Leseprobe aus "Der Notzarzt"

Diese Leseprobe stammt aus „Der Notarzt“ Band 37

Carina – für immer unvergessen
Dr. Kersten und das Schicksal einer jungen Heldin

Sie wusste es schon, als sie die Bank erreichte, an der Ali und sie sich bei gutem Wetter immer trafen.
Heute war eindeutig gutes Wetter, auch wenn der Main noch immer recht wild und reißend aussah, weil es so viel geregnet hatte in den vergangenen Wochen. Aber unter dem strahlend blauen Himmel, der sich heute erneut über Frankfurt wölbte, wirkte selbst das schlammig braune Wasser nicht mehr ganz so trüb wie in den letzten Tagen.
Ali war wieder nicht gekommen. Sie setzte sich trotzdem auf die Bank und versuchte, sich einzureden, dass er sich vielleicht heute, anderes als am Tage zuvor, einfach nur ein bisschen verspätet hatte. Aber das war noch nie vorgekommen, und tief in ihrem Herzen wusste sie, dass es auch heute nicht der Fall war.
Eine blonde junge Frau mit einem kleinen Jungen lief an ihrer Bank vorbei. „Vorsichtig, Clemens!“, rief sie. „Geh nicht zu nah ans Wasser!“
Der kleine Junge aber war offenbar weniger am Wasser als an den Enten interessiert, die sich aufgeregt schnatternd und quakend um das Brot balgten, das eine alte Frau ihnen aus einer Tüte zuwarf. „Da, da!“, rief er aufgeregt.
Vorübergehend ließ sich Carina ablenken von ihren traurigen Gedanken. Wie war der Kleine niedlich! Er konnte bestimmt noch nicht lange laufen, denn er blieb zwischendurch immer wieder stehen, als müsse er noch einmal darüber nachdenken, wie er seine Beine bewegen musste, um vorwärts zu kommen.
„Ja, da sind die Enten!“, rief seine Mutter. „Gleich können wir sie füttern.“
Sie lächelte Carina im Vorübergehen zu, und Carina erwiderte das Lächeln. Was für ein Glück, dachte sie, so ein niedliches Kind zu haben. Wahrscheinlich hat sie auch noch einen unheimlich netten Mann, und sie bekommen in den nächsten Jahren noch ein paar Kinder ... Irgendwie schmerzten sie diese Gedanken, und sie versuchte, sich anzulenken. Ein gut aussehender Mann kam jetzt vorbei, dem der kleine Junge unversehens vor die Füße lief. Sofort kam seine Mutter herbeigelaufen und entschuldigte sich vielmals.
Erstaunt sah Carina, dass der gut aussehende Mann nun anfing, heftig zu flirten und dass die Mutter des Jungen bereitwillig darauf einging. Vielsagende Blicke flogen hin und her, und das Lachen der jungen Frau klang eine kleine Spur zu laut.
Vielleicht hat sie doch keinen furchtbar netten Mann zu Hause, dachte Carina. Oder sie flirtet mit jedem, das gibt’s ja auch. Ihre Blicke glitten zu dem kleinen Jungen, der offenbar begann, sich zu langweilen und sich ein paar Schritte von seiner Mutter entfernte. Er wackelte zu den Enten hinüber und starrte sie verzückt an. Seine Mutter und der Mann unterhielten sich weiterhin.
Der kleine Junge machte noch zwei Schritte auf die Enten zu, und unwillkürlich setzte sich Carina kerzengerade hin. Er war noch so klein und so wackelig auf den Beinen!
Sie wollte gerade einen Warnruf ausstoßen, aber im selben Augenblick war es auch schon passiert: Der Kleine machte einen Schritt zuviel und fiel ins Wasser. Gleich darauf war er schon verschwunden.
