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Thema: Geschichtenkalender
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erstellt am 01.01.06 13:14
01.01.2006

Offen und frei für Eure Texte!
Im "Geiste" des beendeten Adventskalenders, der für mich eine großartige Sache war.
Also - liebe Freunde - her mit Euren kreativen Texten!
Gruß - Volker krämer

erstellt am 01.01.06 13:16
Neujahr ...

„Sieh, diese Stadt - und sieh, sie ist kalt.
Erinnere Dich, wie lieblich sie war.
Jetzt betrachte sie nicht mit Deinem Herzen, sondern kalt
und sage, sie ist alt.“

Reichlich makaber, dass dir ausgerechnet diese Zeilen aus Brechts Gedicht „Georgia“ in den Sinn kommen – jetzt, wo du an diesem Neujahrsmorgen durch den Ortsteil fährst, in dem du aufgewachsen bist.
Was macht denn der Depp da vorne? Hat der keinen Blinker? Klar, Autos mit Stern oder Nieren, die haben das nicht nötig. Sollen die armen Idioten hinter ihnen doch ... ach, was regst du dich denn schon wieder so künstlich auf? Kannst ja eh nichts daran ändern.
Wenig Verkehr. Die meisten liegen mit ihren Sylvester-Katern noch in den Federn. Oder mit sonst wem. Und was machst du hier? Keine Ahnung? Sylvester war ja noch nie dein Ding, und irgendwie hat sich niemand so wirklich darum gerissen, gerade dich auf seine Fete zu bekommen.
Na und? Doch jetzt hast du es in deinen vier Wänden nicht mehr ausgehalten, hast dich in deine Mühle gesetzt. Nur so ... ein wenig durch die Straßen kurven. Ohne Ziel.
Dem vergangenen Jahr heulst du auch keine Träne nach, wie? Kein fester Job, mal hier, mal da. So kann das nicht weitergehen. Wird es aber ...
Von Jule hast du seit Wochen nichts mehr gehört. Also ein Ende vor dem echten Anfang. Was soll die Süße auch gerade mit dir – keine Frage, eine Feststellung, Alter.
Du kannst ihr nichts bieten. Schon gar keine Zukunft, wie sie sich eine erträumt.
Und deine Freunde ... wahrscheinlich bist du nur wieder einmal überempfindlich. Aber du hast sie dir doch nicht eingebildet, diese kleinen Spitzen.
Meine Güte, springt diese blöde Ampel auch noch irgendwann einmal auf Grün? Ätzend, diese Warterei. Kommt doch eh keiner von links oder rechts.
Spitzen, ja – nichts, was deutlich gegen dich ging. Nur so – „ach, nun sei doch nicht so negativ“, oder – „du bist aber auch immer hart gegen andere ...“ Erst vorgestern noch – „du musst aber auch immer nur meckern ...“
Du, der gerne den „Harten“ gibt, hast das geschluckt. Dann, ja, dann hast du dich zurückgezogen, Stück für Stück. Kaum einer hat es bemerkt.
Wahrscheinlich haben sie ja Recht.
Oder Brecht hatte Recht.
Vielleicht solltest du dieser Stadt ja den Rücken kehren. Ist sie tatsächlich kalt und alt geworden? Kann sein.
Aber lieblich, das war sie nie. Hier wurde hart gearbeitet. Schmutz und Staub, daran kannst du dich noch erinnern. Alle hatten Arbeit, und wenn jemand jammerte, dann weil ihn der Rücken schmerzte. Hoffnungslosigkeit war eher ein Fremdwort. Längst nicht alles war gut, wahrlich nicht, aber solche Jammerer wie dich, die musste man früher lange suchen. Früher ... heute seid ihr Massenware.
Was? Was hupt denn der Trottel da hinter mir?
Oh, schon Grün. Wie lange wohl schon? Trotzdem – muss denn der den Lauten machen? Du solltest ihm den Finger ... nein, heute nicht.
Junge, fahr nach Hause. Ist nicht dein Tag, wie es scheint.
2005 oder 2006 – wo sollte da der Unterschied sein?
Aber vielleicht solltest du mal kurz nachdenken. Das Gedicht, von Brecht – du weißt schon -, da gibt es noch weitere Verse. Erinnerst du dich an den hier:

„Und sieh Deine Ansichten, doch sieh, sie sind alt.
Erinnere Dich, wie gut sie einst waren.
Jetzt betrachte sie nicht mit Deinem Herzen, sondern kalt
und sage, sie sind alt.“

Guter Mann, dieser Brecht. Als hätte er gerade dich gemeint...

Stell den Wagen ab, geh in deine Wohnung.
Denke nach. Nicht über den Blödsinn, den dir Politiker zum neuen Jahr einreden wollen.
Denke nach – über dich.

