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Thema: Noch ein Märchen
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erstellt am 21.04.15 18:19
Die T;cken einer Frostbeule.

(ein Versuch ;ber sich selbst zu lachen)

Gepriesen sei der, der die Handschuhe erfunden hat. Die Handschuhe! Sie sind schon oft in der Geschichte der Menschheit gepriesen und besungen worden! Und das mit Recht! Die Handschuhe bringen die Frauenh;nde so damenhaft zur Geltung und stehen immer “ihren Mann,” wenn es darum geht, die Ehre einer Dame zu verteidigen. Und vor allem bei kaltem Wetter tun die Handschuhe immer ihren Dienst. Darum ;berlegt nicht lange und kauft euch Handschuhe jeder Art, die gelobt und gepriesen werden in alle Ewigkeit! Ihr werdet es nie breuen. So lautete der farbenpr;chtige Werbung eines Kurzwarenladens auf einem gro;en Bild. Das Plakat hing ;ber dem Bett eines Mannes, der mit sich selbst und der Welt zufrieden um diese fr;he Mordenstunde in den Federn kuschelte. Der Mann dachte vertr;umt an den wundersch;nen Abend, den er gestern mit seiner Freundin im Gebirge verbracht hatte. “Wie schnell war sie den steilen Hang runter gesaust,” scho; ihm durch den Kopf. Beim Gedanken an dieses Erlebnis stockte ihm fast der Atem. Es schien, als kriegte er keine Luft mehr. “Und wie sch;n sie lachen konnte,” dachte der Mann. “ Naja, heute fahren wir wieder ins Gebirge,” sagte er sich, “und dort, ganz hoch oben, werde ich ihr einen Heiratsantrag machen.” “ Feins Liebchen, du mu;t mir nicht barfu; gehn,” summte der Mann vor sich hin und drehte sich auf die andere Seite. “ Regina, meine sch;ne Regina, ich liebe dich so sehr und ich werde dich zur K;nigin der schneebedeckten Berge machen.” Das war sein letzter Gedanke, dann fielen ihm die Augenlider zu. Doch kaum war er eingeschlafen, da kamen sie schon wieder: Handschuhe! Ein ganzer Schwarm war jetzt hinter ihm her! Ein Schwarm von Handschuhen! Und jedes Handschuhpaar streckte seine ledernen Finger nach ihm aus und rief, jaulte, ja, jedes Handschuhpaar flehte ihn an: ‘Kaufe mich, du wirst es nie bereuen.” Der Mann wehrte sich aus Leibeskr;ften, aber nichts half: Dieses vielh;ndige und vielfingrige Ungeheuer drohte ihn zu verschlucken. Immer wieder trafen diese ledernen Finger sein Gesicht. Der Mann schrie und st;hnte konnte aber nichts dagegen tun. Pl;tzlich ri; ihn eine lederne Hand mit aller Kraft zu sich. Der Mann schrie laut auf und erwachte. “Es war ein b;ser Traum,” dachte er und sah das farbige Werbeplakat ;ber seinem Bett: “Kauft unsere Handschuhe! Ihr werdet es nie bereuen!” “Immer kommen sie mit ihrer bl;den Werbung,” dachte der Mann, “aber ich brauche keine Handschuhe, ich habe keine Angst vor dem Frost.” Dann ging er ins Bad, wusch und rasierte sich, und zog sich an. Als er wieder ins Zimmer zur;ckkehrte, ging er an die Wand, wo das Plakat ;ber seinem Bett hing, und ri; es ver;rgert herunter. Dann kn;llte er es zu einem m;chtigen Papierball zusammen und warf diesen im gro;en Bogen auf den Korridor hinaus. Mit einem dumpfen Sto; landete die so einst pr;chtige Werbung im Eimer… Die Stimme des Herrn Frost war heute besonders rauh. Grimmig sah er seine Dienerschaft an – die gro;en und kleinen Frostbeulen, die sich um ihren so kaltherzigen, doch manchmal auch so starken Herrn scharten. “ Ihr Faulpelze,’ schimpfte Herr Frost mit seiner klirrenden Stimme, “ ich schicke sie schon so lange auf die Jagd nach Menschen und Tieren, aber sie bringen immer weniger Beute mit nach Hause. Warum seid ihr denn so faul geworden? Warum k;nnt ihr euch ;berhaupt in nichts und niemmanden mehr hineinfressen, sind euch etwa alle Z;hne ausgefallen? Warum ersticken sie sofort in den dicken Pelzen und Schals, die sich die Menschen anziehen? Ihr Schw;chlinge! Ich werde sie alle fortschicken und mir andere Diener suchen, ich brauche euch nicht mehr.” Sogar die dicksten und erfahrensten Frostbeulen zitterten vor K;lte, die von dieser, ihnen so vertrauten Stimme ausging. Sie wu;ten doch, da; der Alte doch recht hatte, aber sie konnten nichts daf;r.
