Hedwig Courths-Mahler 13. Auflage           

Lesen Sie hier eine Leseprobe aus der Romanreihe "Hedwig Courths-Mahler"
Zur linken Hand getraut
Schwester Maria hatte ihren Pflegling zur Ruhe gebracht. Sie neigte sich mit liebevollem Lächeln über das Bett des dreizehnjährigen Prinzen Herbert von Rastenberg und rückte ihm die Kissen zurecht. Er lächelte zu ihr auf und sagte: „Ich bin so froh, Schwester Maria, dass ich wieder gesund bin und mit Papa ausreiten darf! Das danken wir nur dir, Schwester Maria! Das sagt Papa auch.“
Er sah mit glücklichen Augen zu seiner Pflegerin auf, die noch einmal glättend über die Daunendecke strich.
Im selben Augenblick wurde die Tür geöffnet, und der Vater des Prinzen, Fürst von Rastenberg, trat ein. Als sein Blick Schwester Maria traf, die von Prinz Herberts Lager zurücktrat, leuchteten seine Augen seltsam auf. Dann wandte er sich seinem Sohn zu und fasste mit warmem Druck die feste Knabenhand.
Der junge Prinz richtete sich in seinem Bett empor und fragte mit schmeichelnder Stimme; „Darf ich morgen Emir wieder reiten, Papa?“
Ein Freudestrahl blitzte in den Augen des Fürsten auf.
„Gewiss! Und wenn du dich wieder so tapfer hältst wie heute, soll er dein Eigentum sein.“
„Oh, dann gehört er mir! Sieh, meine Hand, sie ist hart wie Stahl!“
Der Fürst umschloss die Knabenhand wieder mit der seinen. Und dann wandte er sich nach der Schwester um, die bescheiden zurückgetreten war.
„Haben Sie das gehört, Schwester Maria? Hart wie Stahl ist Herberts Hand.“
„Ja, Durchlaucht“, antwortet sie scheinbar ruhig. Aber ihre Lippen zuckten wie in verhaltener Erregung.
Der Fürst war bei der letzten Frage auf Schwester Maria zugetreten. Sein Blick heftete sich mit leuchtendem Ausdruck auf ihr schönes, stilles Gesicht.
„Sie haben ja teil an meinem Sohn, haben ihn mir neu geschenkt. Ohne Sie wäre er verloren gewesen“, sagte er, und tiefe Bewegung zitterte in seiner Stimme.
Ihr Blick senkte sich vor seinen strahlenden Augen.
„Durchlaucht bewerten meine Hilfe zu hoch“, wehrte sie bescheiden ab.
„Immer weisen Sie meinen Dank zurück“, sagte der Fürst mit leisem Vorwurf.
„Auch von mir lässt sich Schwester Maria keinen Dank gefallen, Papa!“, rief Herbert. „Aber wir zwei wissen genau, was sie für uns getan hat, nicht wahr?“
Der Fürst nickte seinem Sohn freundlich zu.
„Ja, Herbert, wir wissen es und werden es nie vergessen! Und je weniger sich Schwester Maria diesen Dank gefallen lässt, desto tiefer stehen wir in ihrer Schuld. Aber nun still, mein Sohn, Schwester Maria sieht mahnend nach der Uhr, es ist Schlafenszeit für dich. Gute Nacht, mein Sohn, schlafe gut!“
Er trat wieder an das Lager seines Sohnes zurück und beugte sich nieder, um ihn zu küssen.