„Sieh Deine Ansichten, doch sieh, sie sind alt.“

Na also, dann ändere sie.
Mach hin. Wir warten.

erstellt am 01.01.06 18:01
@ Volker:

Okay, habe deine Story jetzt gelesen. Erster Eindruck: Sie hat mich überrascht, da es keine Phantastik-Geschichte ist. Zweiter, prägender Eindruck: Sie hat mir gefallen.
Ich will mich hier nicht wie der große Literaturkritiker aufspielen, den Schuh zieh\' ich mir nicht an, aber du hast eine Alltagssituation beschrieben, wie viele von uns sie kennen, in Abwandlungen und mit Varianten. Besonders das "und wenn jemand jammerte, dann weil ihn der Rücken schmerzte. " gefiel mir. Vergangenheit und Gegenwart werden gegenüber gestellt, und man meint - subjektiv - die Vergangenheit war besser, weil man dazu neigt, sie zu verklären und nur das Positive sieht.
Bei älteren Menschen sehe ich das oft so: Man war früher jung, knackig und - halbwegs - gesund, folglich war die Vergangenheit besser. Die unangenehmen, z.T. auch schlimmen Dinge (und da meine ich jetzt noch nicht mal die Nazi-Zeit!) sieht man oft nicht.

Deine Story macht Mut, Volker. Jammern bringt nicht wirklich was außer kurzzeitiges Entladen des höchstpersönlichen Frusts. Man muß selbst etwas tun, und jeder Weg ist dabei natürlich unterschiedlich. Deshalb rechne ich es dir hoch und positiv an, daß du keine "Patent-Rezepte" runterzubeten versuchst wie Politiker, die leicht gute Ratschläge geben können mit ihren "Diäten".
Das ganze dann an einem Gedicht von Brecht festzumachen, den ich ohnehin mag (obwohl ich ihn öfter mal wieder lesen sollte ;-(( - das hat was!
BEIDE DAUMEN NACH OBEN!!!

Danke für diese schöne Geschichte.