Die Menschen waren wirklich kl;ger geworden. Sie zogen sich immer dicke Sachen an und lie;en den Frostbeulen keine Chance, sie zu ;berfallen. “ Herr Frost,” lie; sich pl;tzlich eine Stimme h;ren, “ lassen Sie mich heute auf die Jagd gehen, ich wette, ich werde heute eine gute Beute mitbringen, denn heute l;uft einer ganz ohne Handschuhe herum, ich habe eine Nase daf;r.” Der Alte schmunzelte in seinen Bart. “ Du bist noch klein, mein Liebling,” sagte er k;hl, “ aber ich seinen glaube dir, denn ich wei;, da; auf dich immer Verla; ist…” Nachdem der Mann Kaffee getrunken hatte, setzte er sich noch in den Sessel und wollte zum Fenster hinausschauen. Da dieses aber gerade mit vielen dicken Eisblumen bedeckt war, konnte er selbstverst;ndlich nichts erkennen. M;rrisch sah er die seltsamen Eisblumen an und hatte einen Augenblick das Gef;hl, seine Handschuhe mitnehmen zu m;ssen. Doch dann vertrieb ihm der Gedanke dar;ber, da; er doch gar keine Angst vor dem Frost h;tte und dazu die Erinnerung an Regina, die sich auf ein Wiedersehen mit ihm nat;rlich freuen w;rde, voll und ganz die Angst, und er verlie;, fr;hlich ein Liedchen vor sich hin pfeifend, das Haus. W;hrend der Mann die Treppen zum Ausgang hinunterging, lagen seine alten guten Handschuhe ganz tief unter vielen anderen Sachen im Einbauschrank vergraben und zerflo;en in Leder – Tr;nen:
“ Bitte, zieh uns doch an, du wirst es nie bereuen…!” Einen Augenblick hatte die kleine Frostbeule das Gef;hl gehabt, gerade heute Pech zu haben. Sie h;pfte geschickt von einem Baumast zum anderen und sp;hte mit ihren winzigen ;uglein auf die zu dieser Morgenstunde fast menschenleere Strass;e herunter. Es war noch sehr still, und die einzelnen Passanten, denen sie bisher begegnet war, waren alle in dicke Pelze geh;llt. Auch liefen all diese Menschen viel zu schnell, und die hurtige kleine Frostbeule konnte mit ihnen nicht Schritt halten. Die kleine “Jagdlustige” h;tte vor Verzweiflung weinen k;nnen, wenn sie nur an die k;hle Stimme ihres Herrn dachte: “ Faulpelze, ich brauche sie nicht mehr.” Bald aber hatte sie auch schon den Mann bemerkt, der ohne Handschuhe so daher ging, und dessen Gesicht vor Gl;ck und Freude strahlte. Die Frostbeule legte sich auf einer Stra;enlaterne auf die Lauer. Als der Mann die Strass;enlaterne erreichte, sprang sie unbemerkt auf den Pelzkragen des Mannes herunter und zupfte ihn am linken Ohr. “Hallo,” rief sie dabei triumphierend.
Der Mann machte “O weh” und deckte das Ohr mit der Hand zu, doch darauf schien die Frostbeule nur gewartet zu haben. “Knack, knack, knack,” sprang sie von einem Finger auf den anderen, bis sie sich an dem kleinen Finger festklammerte und gleich darauf kra;ftig hineinbi;. Die H;nde des Mannes
waren z;rtlich, beinahe damenhaft. Das Fingerfleisch schmeckte gut, die Frostbeule freute sich:” Hallo!” Sie hatte ihre Beute erlegt…
Der Mann st;hnte und kr;mmte sich vor Schmerzen. Er mu;te unverrichteter Dinge nach Hause zur;cklaufen. “ Meine arme Regina,” h;mmerte es ihm in den Schl;fen, “was wird sie denken?” aber der furchtbare Schmerz hatte inzwischen auch diesen letzten Gedanken an seine Geliebte verdr;ngt. “Mein armer kleiner Finger,” dachte er nur, “er tut mir so weh.” Auch in der Nacht
konnte er keinen Schlaf finden, Wer war dieser kleine B;sewicht, der in seinem Finger sa; und daran unaufh;rlich nagte? “Wer bist du?” schrie er, ganz au;er sich vor Kummer, “warum tut es mir so schrecklich weh?” “Ich hei;e Frostbeule,” rief die kleine Spionin schadenfroh aus, “ich freue mich, Sie kennengelernt zu haben, junger Herr. Ihr Finger schmeckt vortefflich, hallo!”
In der Nacht wurde der kleine Finger Schwarz. So mu;te der Mann am anderen Morgen in die Klinik zum Chirurgen gebracht werden… “Herr Skalpell” hatte schon lange in seinem Beruf gearbeitet, aber auch er war leicht erschrocken, als er den ganz schwarzen Finger des Mannes sah. “Ja,” sagte er und r;mpfte seine spitze Nase, “jetzt hei;t es wieder Frisch ans Werk. Der Finger mu; abgeschnitten werden…” Heute lebt der ungl;ckliche “Abenteuersucher” wieder zuhause. “Herr Skalpell” hat seine Sache gut gemacht und heute lernt der Mann viele Dinge auch ohne den kleinen Finger zu verrichten. Seine liebe Regina hat
ihm den Verrat an Fr;ulein Frostbeule l;ngst verzeihen und den jungen Mann geheiratet. Oft geht das Paar an einem sch;nen Wintermorgen spazieren. Selbstverst;ndlich hat der Mann nun immer seine warmen Handschuhe an. jetzt kann ihm keine Frostbeule mehr etwas antun. Und nur manchmal, an den langen Winterabenden, kommt der Schmerz im Fingerstummel auf und erinnert den Mann daran, da; die t;ckische Frostbeule einst daran genagt hatte. Aber Regina ist immer dabei und sie wei;, diesen Schmerz zu lindern. Und im Schlafzimmer, ;ber dem Bett des gl;cklichen Paars h;ngt wieder ein nagelneues farbenpr;chtiges Wrbeplakat: “Gepriesen sei der, der die Handschuhe erfunden hat.”
Geschrieben auf einer Datsche bei Moskau, an einem hei;en
Junitag – 98

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