23.09.2018, 22:59 Uhr

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Band 2377
Erschienen am 18.09.2018
Feuerkopf
Geschrieben von G. F. Unger

Müde, steif und halb verdurstet von der langen Reise verlässt Kate Overmile die Postkutsche, und sofort verspürt sie die sengende Glut der Sonne. Kates grüngraue Augen werden so schmal wie die einer Katze. Dann bläst sie eine dunkle Locke aus ihrer Stirn und richtet sich noch straffer auf.
Langsam, aber mit der stolzen Haltung eines selbstbewussten Mädchens, geht Kate quer über den Hof zum Brunnen. Geschickt lässt sie die hölzerne Schöpfkelle hinunter und holt sich frisches Wasser herauf. Es kommt ihr sehr kühl und frisch vor - und doch ist es ziemlich lau. Sie trinkt langsam und bedächtig.
Kate sieht zum äußersten Ende der Haltestange. Dort steht ein sehr großes und sehr hässliches Pferd. Es steht etwas abseits von den anderen Tieren. Sein linkes Ohr ist verstümmelt. Oh, denkt sie, das ist wahrlich ein einsamer Wolf unter seinen Artgenossen. Wie mag sein Herr aussehen? Was für ein Mann besitzt dieses Tier? Fast verspürt sie den Wunsch, in die Schänke zu gehen und dort nach dem Reiter zu fragen. Aber das geht nicht. Sie trinkt noch einmal und stellt dann die Schöpfkelle auf den Brunnenrand. Im selben Moment hört sie Hufschläge.
Zwei Reiter kommen in den Hof geritten und halten auf die Lücke zu, die zwischen dem grauen Wallach und den anderen Pferden ist. Ihre scharfen Augen ruhen einen Moment auf dem Mädchen, schweifen dann in die Runde.
Als der eine Reiter dicht an der Hinterhand des narbigen Wallachs vorbeireitet, schlägt dieser ohne jede Warnung aus. Dabei sieht es so aus, als wollte er das fremde Pferd gar nicht treffen - nur warnen, nicht in seine Nähe zu kommen. Das erschreckte Tier steigt sofort hoch, wiehert schrill und macht einen Satz zur Seite. Der Reiter hat schon einen Fuß aus dem Steigbügel genommen, denn er will in der nächsten Sekunde absitzen. Nun wird er durch den jähen Satz des Pferdes abgeworfen und landet im Staub ...


Band 2378
Erscheint am 25.09.2018
Viele Hügel
Geschrieben von G. F. Unger

Der Lebensweg eines Mannes gleicht oft dem Lauf eines Flusses. Beide werden irgendwo geboren und suchen sich nur zögernd ihren ersten Weg. Und sie wachsen ständig. Irgendwann ziehen sie beide ihre Bahn, überwinden Hindernisse - oder erliegen.
Aber es gibt viele Flüsse, und keiner gleicht dem anderen. So ist es auch bei den Männern.
Der Lebensweg eines Mannes kann ruhig, friedlich und sanft verlaufen wie der Lauf eines ruhigen und stillen Flusses, dem sich nichts entgegenstellt und dessen Ende das große Meer ist.
Doch der Weg eines Mannes kann auch anders sein - wie der eines wilden Flusses, der brausend aus den Bergen kommt, sich in tiefe Schluchten stürzt, alle Hindernisse überwindet und beiseitestößt, immer größer und mächtiger wird, sodass er kleinere Flüsse in sich aufnimmt und mitzieht in seinem Sog.
Ja, so kann der Lebensweg eines Mannes sein. Es braucht am Anfang nur eine Kleinigkeit zu geschehen - und schon ist es entschieden, ob der Weg eines Mannes friedlich und sanft oder wild und kämpferisch verlaufen wird.
Es ist der 21. Oktober 1868 in Texas am Brazos River, als der noch sehr junge Daniel Slater als letzter Mann der großen Mannschaft von der Sommerweide und dem Herbst-Round-up heimkehrt zum Hauptquartier der mächtigen Skull Ranch. Daniel ist kaum zwanzig Jahre alt. Er reitet langsam in den großen Ranchhof und grinst vergnügt bei dem Gedanken an die kommenden Stunden ...


Band 2379
Erscheint am 02.10.2018
Der letzte Ritter
Geschrieben von G. F. Unger

Ich war damals auf einem der großen Dampfboote den Mississippi heruntergekommen. Eigentlich hatte ich mal den Golf von Mexiko sehen wollen, doch ich kam nur bis New Orleans.
Gegen drei Uhr - also etwa eine Stunde vor Morgengrauen - verließ ich eines der vielen Tingeltangel an der Uferstraße.
Ich ging zu einer kleinen Landebrücke, an der kein Schiff lag. Von diesem Platz aus konnte ich den ganzen Flusshafen überblicken.
Unter den Planken der Landebrücke plätscherten die Wellen. Und auf einmal war es mir, als wäre das Stöhnen eines Menschen zu hören. Aber dann war ich wieder sicher, dass es die Planken und Pfähle waren, die unablässig knirschten, rieben und knarrten.
Doch plötzlich kamen zwei Männer am Ufer entlang und zu mir auf die Brücke. Ich begriff schnell, dass es keine Müßiggänger waren, die wie ich in der linden Nacht die Lichterpracht des Hafens bewundern wollten.
Sie kamen zu mir und starrten mich im Mond- und Sternenlicht an. Ich fragte ruhig: »Nun, Freunde, was soll's denn sein?«
Aber sie wandten sich schon wieder ab.
»Ach, rutsch uns doch mal den Buckel runter ...«, hörte ich einen von ihnen knurren ...




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