erstellt am 06.01.06 14:49
-no subject-

W I N T E R M O N D

Was waren das doch für wunderbare Zeiten …
Der alte Mann, scheinbar bewegungslos auf der Bank in seiner eigenen Agonie erstarrt, hatte die traurigsten Augen dieser Welt. Sein melancholischer Blick streifte weit über das nächtliche, hüglige Winterland. Nicht das geringste entging ihnen, nicht der altehrwürdige Vater Rhein zu seinen Füßen, der nicht aus goldenem Wein bestand, wie ein Lied glauben machen wollte. Lastkähne tuckerten darauf, schwer beladen, ihren Zielen entgegen, flankiert von den blitzenden Lichtern zu beiden Seiten des Ufers. Nicht die sirrenden Windböen, die über die Hügel brausten und auch nicht das leise Dröhnen hoch über ihm: ein Flugzeug auf seiner nächtlichen Reise.
Ein sinistrer Hauch von Ewigkeit spiegelte sich in diesen Augen wider. So vieles schon hatten sie gesehen: Viel, viel mehr als eines Menschen Augen je erblicken konnten. Nicht nur schöne Dinge, doch die schönen hatten alles in allem deutlich überwogen. Obwohl der alte Mann wußte, das meiste davon hatte er im Lauf der Jahrtausende vergessen.
Einst waren diese Augen kohleglühende Rubine gewesen, in denen das unstillbare Feuer des Lebens erstrahlte. Gewaltig, schier unersättlich. Ein Feuer, das jedermann, der das Privileg hatte, es zu erblicken, unabänderlich in einen überirdischen, geradezu magischen Bann zog. Es gab kein Entrinnen aus diesem fast hypnotischen Blick, man verlor sich darin, und bevor man sich dessen bewußt wurde, war es bereits zu spät.
Doch das war lange her. Viel zu lange!
Das blasse Gesicht des alten Mannes wurde umrahmt von pechschwarzem, schulterlangem Haar. Er trug völlig schwarz; nachdenklich lagen die Fingerspitzen der einen Hand an denen der anderen. Teils taubeneigroße Schneeflocken fielen auf ihn nieder: auf seine Schultern, sein Haar und den Trenchcoat.
Vor einigen Stunden, kurz nach Einbruch der Nacht, als der Mann seinen Keller verlassen hatte und hierher gekommen war, hatte es angefangen zu schneien. Immer heftiger fielen seitdem die Flocken; Mutter Natur breitete einen dichten, blütenweißen Mantel über das Land aus. Bedeckte die Häuser der kleinen Stadt im Tal darunter ebenso wie die Straßen und die Kirchen. Nichts verschonte die weiße Pracht, nicht die Parks, nicht die teils grazilen, teils knorrigen Bäumen und auch nicht die Wiesen mit ihrem winterbraunen, abgestorbenen Gras.
Nur die meisten der vielen tausend Lichter, mit denen die Menschen in Erwartung des Weihnachtsfests ihre Vorgärten und die Fenster schmückten, drangen durch die dichten Schneewände, die in der Luft hingen. Große Tannen mit Lichterketten erstrahlten wie Leuchttürme hoch bis zu dem alten Mann. Ein irisierender, schillernder Glanz, der sich vielfach verband, miteinander multiplizierte und die Stadt regelrecht erglühen ließ. Gleich einer Käseglocke aus Licht, die darüber gestülpt worden war, um die bösen Geister des Jahres zu vertreiben in der Hoffnung auf ein besseres.
Er mußte grinsen, doch es entbehrte jeden Humors. Es würde nicht besser werden, ganz im Gegenteil. Besonders nicht für ihn. Vielleicht lag das an der melancholischen Stimmung, die in ihm Überhand nahm, vielleicht auch am präweihnachtlichen Ambiente, deren Besinnlichkeit auch ihn ergriffen hatte, wenngleich er niemals Christ gewesen war und bereits gelebt hatte, als das Dezemberfest noch ‚Saturnalien’ geheißen hatte. Er wußte es nicht ...
Am Schneefall konnte es jedenfalls nicht liegen. Der Schnee störte ihn nicht, er konnte nicht frieren, selbst in einer weißen Winternacht wie dieser nicht. Schnee hatte für ihn nichts fremdes an sich, nicht einmal etwas unbehagliches - er gehörte ebenso zur Welt wie eine Pflanze, ein Mensch oder auch er selbst. Sie alle zählten zu einem großen Ganzen, von Ausmaßen, die selbst der alte Mann trotz der Jahrtausende seines Lebens nicht hatte ergründen können. Er wußte nur, ihrer aller Existenz machte Sinn im kosmischen Gefüge. Jedes Molekül war etwas besonderes.
Doch er, er war besonderer!
Die Natur mochte ihn erschaffen haben, sein Leben verpfändet hatte er hingegen Mutter Nacht. Sie war ihm eine wahre Mutter gewesen. Und ein Vater noch dazu.
Solange er sich erinnerte, er hatte den Tag gemieden und war erst, wenn das strahlend-feige Antlitz der Sonne hinterm Horizont verschwunden war, wirklich zum Leben erwacht und aufgeblüht. Erst in der Finsternis hatte sich der alte Mann geborgen gefühlt wie in einem warmen Schoß. Rat, Tat, Hilfe, Nahrung - nichts hatte sie ihm vorenthalten, sondern ihm immerzu mehr geschenkt, als von ihm benötigt. Immerzu hatte sie ihn an ihre sinister-dunkle Brust gedrückt. Und zum Abschied, wenn es dämmerte, einen Gutentagkuß auf die Stirn. Bis zur nächsten Nacht ...