* * *

Seit zwei Jahren schon weilte Schwester Maria auf Schloss Lehnsdorf. Die verstorbene Fürstin Rastenberg, Herberts Mutter, war eine geborene Gräfin Lehnsdorf gewesen, und durch die eheliche Verbindung mit ihr war Fürst Rastenberg Besitzer der reichen Grafschaft und dieses herrlichen Schlosses geworden.
Prinz Herbert war der einzige Erbe des Fürsten, und als solchem würden ihm einst nicht nur die Lehnsdorfschen Güter gehören, sondern er würde später auch Herr über die in Österreich gelegenen fürstlichen Besitzungen seines Vaters sein.
Fürst Rastenberg lebte schon seit Jahren fast ausschließlich auf Schloss Lehnsdorf. Er ging nur jedes Jahr einige Wochen nach Rastenberg, um dort nach dem Rechten zu sehen.
Seit fünf Jahren war Fürst Rastenberg verwitwet. Seine Gemahlin, eine zarte Erscheinung, war rasch an einer Lungenentzündung gestorben, die sie sich in Wien nach einem Hofball zugezogen hatte.
Auch Prinz Herbert war von Geburt an ein zartes, anfälliges Kind gewesen, dessen Gesundheit dem Fürsten stets große Sorge gemacht hatte. Als er im zehnten Lebensjahr stand – damals war die Fürstin bereits nicht mehr am Leben – begann Prinz Herbert zu kränkeln. Ohne dass man den Sitz des Leidens ergründen konnte, wurde er von Woche zu Woche matter und kraftloser. Die Ärzte waren ratlos und Botho Fürst von Rastenberg lebte in fortgesetzter Besorgnis, seinen Erben zu verlieren.
Auf den Rat eines Freundes berief er den berühmten Professor Bernd an das Krankenlager seines Sohnes.
Professor Bernd kam aus der herzoglichen Residenz nach Lehnsdorf und brachte gleichzeitig eine Krankenschwester mit, Schwester Maria.
Ihr vertraute er die Pflege und Beobachtung des Prinzen für die ersten Tage an, bis er in der Lage war, seine Diagnose mit Sicherheit zu stellen. Schwester Maria arbeitete schon längere Zeit in seiner Klinik, und er wusste, dass er sich unbedingt auf sie verlassen konnte.
Nach acht Tagen erklärte Professor Bernd, dass nur eines Prinz Herbert die Gesundheit wiedergeben könnte: eine Bluttransfusion.
Botho Fürst von Rastenberg hatte unbedingtes Vertrauen zu Professor Bernd. Sofort erklärte er sich bereit, sich selbst zur Verfügung zu stellen. Aber nach kurzem Überlegen schüttelte der Professor den Kopf. Er braucht einen jungen jugendlichen, lebenskräftigen Organismus.
Da sagte Schwester Maria: „Ich bin jung und kräftig und gern bereit, mich zur Verfügung zu stellen.“
Der Professor hatte sie prüfend, der Fürst zwischen Hoffen und Fürchten schwankend angesehen. Eine Weile herrschte Schweigen.
Der Professor musterte die jugendliche Gestalt der Schwester.
„Wollen Sie es wirklich tun, Schwester Maria?“ fragte er.
„Ja, Herr Professor.“
Die Bluttransfusion wurde kurze Zeit darauf vorgenommen.

* * *

Zwei Jahre waren seitdem verflossen. Prinz Herbert war ein kräftiger, gesunder Knabe geworden, der sich mit jedem Atemzug des neu geschenkten Lebens freute. Schwester Maria wurde, nachdem sie sich von dem Blutverlust erholt hatte, die Pflege des jungen Prinzen übergeben.
Voll Hingebung, jeden Dank zurückweisend, pflegte sie den Prinzen, und dieser hing bald mit rührender Liebe an der schönen, sanften Freundin, die ihn so unermüdlich umsorgte. Und als er dann endlich das Bett verlassen konnte, wollte er nichts davon hören, dass Schwester Maria wieder von ihm ging.
Fürst Rastenberg selbst wünschte, seinen Sohn auch fernerhin der Obhut der bewährten Pflegerin anzuvertrauen, die ja für seinen Sohn mehr als eine Pflegerin geworden war und an dem verwaisten Knaben wirklich Mutterstelle vertrat.
„Du und ich, wir gehören zusammen! Du bist mir wie eine zweite Mutter geworden, und du darfst nie wieder fortgehen von mir!“, hatte der junge Prinz damals gesagt, und über das schöne Gesicht seiner Pflegerin war ein halb wehmütiges, halb glückliches Lächeln geglitten.
Dieses Lächeln lag auch jetzt auf ihrem Gesicht, als sie am Fenster ihres Zimmers stand und in den alten Schlosspark hinaussah, über dem der Mond stand. Aber unvermittelt verschwand das Lächeln und machte einem traurigen Ausdruck Platz. Wie ein tiefes, namenloses Leid lag es jetzt auf ihren Zügen.
Ein schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust.
„Ich muss fort – ich darf nicht länger hier bleiben“, sagte sie vor sich hin. Und in einen Sessel sinkend, barg sie das Gesicht in den Händen.
...



Top

Sie interessieren sich für unsere aktuellen Meldungen? Hier finden Sie die neuesten Informationen rund um unsere Verlagsprodukte.
mehr ...
Content Management by InterRed