnete Tom Prox ernst. „Ich kann dir versichern: Ich habe einmal gelacht, als dem Herrn Staatspräsidenten bei der ersten Rede, die er hielt, die Hosen zu rutschen begannen! – Aber nun mal ernst: Was ist mit den drei Kerlen da oben?“
„Sie haben mich entführt“, grollte der Junge, und nun wurde er wirklich wütend. „Einfach weggeschleppt! Wir brennen gerade unsere Rinder – das heißt, wir sind schon fertig damit, und heute Nachmittag feiern wir das übliche Fest, das dazu gehört. Ich bin gerade dabei, nach dem Rechten zu sehen und mich darum zu kümmern, dass unsere Cowboys auch genügend zu essen und zu trinken bekommen. Sie müssen nämlich wissen, Onkel Theodore ist sehr knauserig.“
„Eins nach dem anderen, junger Mann“, unterbrach ihn Tom. „Wer ist nun wieder Uncle Teddy?“
„Theodore Jonas“, berichtete der Kleine, plötzlich matt geworden, aber immer noch sehr mutig. „Er leitet meine Ranch, bis ich groß genug bin, das selbst tun zu können. Ich wünschte, es wäre morgen schon so weit! Dann soll manches anders werden!“
„Und wo liegt die Salem-Ranch?“, wollte Tom noch wissen. „Ich finde nämlich, es wird Zeit, dass wir dich ins Bett legen.“
„Also aufgesessen!“, erwiderte der Junge großartig. „Ich will schon dafür sorgen, dass das Pferd den richtigen Weg findet.“
...



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