Doch auch das war lange her!
Ein leiser Seufzer verließ seine blutleeren Lippen, so fest zusammengepreßt, daß sie zu einem einzigen, blaßroten Strich in seinem bleichen Gesicht wurden. Er ließ seine melancholischen Gedanken dem Blick folgen und wohin auch immer treiben. Ein verdorrtes Blatt im tosenden Wind. Ohne Ziel, er ließ sich überraschen, an welche Gestade er geweht wurde und wußte doch, er würde nicht damit zufrieden sein. Sein Paradies der Jugend existierte nicht mehr.
Erinnerungen tauchten schnappschußgleich in ihm auf. Bekümmerte Gedankenfetzen, die sich wie ein rotglühendes Brandeisen in sein Gehirn bohrten, um sogleich wieder chimärengleich zu verblassen. Aus einer anderen, aus einer besseren Zeit. Als er noch ein junger Mann gewesen war mit seinen berühmt-berüchtigten Kohleaugen, seiner katzengleichen Eleganz und Geschmeidigkeit und einem faustischen Charme, dem sich sowohl Frauen als auch Männer nicht hatten entziehen können. Wie Wachs waren sie in seinen grazilen und dennoch kraftstrotzenden Händen gewesen - unfähig, sich zu widersetzen.
Flucht - keine Chance! Oft genug hatte er auch Mitleid in sich verspürt. Gebrochene Augen und zuckende Muskeln, während er aus der klaffenden Halswunde, gerissen von seinen Säbelzahntigerfängen, den sämigroten Lebenssaft trank, ihn sich genüßlich auf der Zunge zergehen ließ und seinen hungrigen Magen damit füllte. Aber er mußte sich ernähren, daran war nichts zu ändern. Wenigstens war ihm die Angelegenheit zu ernst gewesen, um wie eine Katze mit dem Opfer noch zu spielen, bevor man ihm den Tod schenkte.
Nein, er bereute nichts! Ebenso wenig wie Edith Piaf selig.
Und die Menschlein hatten es ihm alles andere als leicht gemacht. Sein Leben war ein einziger Kampf gewesen, ein ständiger Krieg gegen ihn, den Mitternachtsjäger.
Zuschlagen, den Bauch vollschlagen und dann schnellstens weg, bevor andere Menschen die Leiche entdeckten und nach dem Mörder suchten - so lautete das Motto seiner Rasse. Aber nicht das seine! Sein Stolz war ihm über alles gegangen, und hätte er ein Spiegelbild besessen, jederzeit hätte er sich darin betrachten können, ohne vor sich selbst auszuspucken. Niemals war er Hals über Kopf vor seinen Häschern geflohen, hatte nur die nötigsten Vorkehrungen getroffen und sich fortwährend seinem Schicksal gestellt. Lieber wäre er gestorben, als sich selbst zu verleugnen und Fersengeld zu geben. Außerdem war es ihm liebgewonnene Abwechslung gewesen, ein angenehmer Nervenkitzel um den einen, den größten Preis: das Leben. Ein Spiel zwischen Jägern und Gejagten, und oft genug waren die Rollen während des Spiels vertauscht worden.
Gewonnen hatte der alte Mann - aber auch verloren. Oft genug war es heikel geworden. Geschossen hatte man auf ihn, eingestochen, ihn aufgeknüpft, überfahren, und die Giftanschläge rechnete er gar nicht mit, da Gift ihm ohnehin nichts anhaben konnte. Seine zahllosen Knochenbrüche konnte er schon längst nicht mehr zählen, auch nicht die Verbrennungen, als man ihn gefesselt und geknebelt an die Sonne gezerrt hatte. Und einst, vor inzwischen knapp zwei Jahrtausenden, hatte man ihn sogar gekreuzigt.
Doch trotz so mancher Niederlage, trotz der erlittenen Schmerzen - er hatte niemals aufgegeben! Und jedesmal war er entkommen, letztlich war er immer siegreich geblieben. Zwar mit verstauchter Seele, geschundenem Körper und blutüberströmt, doch er hatte überlebt.
Aber wofür? fragte er sich, während er einige Flocken wegblinzelte und sich mit der Hand über das seidige Haar strich, so daß der Schnee hinabrieselte. Die wunderbaren Zeiten von einst kamen nicht mehr wieder; die erbarmungslose Sanduhr des Lebens ließ sich selbst von ihm nicht umdrehen, auf daß man noch einmal ganz von vorn beginnen konnte.
Legenden rankten sich um sein Volk: düstere Geschichten über Grausamkeiten, Greuel und Tod, einem Pakt mit Beelzebub höchstselbst und Toten, die nachts in ihren Särgen erwachten und mit kataleptischer Verzweiflung versuchten, ihrem hölzernen Gefängnis zu entkommen. Wie viele Menschen hatten sich über seine Rasse die klugen oder auch weniger klugen Köpfe zerbrochen?! Hatten Gerüchte um sie herum erfunden, sie auf einen dämonischen Thron gehoben und mystifiziert. Gleichzeitig hatten sie auch vermeintliche Waffen gegen sie erdacht: Knoblauch, Weihwasser, Pfählen ... Der Gedanke daran entlockte dem alten Mann bestenfalls ein mitleidiges Grinsen.
