18.10.2019, 01:03 Uhr

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Leseprobe "Skull-Ranch"

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus unserer Western-Reihe "Skull-Ranch"


Als der Boss kam

von G.F. Unger

...
Es sind nicht irgendwelche Männer, die sich da am Südufer des Cimarron versammelt haben. Es sind Herdenbosse aus Texas, und sie haben mit ihren gehörnten Biestern schon einen langen Treibweg hinter sich.
Dort drüben am Nordufer beginnt Kansas. Vom Cimarron bis zum Arkansas ist es nicht mehr weit. Und am Arkansas liegt Dodge City. In Dodge City aber würden sich die gehörnten Biester aus Texas in blanke Dollars verwandeln.
So ist das.
Eigentlich hätten die Herdenbosse einigen Grund zur Freude haben können, wenn da drüben nicht die anderen Burschen gewesen wären.
Und von diesen anderen Burschen erzählt ihnen jetzt ein Herdenboss, der gestern seine Herde verlor. Sie hören schweigend zu und nicken sogar beipflichtend, als der Mann sagt: "Ihr habt ja vielleicht schon von mir gehört. Ich bin Ned Ballard und nicht gerade eine ängstliche Pfeife. Ich hatte außer meinen dreitausend Longhorns auch eine prächtige Mannschaft. Auf meine Männer konnte ich mich verlassen wie ein Vater auf seine Söhne. Versteht ihr? Wir haben zwölfhundert Meilen Treibweg recht gut geschafft, sind über den Red River und durch das Indianer-Territorium gekommen, haben Stampeden, Schlechtwetter, Durststrecken und all das Übel überstanden. Und dann gerieten wir an diese Hundesöhne dort drüben. Sie haben mich zu euch gelassen, damit ich euch erzähle, wie wenig Sinn es hat, falls ihr mit dem Kopf durch die Wand gehen wollt wie ich."
Er macht eine Pause. Und die anderen Herdenbosse – es ist fast ein Dutzend von ihnen versammelt – schweigen grimmig. Sie spähen über den Fluss. Was sie drüben sehen, macht sie nicht froh. Denn es sind Reiter, viele Reiter. Sie sperren die Furt.
Ned Ballard aber spricht weiter.
Er sagt: "Das sind Buschräuber, einstige Guerillas, die für den Norden kämpften; doch nach der Kapitulation des Südens bei Nashville und Appomattox wurden sie Banditen, wie unsere Guerillas auch. Jetzt haben sie sich was ausgedacht, und ich wette, dass sie dies mit Billigung des Nordens tun. Wir Texaner sollen immer noch bluten, immer noch zahlen und zahlen. Kurzum, Männer, sie verlangen zwei Dollar für jedes Tier, welches über den Cimarron und nach Kansas will. Aber das wisst ihr ja schon, nicht wahr? Deshalb seid ihr ja euren Herden vorausgeritten und zum Fluss gekommen. Was ich euch sagen soll – erzählen und berichten soll! –, ist die Geschichte meiner Niederlage. Denn ich wollte nicht zahlen. Ich trieb die Herde hinüber und wollte kämpfen. Jeder meiner Treiber war ein Texaner. Und jeder wollte es diesen verdammten Schuften zeigen, welche glaubten, uns Texaner mit unseren Stieren aufhalten zu können. Nun, wir zeigten es ihnen. Aber wir verloren die Herde. Ich verlor viele von meinen Männern. Sie wurden in alle Himmelsrichtungen gejagt wie meine Rinder. Ich habe verloren. Für meine Herde nahm ich daheim einen Kredit auf. Jetzt bekomme ich keinen zweiten Kredit mehr für eine zweite Herde. Wenn ich gewusst hätte, wie stark diese Kansas-Guerillas sind, wie hart und entschlossen sie zuschlagen, so hätte ich zwei Dollar für jedes Tier gezahlt. Jawohl! Sie hätten einen Schuldschein von mir bekommen, der sie berechtigt hätte, vom Käufer meiner Herde zuerst zu kassieren. Nun, jetzt wisst ihr alles! Und was werdet ihr tun? Zahlen oder kämpfen?"
Er verstummt heiser nach seiner – für einen Texaner – langen Rede. Und er starrt von einem seiner Zuhörer zum anderen, blickt in all diese scharfen und harten Gesichter, die so sind wie seines.