Carinas Lähmung dauerte höchstens einige Sekunden. Die Mutter des Kleinen hatte noch nicht einmal bemerkt, was passiert war, als Carina auch schon, ohne zu zögern, ins Wasser gesprungen war. Sie hatte völlig vergessen, dass sie sich nicht überanstrengen durfte, nur noch der Gedanke an das Kind trieb sie vorwärts.
Das Wasser war kälter, als sie gedacht hatte – und die Strömung war bedeutend stärker als erwartet. Einige Meter vor ihr tauchte der reglose Körper des Kindes auf, und sie schwamm mit kräftigen Zügen auf ihn zu, merkte aber zugleich, dass ihr Herz auf die ungewohnte Anstrengung mit schmerzhaftem Klopfen reagierte. Zugleich bekam sie nur noch schwer Luft, und sie spürte, wie sich Panik in ihr ausbreiten wollte, aber sie zwang sich zur Ruhe. Vor ihrer Krankheit war sie eine hervorragende Schwimmerin gewesen, im letzten halben Jahr jedoch war ihr fast jegliche körperliche Betätigung verboten gewesene und das merkte sie jetzt. Es gelang ihr dennoch, mit äußerster Anstrengung das Kind zu fassen und seinen Kopf aus dem Wasser zu heben.
Mittlerweile hörte sie auch aufgeregtes Geschrei vom Ufer her, aber sie nahm es nur nebenbei war. Die Aufgabe, die jetzt vor ihr lag, erforderte noch einmal all ihre Kräfte und ihre ganze Konzentration: Es musste ihr gelingen, mit dem Kind zurückzuschwimmen. Sie waren nämlich mittlerweile mehrere Meter
vom Ufer entfernt. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Strömung an, die sie mit sich reißen wollte. Der Main war nicht sehr tief, aber niemals hätte sie gedacht, dass man eine solche Kraft entwickeln musste, um sich ihm entgegenzustellen. Außerdem hatte sie nun den Eindruck, als entfernte sich das Ufer von ihr, statt dass es näher kam. Vielleicht aber lag das auch daran, dass ihre Kräfte nun rapide nachließen. Aber ich
muss zum Ufer, dachte sie. Sonst ertrinken wir beide! Nur kurz kam ihr der Gedanke, das Kind einfach loszulassen und sich allein zu retten – allein konnte sie es eher schaffen. Aber der Gedanke war auch schon wieder verschwunden, bevor sie ihn richtig zu Ende gedacht hatte. Er war es nicht wert, sich länger mit ihm zu beschäftigen. Sie würde es schaffen, auch den Kleinen sicher wieder an Land zu bringen.
Mehrere Menschen standen dort und schrieen und riefen, als sie sich, wie ihr schien, Zentimeterweise an das rettende Ufer herankämpfte. Unversehens bekam sie Wasser in den Mund und verschluckte sich. Sie hustete heftig und vergaß dadurch einen Augenblick, weiter in Richtung Ufer zu schwimmen. Sofort wurde der Abstand wieder ein bisschen größer. Ich schaffe es nicht, dachte sie, mein Gott, ich schaffe es nicht. Und dann auf einmal war etwas mit ihrem Herzen, wie ein Stein lag es jetzt in ihrer Brust, und sie fühlte, dass es vorbei war. Sie würde ertrinken, und der kleine Junge mit ihr. Verzweiflung machte sich in ihr breit, und sie hätte gern geweint.
In diesem Augenblick jedoch hörte sie die vertraute Stimme von Herrn Petersen ganz dicht an ihrem Ohr, und sie fühlte ein paar kräftige Arme, die nach ihr griffen.
„Wir haben es sofort geschafft, Carina. Halt bloß den Jungen fest, den Rest mache ich schon!“ Sie hielt den Jungen so fest sie konnte, aber ihre Gedanken verwirrten sich, und ganz allmählich stürzte sie in einen großen dunklen Tunnel. Aber den Jungen ließ sie nicht los, denn wenn sie ihn losließ, dann würde er ertrinken.



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