Nur das Sonnenlicht schadete ihm, setzte ihn mit ihren brennend heißen Strahlen in Flammen, verkohlte ihm zunächst die Haut, schlug Blasen, und wenn er nicht rechtzeitig Schutz fand, verbrannte er völlig und wurde zu heller Asche. Ein Schicksal, das ihm bislang erspart geblieben war, sonst hätte er nun nicht hier gesessen und mit sich selbst gezaudert. Dafür waren um so mehr liebgewonnene Weggefährten auf diesem abscheulichen Weg ums Leben gekommen: ein Verlust, der ihm selbst jetzt noch schmerzte
Diese kleine, erbärmliche Menschheit, die teil entsetzt, jedoch mindestens ebenso sehr fasziniert von seinem Volk war wie er von ihr.
Weshalb sonst erfand man so viele Geschichten über sie? Nur weil sie sich mit ihrem beschränkten Geist nicht erklären konnten, daß ein Lebewesen nicht nur maximal einhundert klägliche Lebensjahre existierte, sondern viel, viel länger? Es mochte ihnen auch nicht einleuchten, wie jemand Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte leben konnte, ohne sichtbar älter zu werden. Einmal, als er die Identität des Grafen von St. Germain angenommen hatte, hätte man fast sein Geheimnis entdeckt, aber eben nur fast! Für sie mochte es den Anschein haben, als sei er unsterblich und könne nicht altern.
Doch dieser Anschein trog.
Leider ...
Einst war er drahtig gewesen. Ein muskelgestählter Adonis mit Waschbrettbauch und straffen, definierten Muskeln; ein römischer Bildhauer hatte ihn gebeten, als Modell zu dienen und ihn in Marmor verewigt. Eine grazile und gleichermaßen athletische Statue, die Apoll darstellte, heute in den Vatikanischen Museen ausgestellt und immer noch von den vorbeiziehenden Besucherscharen bewundert wurde. Und doch konnte der alte Mann nicht froh darüber sein. Zwar wußte er, ihm war das beste Denkmal gesetzt worden, das er sich vorzustellen mochte - doch auch das war lange vorüber. Aus einer anderen, einer besseren Zeit.
Inzwischen war er nur noch eine Karikatur seiner selbst. Irgendwann war selbst für ihn der Moment gekommen, in dem die vermeintliche Ewigkeit besiegt wurde. Seitdem war der körperliche Verfall rapide fortgeschritten. Tiefe Falten, die sich mittlerweile in sein Gesicht eingegraben hatten; schlaffes Fleisch an den Armen, den Oberschenkeln - überall! Ein verwelkter Körper.
Schneller als ein Marder war er gewesen, sogar schneller als ein Gedanke. Vergangenheit! Selbst seine schier unstillbare Gier nach sexuellen Vergnügen hatte fühlbar nachgelassen, und wo er früher noch alles daran gesetzt hätte, die Nacht nicht allein zu verbringen, so stand ihm viel zu oft der Sinn einfach nur nach Ruhe.
Ganz zu schweigen von der geistigen Klarheit, die er eingebüßt hatte ...
Gemessen an früher lebte er nicht mehr, er siechte vor sich hin und wartete auf die gnadenlos herabfahrende Sense von Gevatter Tod. Ständig war er ihm begegnet, immerzu hatte er dafür gesorgt, daß sein Freund, der Tod, nicht arbeitslos wurde. Heute hätte sich der alte Mann gewünscht, daß er zu ihm kam und ihm anvertraute, jetzt sei endlich die Zeit gekommen, auch ihn mitzunehmen. Ihn an die Ufer des Styx zu führen, auf daß er Charons Dienste in Anspruch nahm. Doch Gevatter Tod kam nicht.
Bitter lachte der alte Mann in sich hinein.
Was waren das doch für wunderbare Zeiten gewesen ...
Ein Geräusch katapultierte ihn abrupt aus seiner prämitternächtlichen Depression. Das Knistern des Schnees war es nicht, auch kein Ast, der unter der weißen Pracht zusammenbrach.
Schritte waren es. Federgleiche Schritte von fast schwebenden Füßen, die sich durch den Schnee bewegten. Einen Körper tragend, der kaum einsank: elegant, als könne er der Schwerkraft trotzen.
Der alte Mann blickte neben sich ins Leere: dorthin, von wo das Geräusch gekommen war. Seine Augen mochten nicht mehr glühen, dennoch stellte die Dunkelheit kein Problem für sie dar.
Mehrere hundert Meter Luftlinie entfernt, auf einem der anderen Hügel, direkt am Waldrand, entdeckte er eine Gestalt. Ein Mädchen! Neun oder zehn Jahre alt schätzte er, höchstens. Gekleidet in ein schwarzes, weites Gewand, schwarze Kniestrümpfe und schwarze Schuhe. Auch ihr schulterlanges, glattes Haar war schwarz, durchzogen von einem myriadenhaft-bezaubernden Blauschimmer.
- Und sie hatte die finstersten Augen, die er je die Freude gehabt hatte zu erblicken! Nicht stumpf, sondern leuchtend, fast übermütig. Zwei turmalinerne Edelsteine - erfüllt von purer Energie.