Die Herdenbosse sitzen noch auf ihren Pferden. Das sind sie ja nun schon seit vielen, vielen Wochen gewöhnt. Ihr Leben spielt sich fast nur noch im Sattel ab. Oft schliefen sie sogar reitend im Sattel Minutenweise unterwegs auf dem Trail. Und ihr ganzes Denken drehte sich allein um ihre Herde.
Nun wollen sie sich nicht damit abfinden, dass ihnen hundert oder noch mehr Banditen den Weg nach Kansas versperren. Weil sie Texaner sind, denken sie natürlich zuerst an Kampf. Denn auch sie könnten mehr als hundert Reiter aufbieten. Nur müssten sie von den Herden abziehen. Diese Herden kommen schon ziemlich dicht hintereinander herangezogen. Wenn die Cimarron-Furt eine Weile gesperrt bleiben sollte, so wird es ein böses Durcheinander geben.
Sie könnten also höchstens die Hälfte ihrer Reiter von den Herden abziehen.
Edson Sartuday vom Brazos, ein falkenäugiger Bursche, der mit fünftausend Rindern und drei Dutzend Treibern unterwegs ist, schiebt sich den Hut zurück und wischt mit dem Unterarm über seine schwitzende Stirn.
"Nun, wenn ihr mich fragt", sagt er, "dann reiten wir mit fünfzig oder sechzig unserer Jungens hinüber und jagen sie zum Teufel!"
"Die lassen euch ins Leere stürmen", warnt Ned Ballard. "Das haben sie auch bei mir so gemacht. Die warten dann auf eure Herden. Es ist ja leicht, Longhorn-Herden in Stampede zu versetzen. Glaubt es mir. Diese Hundesöhne wissen genau, dass ihr mit den Herden kommen müsst. Darauf warten sie. Ihr braucht eure Reiter entweder zum Kämpfen oder für die Herden. Beides geht nicht. Ich würde an eurer Stelle zahlen. Aber ich will euch meine Meinung nicht aufdrängen."
Er zieht sein Pferd etwas zur Seite, sodass er an der dichtgedrängten Traube der Herdenbosse vorbei weiter den Uferhang hinauf zu einer Baumgruppe reiten kann.
Einer der Herdenbosse ruft ihm nach: "Heh, wohin willst du, Ned Ballard?"
"Dort zu den Bäumen! Und von diesem Platz aus werde ich dann zusehen. Ja, ich möchte zusehen, ob ihr es besser machen könnt als ich!
Ned Ballards Stimme klingt wild und böse.
Aber das ist verständlich. Er hat gestern seine Herde und seine Mannschaft verloren. Er gleicht einem Schiffskapitän, der sein Schiff mit wertvoller Ladung an Piraten verlor.
Die Herdenbosse schweigen wieder. Sie starren hinüber. Und es geht ein grimmiger und unversöhnlicher Atem von ihnen aus, eine Strömung, welche offensichtlich von den Guerillas drüben gespürt wird.
Denn sie winken hohnvoll, schwingen ihre Hüte und machen einladende Bewegungen.
Den Herdenbossen wird immer klarer, dass sie nicht nur viele ihrer Reiter, sondern auch eine Unmenge Rinder verlieren werden, wenn sie das Kansasufer mit Gewalt erobern wollen.
Aber wenn sie es nicht versuchen wollen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: den geforderten Preis zahlen oder die Herden erst einmal nach Osten zu am Cimarron entlang zu treiben – wenn es sein muss, bis nach Missouri hinüber, ja sogar bis nach Sedalia. Doch das ist ein gewaltiger Weg. Und wahrscheinlich warten überall diese Ex-Guerillas auf Texasherden.
Sie schweigen und überlegen – und je länger sie das tun, umso bitterer ist ihre Erkenntnis, dass sie in der Klemme stecken.
Von Osten her kommt ein Reiter am Fluss entlang.
Sie blicken zuerst ziemlich uninteressiert. Aber dann wird ihnen klar, dass dieser Reiter sich in Deckung der Uferbäume und hohen Büsche hält und von drüben nicht gesehen werden möchte.
Schließlich winkt der Reiter. Es ist eine unmissverständliche Aufforderung, zu ihm zu kommen. Weil sie begreifen, dass er aus seiner Deckung nicht herausreiten will, reiten sie hinüber. Denn ihr Instinkt – und es ist der scharfe Instinkt von Herdenbossen in einer bösen Situation – sagt ihnen, dass sie sich diesen Reiter näher ansehen sollten.
Sie umgeben ihn bald schon im Halbkreis.
...





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