Zu seiner grenzenlosen Freude entdeckte er darin sogar einen Funken Hochmut ...
Längst hatte das Mädchen mit ihren schwarzbemalten Lippen auf ihrer aschfahlen, samtenen Haut ihn entdeckt; sie sah direkt in seine Richtung, starrte ihn an wie ein Fossil, das nicht hierher gehörte. Ihre unbestechlichen Augen durchdrangen die Dunkelheit ebenso mühelos wie die seinen. Abwartend hielt sie die Hände vor den Körper, als erwarte sie, daß der erste Schritt von dem alten Mann kam.
Mehr als ein müdes Lächeln hatte er ihr nicht zu bieten.
Jetzt sah er auch die anderen Kinder, die hinter dem Mädchen aus dem Schutz der Bäume hervortraten. Es mochten zehn oder elf sein, vielleicht auch mehr, falls sich weitere im Schatten des Waldes verborgen hielten. Jungen und Mädchen, durchweg Kinder und in Schwarz gekleidet mit heller Haut, schwarzem Haar und Augen, in denen das pulsierende Leben hemmungslos brandete und bis zu ihm hinüber brandete.
Ein Ausdruck von Selbstgerechtigkeit lag um die Mundwinkel der Kinder begraben; gerade in dieser Nacht der Wintersonnenwende, wo sie aus allen Teilen der Welt hierher gefunden hatten, wurden sie sich ihrer Herkunft und der Tatsache bewußt, sie waren es, die ganz oben an der Spitze der Evolution standen.
Das Winterherz des alten Manns begann ein wenig schneller zu schlagen, als er die Brut in ihrer sinistren Pracht beobachtete. Ihre Kraft, ihr Ungestüm und ihr Hunger ließen ihn tonlos seufzen. Sie erinnerten ihn - an sich selbst!
Vor langer, langer Zeit ...
Wie auf Kommando, als bestehe nicht nur ein unsichtbares Band zwischen den Kindern, sondern telepathischer Kontakt, sahen sie zu ihm hinüber. Jeder von ihnen wußte, wer er war, was er war. Es gab keine Geheimnisse, weder für sie, noch für ihn. Ihre Blicke, ihre Gesten und ihre flüsternden Stimmen drangen an sein Ohr wie die Echos seiner eigenen Seele.
Sie berührten ihn tief, drangen in sein Innerstes vor und brachen es auf. Aufrichtig luden sie ihn ein, sich ihnen in dieser Nacht, die sich nur einmal im Jahr wiederholte, anzuschließen.
Damit erreichten sie exakt das Gegenteil.
Wie vieles konnten sie von ihm lernen. Er konnte ihnen von Dingen erzählen, die sie sich kaum zu erträumen mochten. Geschichten aus vergessenen Zeiten, die sie bestenfalls vom Hörensagen kannten, nicht jedoch aus den realistischen Erzählungen eines Augenzeugen. Dem versunkenen Kontinent Atlantis ... Vom Absturz der Kometenfragmente im Mittelmeer ... Den Kreuzzügen ... Da Vincis Kunst ... Hitlers Haß ... Er konnte ihnen ein Lehrer sein, der Lehrer, den er sich selbst einst gewünscht hätte.
Ihre Stimmen wurden zu einem monotonen Singsang, vermischten sich. Sie riefen nach ihm. Ihre Gesten waren einladend, und ihre kohleglühenden Blicke Offerten, denen sich niemand entziehen konnte.
Niemand - außer ihm.
Stoisch war sein Kopfschütteln, so schwach, daß es jemand ohne die hypersensiblen Sinne der Nächtlichen nicht bemerkt hätte. Gleichzeitig jedoch auch so entschieden, felsenfest unumstößlich, daß er für keinen Preis auch nur um einen Deut von seinem Standpunkt abgewichen wäre.
Das Flüstern erstarb abrupt; sie wußten, so verheißungsvoll es auch gewesen wäre, sie konnten ihn nicht umstimmen. Seine Meinung ließ sich nicht ändern, deshalb verzichteten sie darauf, es weiter zu versuchen. Ihre Hände legten sich an die Körper, dann wandten sie sich ab und verschwanden mit langsamen, federgleichen Schritten und gesenkten Schultern im Wald.
Sanftes Lächeln umspielte die Mundwinkel des alten Mannes. Er wußte nicht, wie die Kinder die Wintersonnenwende feiern würden, doch er ahnte, ihr Fest würde kaum anders aussehen als die, die er einst mit seinen Freunden und Geschwistern begangen hatte. Ein Scheiterhaufen, wild züngelnde, hohe Flammen, Musik von Flöten, Geigen und einem Spinett, Räucherwerk, ausgelassene Tänze und ein Mensch, den man an einen Stamm gefesselt hatte - das Blutmahl! In dessen lebendigen, vor Todesangst verkrampften Leib sie am Höhepunkt des Rituals ihre Zähne schlagen würden, wenn sie vor Tanz, Drogen und Lust kaum noch Herren ihrer Sinne waren.
Auch das war lange Vergangenheit. Wunderschöne Zeiten, die nie mehr wiederkehrten.
So verlockend ihm auch der Gedanke erschien, der neuen Generation Lehrer zu sein, darin einen neuen Lebenszweck zu finden, für den es sich zu leben lohnte - er wußte, seine Zeit war definitiv vorüber.
Er wartete auf den Sonnenaufgang ...

erstellt am 07.01.06 15:21
Aus

Liebes Tagebuch,

zu meinem vierzigsten Geburtstag hat mir meine Liebste eine Woche mit einem persönlichen Trainer geschenkt. Dabei bin ich ja noch top in Form! Immerhin habe ich mit 20 ja Fußball gespielt, aber ein bisschen Bewegung wird ja auch ganz nett sein. Ich habe mit dem Trainingscenter telefoniert und einen Termin mit meinem persönlichen Trainer gebucht.
Ich habe mich für Linda entschieden, die, neben der Tätigkeit als persönliche Trainerin, Leiterin eines Aerobic-Kurses ist und auch Modell steht für Bademoden. Sie ist auch der Grund dafür, weshalb ich dies hier schreibe, denn sie hat mich gebeten, ein Tagebuch zu schreiben, damit ich meine Fortschritte besser verfolgen kann.

Montag geht\'s also los...


Montag

Ich bin um 06:00 Uhr aufgestanden. Das war schon ein bisschen schwer, so früh aufzustehen, aber als ich bei dem Trainingscenter angekommen war, wurde es sehr viel leichter: Linda ist phantastisch!

Sie ist blond, hat wunderschöne blaue Augen und ein gewinnendes Lächeln. Wir begannen mit einem Rundgang auf der Anlage. Linda zeigte mir die Geräte und das erste, was ich machen durfte, war, auf dem Laufband zu laufen. Nach 5 Minuten nahm sie meinen Puls und machte einen beunruhigten Eindruck, weil dieser ihr zu hoch war. Was sie nicht begriffen hatte war, dass ich ja nur ihretwegen einen solchen Puls hatte. Immerhin stand sie ja ganz in meiner Nähe mit ihrem figurbetonenden Lycra-Outfit. Sonst bin ich ja in Topform!
Danach machten wir sit-ups und Linda feuerte mich immer wieder zu Höchstleistungen an, obwohl mir mein Bauch vom Einziehen schon seit unserem Treffen an der Rezeption weh tat. Nach unserer Trainingseinheit schaute ich ihr noch bei ihrem Aerobic-Kurs zu und genoss die Geschmeidigkeit in ihren Bewegungen. Ich finde, sie macht diesen Job genauso gut wie den mit mir.
Dies wird eine PHANTASTISCHE Woche werden!


Dienstag

Ich brauchte heute Morgen zwei Kannen Kaffee, um aus dem Bett zu kommen, aber dann war ich endlich aus der Tür und auf dem Weg zu dem Trainingscenter.
Linda zwang mich, mich auf den Rücken zu legen und eine schwere Eisenstange in die Luft zu drücken, dann legte sie auch noch Gewichte darauf!
Auf dem Laufband fühlten sich meine Beine wie Spaghetti an, aber ich schaffte einen ganzen Kilometer. Das Lächeln, welches ich dann von Linda geschenkt bekam, wog aber alle Mühen wieder auf!
Ich fühle mich toll!
Dies ist der zweite Tag in meinem neuen Leben!


Mittwoch

Ich habe heute morgen versucht, die Zähne zu putzen, aber das geht nur, wenn ich mit dem Kopf auf der Zahnbürste liege und den Mund hin und her bewege.
Ich glaube, ich habe mir einen Muskelriss in den Brustmuskeln zugezogen.
Ich konnte auch Autofahren, wenn ich nicht gerade gelenkt oder gebremst habe. Heute habe ich auf dem Behindertenparkplatz der Anlage geparkt.
Linda war heute etwas unsensibel und behauptete, dass meine Schreie die anderen Trainierenden stören würden. Ich habe entdeckt, dass ihre Stimme etwas zu forsch ist für solch frühe Trainingseinheiten, und wenn sie schreit, bekommt ihre Stimme so einen nervigen nasalen Ton. Ich bekam Schmerzen in der Brust, als ich wieder auf das Laufband sollte und musste daher auf den Stepper gehen.
Wer zum Teufel erfindet ein Gerät, welches eine Bewegung simuliert, die seit der Erfindung des Aufzugs überflüssig geworden ist? Linda sagte irgendwas davon, dass es mir helfen würde, in Form zu kommen und meine Lebensqualität steigern solle.
Sie labert auch sonst viel Mist.


Donnerstag

Linda wartete mit ihren Vampirzähnen und mit einer Miene, die ein Lächeln darstellen sollte, aber ihre schmalen Lippen sagten alles.
Dabei konnte ich nichts dafür, dass ich eine halbe Stunde verpätet war, immerhin habe ich 20 Minuten dafür gebraucht, mir die Schuhe zuzuknoten!
Linda zwang mich, mit Hanteln zu trainieren.
Als sie mal wegschaute, nutzte ich die Chance und versteckte mich in der Herren-Umkleide. Sie schickte einen Trainer, um mich wieder heraus zu holen. Zur Strafe setzte sie mich auf die Rudermaschine - ich habe sie versenkt.


Freitag

Ich hasse dieses Weibsstück! Linda ist das widerwärtigste Wesen, welches jemals -JEMALS- das Licht dieser Welt erblickt hat!
Sie ist eine durchgeknallte, unerotische kleine Aerobic-Schlampe. Wenn ich auch nur irgend einen Teil meines Körpers ohne diese furchtbaren Schmerzen bewegen könnte, ich würde sie damit schlagen! Linda wollte, dass ich mit meinem Trizeps arbeite.
ICH HABE KEINEN TRIZEPS! Und wenn sie keine Dellen in ihrem Fußboden haben will, dann darf sie mir auch keine Hanteln geben oder andere Gegenstände, die schwerer als ein Sandwich sind. (Ich bin überzeugt, dass sie das auf der Sadistenhochschule gelernt haben - sie hat bestimmt mit Auszeichnung den Kurs \'Zufügen von Schmerzen\' abgeschlossen). Das Laufband hat mich abgeworfen und ich bin auf einem Ernährungsberater gelandet. Ich wünschte mir, es wäre jemand Weicheres gewesen.


Samstag

Linda hinterließ heute Morgen eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter, mit dieser ekeligen, forschen und nasalen Stimme. Sie wunderte sich, warum ich nicht gekommen bin. Als ich ihre Stimme hörte, hätte ich ja am liebsten den AB mit dem erst besten Gegenstand zerschlagen, aber ich habe nicht einmal die Kraft, die Tasten auf der Fernbedienung zu drücken.
Ich habe ein finnisches TV-Programm angesehen, elf Stunden lang.


Sonntag

Ich bin mit dem Fahrdienst zur Kirche gefahren und habe Gott dafür gedankt, dass diese Woche vorbei ist.
Ich habe auch dafür gebetet, dass meine Frau mir nächstes Jahr ein lustigeres Geschenk macht.
Eine Wurzelbehandlung zum Beispiel, oder eine Darmspiegelung ...



Männer! :-))))
Mad Mike antwortet:
Ist das dein Text, Refo? Ansonsten stell bitte einen Löschantrag!


erstellt am 11.01.06 15:07
Aus gegebenem Anlass

Ihr wisst, was "Copyright" ist? Das Recht am eigenen Text, Ton oder Bild. Früher wurde das recht lax gehandhabt, aber in letzter Zeit gehen schmier... äh, findige Anwälte geradezu auf Jagd nach Urheberrechtsverletzern. Und weil der jeweilige Forenbetreiber verantwortlich für die Inhalte zeichnet, wird er dann auch zur Kasse gebeten.

Darum: Postet hier im (gesamten) Forum nur eure eigenen Sachen, an denen IHR das Copyright besitzt! Kennzeichnet es ggf. mit "(c) euer Name". Alles andere müssen wir leider löschen, sonst kommen wir in Teufels Küche!

Damit sind natürlich nicht die normalen Postings gemeint, sondern nur kopierte Texte wie Parodien, Lieder, Gedichte, etc. Textwitze - sofern nicht anders gekennzeichnet - sind Allgemeingut, kurze Zitate dürfen mit Quellenangabe gemacht werden. Ich danke für euer Verständnis.

PS: Den "Adventskalender" habe ich gleich gelöscht. Erstens enthielt auch er fremde Texte, zweitens ist der Advent lange vorbei.

erstellt am 11.01.06 18:00
@Mad Mike

Genau so war das hier ja auch angedacht - eigene Texte (die BASTEI wieder einmal nicht haben wollte ... hüstel ...).

Also bitte - schreibt, wenn Ihr mögt - aber eigene Texte sollten es schon sein. Mike hat da vollkommen Recht.
Man wird schnell sehen, ob das hier genutzt wird. Wenn nicht - war ja nur eine Anregung durch mich ...
Gruß - Volker

erstellt am 12.01.06 13:33
@ MM:

Schade, daß der Adventskalender gelöscht wurde.
Unter diesem Aspekt betrachtet, hast du allerdings Recht.
Sobald die Gefahr von Copyrightverletzungsklagen droht, muß eingeschritten werden.

Vielleicht tragen ja alle, die den Adventskalender mit eigenen Texten gefüllt haben, diese auch hier ein ...?

erstellt am 13.01.06 08:44
Hab das auch erst jetzt gesehen!

Wie stell ich einen Löschantrag???????

Hatte über meinem Beitrag auch erst "Aus dem Internet geklaut" stehen. Weiß gar nicht, wo das abgeblieben ist!

erstellt am 13.01.06 09:05
O.K.!

Hab\'s hingekriegt!

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